Don Karlos-Neufassung in Bonn: Prinz Karlos ohne Halt
Regisseur Felix Krakau lässt in Bonn Don Karlos durchs Licht staksen. Seiner Schiller-Überschreibung scheint er selbst nicht recht zu trauen.
Streckenweise wirkt es wie ein Schnellsprechwettbewerb: Felix Krakau hat fürs Theater Bonn eine neue Fassung von „Don Karlos“ geschrieben und auch inszeniert, scheint aber seinem eigenen Text auch nicht so recht über den Weg zu trauen. Die sechs Spieler*innen spulen ihre jeweiligen Passagen in Höchsttempo und überraschend ausdrucksarm ab, wenn auch gut artikuliert.
Auch, was sich im Skript wie freie Verse gelesen hatte, wirkt auf der Bühne nur noch wie blasseste Prosa. Da schwingt nichts, da tönt nichts, das rattert nur. Schade.
Denn die Übertragung von Schillers dramatischem Gedicht in Krakaus eigene, gegenwärtige Sprache ist bei weitem das Interessanteste an dieser Überschreibung des kanonischen Dramas: Es ist nicht ohne Witz, wenn Marquis Posa den Herrscher warnt, er drohe „als x-beliebiger König in der Geschichte“ unterzugehen: „niemand wird sich erinnern / ob Sie Phillipp der 2., 3. oder 4. waren“, sagt Krakaus Marquis von Posa schnoddrig, bevor er ihm, mit Schiller-O-Tönen, empfiehlt, Gedankenfreiheit zu geben, damit er „von Millionen Königen ein König“ werde.
„Don Karlos (A New Morning)“, Felix Krakau nach Friedrich von Schiller, Theater Bonn, Spielstätte Bad Godesberg, 18. und 23.4., 19.30 Uhr
Die Karlos-Fassung muss in Bonn, aufgerüscht mit dem ins Englische übertragenen Schiller-Zitat „a new morning“ als Untertitel, für die Spielplanposition Uraufführung herhalten. Das grenzt an Hochstapelei: Die Bearbeitung ist dafür viel zu zögerlich.
Während das Historien- und Gesellschaftsdrama Tankred Dorst vor 30 Jahren zu wütender Entgegensetzung und Umwertung der moralischen Personenbewertung reizte – sein „Karlos“ war auch in Bonn ein echter Bühnenskandal der frühen 1990er –, ergeht sich Krakau in Respekt für die Vorlage.
Er folgt ihrer Dramaturgie – Königssohn Karlos liebt seine Stiefmama, Marquis von Posa verstrickt ihn, sie und sich in heillose emanzipatorische Intrigen, während Alba mit der fatalen Frau Eboli den aggressiven Konservatismus von Philipp II. erfolgreich gegen sie in Stellung bringt. Auch übernimmt der Jungdramatiker sehr weitgehend die Machtanalyse des ausgehenden 18. Jahrhunderts am Vorabend der Revolution.
Ihre psychologische Tiefe verwirft Krakau hingegen: Dass die Akteur*innen so hölzern wie Marionetten agieren, ist hoffentlich einer Regie-Entscheidung und nicht etwa schauspielerischem Unvermögen geschuldet.
Dafür spricht, dass sie oft genug durch Florian Schaumbergers lichtkünstlerisch abstrakt gestaltete Bühne auf Schattenrisse reduziert werden. Dabei gelingen aparte Bilder. Sie wirken wie technologisch avancierte 80er-Jahre-Neon-Reminiszenzen.
Gut lesbare Symbolik
Deren Symbolgehalt ist gut zu entziffern: Die Personen bewegen sich in je ihren Leuchtstoffröhrenrahmen. Eine Treppe aus Licht verheißt Aufstieg im Höfischen oder gesellschaftlichen Absturz. Als Gegenbild zu jener Welt der Konventionen kitscht ein hellblauer Himmel mit Schäfchenwolken, die sich auf dem glattpolierten Bühnenboden spiegeln.
So scheint sich Jacob Z. Eckstein als traumtänzerischer Infant durch sie hindurchzubewegen. Allerdings: gaksig staksig eher als schwebend beschwingt.
Haltlos, könnte man auch sagen. Und das beschriebe die ganze Produktion: Wo Schiller Träume von Freiheit im Dialog, also zwischen den Personen des Dramas, entstehen lässt, ist dieser utopische Gehalt bei Krakau fast nur in chorischer Schilderung zugegen, in skeptisch-distanzierter Draufsicht.
Das Pathos eines identifikatorischen Zugangs wird nicht zugelassen. Die Ironie aber zündet nicht mehr. Also wird die übrig gebliebene Textmasse in Timo Heins fade Elektrobässe gesülzt und dann eben absolviert. So schnell wie nur eben möglich.
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