„Dorian Gray“ am Berliner Ensemble: Ein Zauber, der viele erfasst
Heiki Riipinen inszeniert Oscar Wildes ewigen Bestseller am Berliner Ensemble als Feier queeren Lebens. Die dürfte gerne länger dauern.
Bei der Aufführung von „Das Bildnis des Dorian Gray“ am Berliner Ensemble (BE) geschieht Wunderbares. Etwa wenn der Schauspieler Gabriel Schneider, der Lord Henry spielt, zwischen Diva und Dandy hin und her wechselt – unwiderstehlich, diabolisch, ironisch bis ins Mark und nie wirklich greifbar. Oder, wenn Max Gindorff alias Dorian Gray eimerweise Kunstschnee auf das schwarze Linoleum kippt und damit augenblicklich ein Assoziationsgewitter vom Schneegestöber bis zu Rauschzuständen auf Berliner Technopartys auslöst.
Und plötzlich steht der erschossene Matrose wieder auf. Amal Keller spielt ihn als Zombie, der mehr kriecht als läuft und sich, von düsteren Klängen begleitet, in eine Art Revanche-Tanz steigert. All diese Figuren sind Teil von Heiki Riipinens Inszenierung, die am 19. März am Bertolt-Brecht-Platz Premiere feierte.
Oscar Wildes berühmter Roman wurde bereits unzählige Male verfilmt und als Theaterstück, Oper oder Musical aufgeführt. Die Geschichte handelt von einem Mann, der für immer jung und attraktiv bleiben möchte. Sie gilt als Plädoyer für den Ästhetizismus, der Schönheit die absolute Priorität einräumt. Wilde untersucht in seiner Erzählung aber auch die Konsequenzen einer solchen Lebensweise: Dorian Gray muss für seine Ausschweifungen einen hohen Preis zahlen.
Im prüden viktorianischen Großbritannien sorgte die Veröffentlichung für großes Aufsehen. Als Wilde später wegen Unzucht angeklagt wurde, zog man unter anderem diesen Roman als Beweismittel heran.
Ein Body aus gerafftem Latex
Für die Aufführung am Neuen Haus des BE haben Regisseur Riipinen und Dramaturg Johannes Nölting die Handlung auf ihren Kern reduziert und um ein paar moderne Passagen erweitert. Riipinen setzt sich in seinen Inszenierungen gerne mit Macht, Geschlecht und Sexualität auseinander.
„Das Bildnis des Dorian Gray“ nach Oscar Wilde, Berliner Ensemble, wieder am 28.3., 21. und 22. 4. jeweils 20 Uhr sowie 29.3., 19 Uhr
Ans BE kam er über ein hausinternes Nachwuchsprogramm und inszenierte dort zuletzt „Hedda“ von Henrik Ibsen. Bei Oscar Wilde hat er seinen Fokus auf die gesellschaftliche Unterdrückung von queerem Begehren gelegt. Was dabei herauskommt, ist Theaterzauber.
Natürlich ist so eine Verzauberung höchst individuell. Aber sie scheint an diesem Abend viele zu erfassen. Nur, wie schaffen es Riipinen und sein Team, dass man nach zweieinhalb Stunden denkt: Schade, schon vorbei? Vermutlich liegt es am perfekten Zusammenspiel aller Gewerke, die dafür sorgen, dass man vollständig im Geschehen aufgeht.
Das fängt schon beim Programmheft an, in dem ein lesenswertes Interview mit dem Maler Norbert Bisky über das Schwulsein in der DDR steht. Dann die von Louise-Fee Nitschke gefertigten Kostüme. Sie sind spektakulär: Ein Body aus gerafftem Latex, der seinen Träger gleichzeitig muskulös und feminin erscheinen lässt, aber auch der extravagante Satinmantel mit Puffärmeln und Schleppe, das Korsett, die grünen Perlenketten, das Leather-Cap, die Overknees.
Das Publikum als Gemälde
Der Komponist Amund Ulvestad untermalt die einzelnen Szenen mit Chopin, Elektro oder der Brat-Sängerin Charli xcx, aber nie so, dass man sich zu einer Emotion genötigt fühlt. Alle vier Darsteller*innen spielen enorm gut. Den Großteil des Stückes geben sie sich unterhaltsam, immer eine Spur drüber und amüsant. Verletzlich und roh zeigen sie sich hingegen in dramatischen Momenten, vor allem zwischen Max Gindorff und Paul Zichner, der den heimlich in Dorian Gray verliebten Maler spielt.
Super auch, den Zuschauerraum mit einzubeziehen. Sei es, um einen Theaterbesuch im Theater zu inszenieren oder um dem Publikum die Rolle des Gemäldes aufzudrücken, an dem das Drama nicht spurlos vorübergeht. In der Pause tanzt Gindorff einfach durch. Was für eine Feier queerer Lebensrealitäten!
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