Dr. Motte zum Loveparade-Jubiläum

„Wir wollten diese Beglückung“

Vor 25 Jahren zog die erste Loveparade über den Ku’damm. Ihr Gründer Dr. Motte über Politik, Mainstream und spirituelle Momente.

„Wenn ich auflege, kommen immer wieder Leute zu mir und sagen: „Du bist mein Hero.““: Dr. Motte, die Techno-Legende. Bild: dpa

taz: Dr. Motte, das Motto der ersten Loveparade 1989 lautete „Friede, Freude, Eierkuchen“. Mögen Sie eigentlich Eierkuchen?

Dr. Motte: Ja, wenn sie aus selbst eingesammelten Eiern von frei laufenden glücklichen Hühnern gemacht sind. Früher hatten wir das ja in Berlin: In den Hinterhöfen standen die Schweine-, Kuh- und Hühnerställe. Meine Mutter kannte das noch.

Klingt ja auch gut.

Eben. Ist auch ein Sprichwort. Mir fiel das damals ein, weil wir für Abrüstung auf allen Ebenen demonstrieren wollten.

Ach, darum ging’s?

Unsere neue Musik sollte ein Medium der Kultur und der Verständigung sein. Und wir wollten eine gerechte Nahrungsmittelverteilung.

Was haben denn Eierkuchen damit zu tun?

Das war eine Metapher. Friede für den Weltfrieden, Freude für die Musik und Eierkuchen für die gerechte Nahrungsmittelverteilung. Wenn etwa der Saatguthersteller Monsanto behauptet, mit Gentechnik den Welthunger beseitigen zu können, dann wollen die natürlich nur ein Monopol auf Grundnahrungsmittel schaffen. Man muss dagegen vorgehen, dass Nahrung privatisiert wird und Konzerne bestimmen, wer dazu Zugang hat.

Der Mensch: Matthias Roeingh wird am 9. Juli 1960 in Spandau geboren. Er begeistert sich für viele Arten von Musik von Klassik bis Jazz; seit Anfang der 80er Jahre spielt er in Punkrockbands. Seit 1987 legt er House-Musik auf, er ist Teilhaber und DJ in dem Schöneberger Club Turbine Rosenheim.

Der Marschierer: Unter seinem Künstlernamen Motte veranstaltet er mit seiner damaligen Lebensgefährtin Danielle de Picciotto am 1. Juli 1989 die erste Loveparade. Rund 150 Menschen ziehen hinter drei Pritschenwagen mit DJs her. Die Parade war als Demonstration genehmigt worden. Nach dem Mauerfall entwickelt sich die Loveparade am zweiten Juliwochenende zu einem Markenzeichen Berlins, Ende der 90er Jahre nehmen mehr als 1,5 Millionen Menschen daran teil. Seit 1996 findet sie in Tiergarten statt. Die locker-flockigen Ansprachen von Dr. Motte - den Doktortitel hatten ihm Freunde bereits 1991 verliehen - an der Siegessäule sind legendär.

Der Abmarsch: Ihr Massencharakter und die bei der Loveparade hinterlassenen Müllberge stoßen zunehmend auf Kritik. 1997 findet erstmals als Gegenveranstaltung die Fuckparade statt. 2001 verliert die Loveparade ihren Status als Demo: In der Folge müssen die Veranstalter unter anderem für die Reinigungskosten aufkommen. Doch das Geld reicht nicht: 2004 und 2005 gibt es keine Umzüge. Im Jahr darauf wird die Marke Loveparade an den Inhaber einer Fitnesskette verkauft. Seit der Katastrophe in Duisburg im Jahr 2010, bei der es 21 Tote und über 500 Verletzte gab, findet keine Loveparade mehr statt.

Der Politiker: Seit einigen Jahren engagiert sich Dr. Motte für Berlins Subkultur, vor allem gegen die Verdrängung von Clubs im Spreeraum. Er legt weiter auf und betreibt das Label Praxxis und eine Bookingagentur. Seinen 54. Geburtstag feiert er ganz öffentlich am 12. Juli im Suicide Circus. (taz)

Die Gentechnik ist eine neuere Entwicklung. Wie ernst war Ihnen die Politik am Ende der 80er Jahre?

Sehr ernst. Ich war schon als Junge bei Vietnam-Demos, zusammen mit meinen Brüdern. Es gibt da ein Bild vom letzten Gebäude in Hiroshima, das stehen geblieben ist. Das hat mich sehr geprägt. Ich habe nicht verstanden, wie Menschen so mit Menschen umgehen können. Und ich verstehe es immer noch nicht.

Es geht ums Überleben des Stärkeren, oder?

