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Dortmunder Kapitulation im TitelrennenKaputter Wettbewerb

Borussia Dortmund wirft das Handtuch. Trotz der Niederlage und entschiedenen Meisterschaft freut man sich, gegen den FC Bayern mitgehalten zu haben.

Gute Grätsche: Nico Schlotterbeck ist gegen den FC Bayern wieder mal ein formidabler und fehleranfälliger Verteidiger Foto: Angelika Warmuth/reuters

Eigentlich hat dieser 3:2-Sieg des FC Bayern bei Borussia Dortmund eine sehr tragische Seite, aber die mochte niemand sehen nach diesem mitreißenden Klassiker. Nicht nur der Münchner Trainer Vincent Kompany sprach von „Werbung für die Bundesliga“, weil die beiden besten deutschen Mannschaften sich offensiv, intensiv und auch niveauvoll duelliert hatten. Sogar die Dortmunder waren zufrieden, „wir haben einen geilen Fight geliefert“, sagte Torwart Gregor Kobel. Dass die wichtigste Frage der Saison, nämlich wer Meister wird, nun schon Ende Februar entschieden ist, wurde ausdrücklich verdrängt. Dabei hat sich die Annahme bestätigt, dass der Wettbewerb kaputt ist, was sich gut an Niko Kovac erkennen ließ.

Der Dortmunder Trainer war tatsächlich „zufrieden“ nach dieser Niederlage, die den Traum von einem Titel zur unerreichbaren Utopie werden ließ. Genau wie Sportgeschäftsführer Lars Ricken sah er keinen Anlass zur Betrübnis. Beim BVB haben sie sich mit der Übermacht des Rivalen aus München arrangiert. „Die Bayern kaufen für 70, 80 Millionen Euro Topspieler, wir kaufen Entwicklungsspieler“, sagte Kovac, und genau das war nicht nur in den entscheidenden Momenten erkennbar.

Harry Kane ist wirklich unglaublich mit seinen nunmehr 30 Toren und dem vierten Spiel in Folge, in dem er zwei Treffer erzielte. Joshua Kimmich hatte zwei Momente, die Kovac als „Weltklasse“ bezeichnete, als er das 1:1 einleitete und das 2:3 mit dem schwachen linken Fuß selbst schoss. Demgegenüber standen auf der Dortmunder Seite Leute wie Yan Couto, Maximilian Beier, der womöglich schwer verletzt ausgeschiedene Emre Can, Karim Adeyemi und Fabio Silva, die sich schon anstrengten. Die unter den Bedingungen solch eines intensiven Spiels aber nicht klar und präzise genug agieren: im Passspiel, bei den Ballannahmen, in der Entscheidungsfindung, im Torabschluss.

Im Zustand der Zerfahrenheit auf Augenhöhe

Augenhöhe erreichten die Dortmunder nur, solange es ihnen vor allem vor der Pause gelang, einen Zustand zu erzeugen, den Joshua Kimmich als „sehr zerfahren“ bezeichnete. „Natürlich hätte ich mir mehr Kontrolle gewünscht“, sagte der Münchner Kapitän, aber nach der Pause haben die Münchner sich sortiert, sind „ganz ruhig aus der Kabine gekommen und haben einfach ihre „Arbeit gemacht“, sagte Kompany. Umgehend waren die Rollen so verteilt, wie sie sich auch in den Köpfen verfestigen.

Bisher hat der BVB immer noch den Eindruck gemacht, sich irgendwie gegen die Übermacht auf allen Ebenen zu wehren. Nun scheint es ihnen zu reichen, mitzuhalten. „Man sieht, dass wir hier ein bisschen was entwickeln“, erklärte Kovac, „die Stimmung war sehr, sehr gut und das zeigt auch, dass die Menschen hier sehr zufrieden waren.“ Das schwarz-gelbe Handtuch ist in den Ring geflogen.

Interessant ist in diesem Kontext die Frage, was Nico Schlotterbeck über die Situation und die Dortmunder Kapitulation denkt, die klang, als gelte sie über die Saison hinaus. Der Innenverteidiger hatte das Dortmunder 1:0 geköpft, und er hat so entschlossen gejubelt, als sei er überzeugt, doch noch die Meisterschaft gewinnen zu können. Zugleich beging er aber eben auch zwei Fouls, die in Erinnerung bleiben. Zunächst hatte er viel Glück, als ihm nach einer harten Grätsche gegen Josip Stanisic eine rote Karte erspart blieb. Vor allen Dingen jedoch hat er die Niederlage mitzuverantworten, weil er den Elfmeter verursachte, den Kane zum 1:2 verwandelte.

Als Schlotterbeck nach dem Spiel gefragt wurde, ob er den Bayern angesichts der elf Punkte Rückstand zum Meistertitel gratulieren wolle, war sein innerer Widerwille erkennbar. Schlotterbeck hatte vor ein paar Wochen ohne Absprache mit Trainer und Klubführung den Meistertitel zum Ziel erklärt. Dieser Ehrgeiz, diese Art, groß zu denken, steht im deutlichen Widerspruch zu den Signalen der Unterwürfigkeit, die von Kovac und Ricken kommen.

Im Moment lässt sich von außen kaum sagen, wie Schlotterbeck vor diesem Hintergrund über seinen Verbleib beim BVB denkt. Doch größere Klubs wie die Bayern haben womöglich kein allzu großes Interesse an ihm. An diesem Abend war gut erkennbar, woran das liegen könnte.

In verschiedenen Kategorien ist Schlotterbeck ein Weltklasse-Verteidiger. Sein linker Fuß ist vielleicht sogar einzigartig. Seine Entschlossenheit reißt Mannschaften mit, seine körperliche Robustheit ist enorm. Aber Fußball ist ein Spiel, in dem es auf Momente ankommt. Und in diesen Momenten fügt er seinen Teams immer noch zu oft Schäden zu. Immer wieder verursacht er Elfmeter oder rote Karten. „Bei Schlotti ist es ja oft so, dass er eine Hop-oder-Top-Grätsche macht“, sagte Kimmich. Vielleicht liegt das auch an der Rolle des Chancenlosen, der an Grenzen gehen muss, um mithalten zu können, aber im Moment reicht nicht mal das.

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