Wir sind doch die Familie der Menschen auf diesem Planeten! Und so müssten wir doch eigentlich miteinander umgehen. Das ist bis heute mein Anspruch: Ich kenne Sie beide nicht. Aber ich gehe mit allen so um, als wären wir Bruder, Schwester, Tanten, Onkel. Wenn ich mich als Außerirdischer der Erde nähern würde, dächte ich mir erst mal: Hübscher Planet, alles blau. Aber je näher ich käme, sähe ich: Das ist eine Lebensform, die sich gegenseitig umbringt. Das ist doch Wahnsinn!

Warum glauben Sie so fest, dass Musik die Menschen einander näherbringt?

Meine Mutter sang in einem Chor, bei uns zu Hause lief viel klassische Musik. Und ich dirigierte schon als Vierjähriger mit einem Kochlöffel das Orchester. Im Rückblick weiß ich: Die Musik und ich, das war eins, schon damals. Musik schafft das, sie schafft das Zusammenwachsen der Hirnhemisphären. Eine unglaubliche Kraft.

Bevor Sie Techno machten, waren Sie Punkrocker.

Elektronische Musik habe ich schon 1974 durch meinen Bruder kennengelernt, das war elektrischer Jazz. Vier Jahre hörte ich nur Jazz und ging überallhin, wo er gespielt wurde: ins Quasimodo, ins Quartier Latin, zu den Jazztagen. Damit war ich der elektronischen Musik schon ganz nah. Dank des britischen Radio-DJs John Peel, der neue deutsche Bands wie X-mal Deutschland oder Pyrolator vorstellte, entdeckte ich Punkrock, Postpunk und auch Elektronisches aus dem Düsseldorfer Raum. Das war neu, das elektrisierte mich – im wörtlichen Sinne.

Die sich entwickelnde Technoszene stieß auf scharfe Abneigung, besonders unter den Punks. Hat es Sie geschmerzt, ein Feindbild geworden zu sein?

Ich gehe da als Künstler ran: Ein Künstler macht ein Angebot, wirft es den Leuten zum Fraß vor, und die sollen dann sehen, was sie damit anfangen. Joseph Beuys machte das zum Beispiel so. Er konnte aber auch ganz plausibel erklären, warum seine Kreidetafeln oder Fettecken so aussahen, wie sie aussahen. Beuys ist eines meiner Vorbilder.

Beuys hat gern provoziert. Sie auch: Die gut 150 tanzenden Freaks 1989 mitten auf dem Ku’damm mussten von den einkaufenden Berlinern doch als Provokation gesehen werden.

Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben: Ich war schon immer anders, ein bunter Hund. Man darf sich von der öffentlichen Meinung nicht einschränken lassen und muss auch mal ein paar Sachen ausprobieren. In Westberlin hatten wir das Glück, recht behütet zu sein mit der ganzen Berlinförderung. Ein tolles Leben war das, voller Freiheit und Entspanntheit. Trotz der Ummauerung. Und billig: 30 Quadratmeter für 120 Mark.

Leute, Leute, Leute: die Loveparade 1997 im Tiergarten. Bild: dpa

Dann fiel die Mauer. Manche behaupten ja, die Loveparade hätte ein bisschen dazu beigetragen.

Quatsch. Sagen Sie das mal den Leuten, die regelmäßig auf den Montagsdemos waren: Die hatten von der Loveparade nichts gehört. Und für uns Acid-House-Liebhaber hat die DDR überhaupt keine Rolle gespielt. Uns ging es um das Aufbrechen musikalischer Strukturen: Popmusik, das war immer Strophe, Refrain, Zwischenteil, Strophe, Refrain, fertig. Drei Minuten dreißig. Das haben wir durch Acid House aufgelöst. Es gab plötzlich einen Beat, eine Sequenz, Stroboskop und Nebel. Das hat Zeit und Raum verändert. Und das wollten wir. Wir wollten diese Beglückung, die Sehnsucht der Erfüllung. Und das haben wir auch gekriegt.

Die Parade wurde in den 90ern immer größer und kommerzieller, ab 1998 zog sie etwa eine Million Menschen an. Wie kamen Sie klar mit dieser Entwicklung?

Von Anfang an war mir bewusst: Wenn man die Parade wiederholt, wird sie andere inspirieren, das Gleiche zu tun. Bereits 1992 gab es die Street Parade in Zürich. Das war beabsichtigt, es ging uns ja nicht um Erfolg. Die Vision war, dass irgendwann in allen Ländern zur gleichen Zeit die Menschen auf der Straße tanzen und entdecken, dass wir viel gemeinsam haben. Wenn alle Menschen Freunde werden und sich wie eine Familie fühlen, dann gibt es keinen Grund mehr, Kriege zu führen. Unsere Musik sollte eine neue Form der Kommunikation sein, eine Therapie zur Heilung der Menschen und des Planeten.

Stichwort „Weltrevolution“.

Ja, unsere Slogans wie „Peace on Earth“ oder „We Are One Family“ waren uns schon wichtig. Ich habe zwischenzeitlich die Meditation entdeckt, auch Bücher des Dalai Lama gelesen. Alles Gute, das aus der Loveparade entstanden ist, habe ich der Menschheit gewidmet: dass alle durch diese positive Energie mit ewigem Glück behaftet sind. Das war meine Motivation.

Der DJ oben auf dem Truck, die Menschen, die unten tanzen: das hat ja auch was Religiöses.

Nein. Höchstens etwas Spirituelles. Aber ich wollte immer vor allem etwas Gutes, Menschliches etablieren. Etwas Soziales.

Trotzdem: Die jubelnden Massen und der DJ, der den Regler hochfährt, das hat schon was von Gottesdienst, oder?

Die Massen, das kam später. Eigentlich wollten wir erst mal gar nichts außer uns selbst und die Freude an der Musik erfahren. Wir waren ja erst mal elitär unterwegs, wollten die bestehenden Strukturen aufbrechen. Der DJ war – ob in den Clubs Studio 54 in New York oder im Warehouse in Chicago – dabei erst mal nur der Katalysator des Augenblicks. Er schuf den Freiraum für die Tanzenden, die in der Frequenz aufgingen. Es ging nie darum, jemanden anzubeten. Allerdings wurde schnell aus der kleinen Bewegung eine Jugendkultur.

Und dann kamen die Massen und damit der Mainstream.

Schon 1992 kam „Schlumpftechno“ auf und stieg in die Charts ein. Damit hatte ich nix zu tun, das war mir zuwider. Auch bei „Somewhere over the Rainbow“ von Marusha fröstelt es mich. Das war vielleicht Pop, aber kein Techno.

War das auch der Grund, warum sich 2006 die Loveparade Berlin GmbH, deren Mitgesellschafter Sie waren, auflöste und die Markenrechte an die Firma des Fitnessstudiobetreibers Rainer Schaller verkaufte?

Nein. Alles fing damit an, dass es in Berlin zu viele Hasser der Loveparade gab. Spießer und Gelangweilte, die glaubten, dass 1,5 Millionen Menschen den Tiergarten zerstörten. Unabhängige Untersuchungen zeigten, dass der Tiergarten einen Monat nach der Loveparade genauso aussah wie zwei Wochen vorher. Es gab keine Schäden. Im Jahr 2001 schnappten uns diese Leute unseren Termin weg und meldeten selbst für das zweite Juliwochenende eine Demo an.

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben leider eine falsche Entscheidung getroffen und dagegen geklagt. Wir verloren in drei Instanzen viel Geld und unseren Status als politische Demonstration. Weil wir keine Termin- und Ortssicherheit mehr bieten konnten, sprangen Sponsoren ab, wir verbrauchten unsere Rücklagen. Im Jahr 2004 hatten wir kein Geld mehr. 2006 wurde Rainer Schaller den Mitgesellschaftern als Retter präsentiert. Ich war total gegen den Verkauf, denn die Kulturmarke Loveparade gehörte eigentlich allen, die beteiligt waren. So etwas kann man nicht privatisieren. Das ist im Grunde politisch.

Trotzdem hatte Techno als Jugendbewegung den Ruf des Unpolitischen, Hedonistischen.

Wenn man sich die Reaktion der Leute anschaut, die unsere Musik nicht mögen, dann sind wir eine Revolution so wie Rock ’n’ Roll, der damals auch schon die Spießer schockte. Statt Lärmschutz bräuchten wir einen Musikschutz. Und in Berlin wird die Club- und Feierkultur, die wir durch die Loveparade international bekannt gemacht haben, immer mehr zum Spielball wirtschaftlicher und politischer Interessen.

Sie haben sich gegen die Mediaspree-Bebauung und für den Erhalt des Tacheles engagiert. Ist das nicht ein krampfhaftes Festhalten? Dinge und Orte verändern sich eben.

Berlin hatte, historisch bedingt, einen Sonderstatus. Die vielen Freiräume, die es gab, waren ein Glücksfall: Nach dem Fall der Mauer herrschte plötzlich Wildwest. Fast 25 Jahre später sehe ich, dass nach und nach alles privatisiert wird. Trotz Bürgerentscheids darf ein Investor an der East Side Gallery bauen. Es gibt keine Regeln, die Stadt wird immer hässlicher. Mit Berlin als Stadt der Clubkultur wird es dann bald vorbei sein. Dabei war dieser Imagewandel – weg vom bösen Deutschen und hin zur coolen Feierstadt – ein internationaler Durchbruch, den wir mit der Loveparade mitbegründet haben.

Ein historisches Verdienst.

Das wird verspielt. Da wird ein Stadtschloss gebaut, obwohl die meisten Berliner dagegen sind. Und dann die Olympia-Anmeldung! Es wurde ja schon einmal – in den 90ern – durch Proteste verhindert, dass Berlin Olympiastadt wird. Dass jetzt überhaupt darüber nachgedacht wird … Es müssten eigentlich viel mehr Berliner auf die Straße gehen gegen die Olympiapläne. Denn Olympiastadt hieße, dass Berlin noch teuer, noch unmenschlicher wird. Man schaue sich nur mal an, was die Fußball-WM in Brasilien anrichtet!

Sie haben lange in der Kastanienallee in Prenzlauer Berg gewohnt und sich dort in einer Bürgerinitiative gegen den Umbau – Parkbuchten für Autos, ebene Bürgersteige – engagiert. Vor wenigen Monaten sind Sie in den Wedding gezogen.

Ich bin 2007 – nach 25 Jahren in Kreuzberg – nach Prenzlauer Berg gezogen und im vergangenen Dezember wieder weg. Denn ich bin dort nie wirklich angekommen, habe keine Beziehung zu der Gegend entwickelt. Pankow war zu DDR-Zeiten der Bezirk der Künstler, jetzt ist es der Bezirk der Privatinteressen. Wohnraum wird dort unbezahlbar, selbst die Wohnungsbaugesellschaften sind von neoliberalen Menschen infiltriert. Nach 22 Uhr herrscht dort eine eigenartige Ruhe. Weil die Leute, die dort Wohnungen gekauft haben, darin oft selbst nicht wohnen, das sind nur Renditeobjekte.

Sie sind jetzt fast 54 Jahre alt. Finden Sie es nicht schön, wenn nach 22 Uhr mal Ruhe ist?

Nö.

Anders gefragt: Sie legen noch immer in Clubs auf, betreiben das Label Praxxis, buchen Künstler. Wie fühlt es sich an, in Ihrem Alter noch Teil einer Jugendbewegung zu sein?

Wenn ich auflege oder bei Veranstaltungen unterwegs bin, kommen immer wieder Leute zu mir und sagen: „Du bist mein Hero.“ Sie verehren mich, weil ich diese Musikkultur mit etabliert habe. Und ich mache immer noch die selbe Musik, weil ich sie liebe. Mit Jazz und Punk habe ich gebrochen. Aber mit der elektronischen Musik habe ich einen Freiraum gefunden, den ich ausfüllen kann. Von sphärischen Klängen bis 1.000 Beats per Minute kann ich alles machen. Das Einzige, was mich einschränkt, ist mein Geist. Technologisch aber ist alles möglich.

Wie nennen Sie eigentlich Ihre Musik?

Techno. Oder einfach Dr.-Motte-Sound. Die Magazin Faze schrieb über mein Label: „Praxxis rettet das Gefühl von damals mit den Sounds der Moderne in die Zukunft.“ Schön, oder?

Aber gibt es den Spirit noch? Mit Massenraves ist es seit der Loveparade-Katastrophe von Duisburg 2010 vorbei.

Die Veranstaltung in Duisburg hatte mit dem Spirit von Techno nichts mehr zu tun. Trotzdem war diese Katastrophe schrecklich, wie alle Katastrophen. Die in Duisburg war noch dazu vermeidbar, sie entstand aus Missmanagement und Unkenntnis. Das Ruhrgebiet hatte einfach keine Erfahrung mit Veranstaltungen dieser Größenordnung. Unter den Überlebenden gibt es Menschen, bei denen das Trauma jetzt erst durchbricht. Von dieser Erfahrung müssen wir alle lernen. Aber wenn eine Stadt solche Massenevents stemmen kann, dann Berlin. Sehen Sie nur mal die Fußballfanmeile an: Dafür haben wir mit der Loveparade den Grundstein gelegt.

Klaus Wowereit sollte Ihnen dankbar sein.

Er kann gerne mal hier in meinem Büro vorbeischauen. Dann könnten wir über das Loveparade-Jubiläum reden.

Dieses Interview ist Teil des aktuellen Themenschwerpunkts in der Wochenendausgabe der taz.berlin. In Ihrem Briefkasten und am Kioks.

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