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Dokumentarfilm über KinderverschickungDie kleine und die große Betroffenheit

Katrin Sikora nähert sich im Dokumentarfilm „Schwarze Häuser“ dem Thema Kinderverschickung und ihrer eigenen Familiengeschichte. Dazu begleitet sie Betroffene.

„Ich habe nicht viel zu sagen“, sagt die Mutter der Dokumentarfilmerin Katrin Sikora. „Ich bin ja nur eine kleine Betroffene.“ – „Sie hasst es, wenn ich nachbohre“, sagt die Tochter. – „Es muss was gewesen sein“, sagt die Mutter der Mutter. „Aber was, das kann ich nicht sagen.“

Zu Beginn streift die Kamera still durch Flure und Säle eines verlassenen Kinderheims. Die Bilder sind in gedämpften Farben und einem dunklen Blauton, der sich dann im Dunkelblau des Pullovers von Sikoras Mutter wiederfindet. Die Regisseurin steckt ihr das kleine Mikro an. Erst vor einigen Jahren hat Sikora erfahren, dass ihre Mutter ein „Verschickungskind“ war – und dass dieser Begriff für ein Kursystem steht, an dem Ärzte, private, kirchliche oder kommunale Kurheime, Kurorte und, nicht zu vergessen, die Bahn viel Geld verdienten.

Ziel war es, kranke Kinder zu heilen oder sie – präventiv – in Meer- oder Bergluft aufzupäppeln. Zu dick, zu dünn, zu blass, das galt für viele. Um die 12 Millionen Menschen in der BRD und DDR sind ehemalige Verschickungskinder – „kleine Betroffene“, wie Sikoras Mutter, oder schwer traumatisiert aufgrund der brutalen Erfahrungen, die sie in einer der Kinderkureinrichtungen der BRD und DDR machen mussten.

Der Film

„Schwarze Häuser“. Regie: Katrin Sikora. Deutschland 2026, 85 Min. Ab 8. 7. auf Kinotour, Termine: www.katrinsikora.com

Sechs Wochen war Sikoras Mutter im niedersächsischen Bad Rothenfelde auf Kinderkur. Dass sie dort nachts ins Bett gemacht hat, erzählt sie, weil sie nicht auf Toilette gehen durfte. „Das war nicht so toll“, gibt sie zu. Dass sie sich als „kleine Betroffene“ bezeichnet, ist nicht untypisch für die Generation der Nachkriegskinder. Sich nicht in den Mittelpunkt stellen, nicht beklagen, sich selbst und seine Gefühle nicht so ernst nehmen. Aufrecht sitzt sie im Interview auf dem Sofa. Ihr Blick freundlich, fest, vielleicht ein bisschen verunsichert. Nicht alle Betroffenen, die Sikora interviewt, bleiben cool. Danach „wollte ich nicht mehr niedlich sein“, sagt eine Frau im Film. Sie weint.

Aufarbeitung ist schmerzhaft

Der Film zeigt historisches Archivmaterial, aber setzt mehr auf die persönlichen Begegnungen und Interviews mit der eigenen Mutter und Großmutter sowie mit Zeitzeug:innen. Nicht alle wollten sich filmen lassen, zu hören ist dann nur die Tonspur, während ein Flimmern über den Bildschirm läuft. Bildstörung, Leerstellen, Aufarbeitung ist schmerzhaft. Zwei Menschen begleitet Sikora auf ihrer persönlichen Reise bei der Begegnung mit der Vergangenheit.

Detlef Lichtrauter ist Sprecher der Bundesinitiative Verschickungskinder. Er hat sich eine Auszeit genommen und reist mit seinem Camper quer durch Deutschland, um Archive und lokale Initiativen abzuklappern. Aus Einzelschicksalen hat sich längst eine Bewegung formiert. In Wülfrath bei Wuppertal ist Lichtrauter dabei, als eine Begehung der ehemaligen Klinik Aprath mit dem Bürgermeister stattfindet.

Das Gebäudeensemble ist zerfallen, es regnet heftig. Das Gelände gehört längst Investoren, der Bürgermeister möchte „die Relikte“ möglichst schnell beseitigen lassen. Die Initiative wünscht sich ein Erinnerungszeichen daran, dass hier der Bayer-Konzern an kranken Kindern Säfte und Beruhigungsmittel getestet hat.

Schwarze Häuser als Geheimcode

Mit der Kinderbuchautorin Sabine Ludwig reist Sikora auf die Nordseeinsel Borkum: Bahnhof, Strand, Leuchtturm, Schnipsel aus 8-Millimeter-Filmen von den Strandhotels in den 1960ern. Ludwig hat ihre Geschichte in dem den Filmtitel gebenden Buch „Schwarze Häuser“ verarbeitet. Mit ihren Eltern hatte sie einen Geheimcode verabredet: Wenn es ihr gut geht, schickt sie eine Postkarte mit bunten Häusern; die Postkarten blieben schwarz-weiß, aber niemand kam sie abholen.

Katrin Sikora legt mit „Schwarze Häuser“ ihren Abschlussfilm an der Filmuniversität Potsdam-Babelsberg vor. Ich muss zugeben, als ehemaliges Verschickungskind war mir mulmig, dass der Film zu sehr auf die Tränendrüse drücken könnte. Das tut er nicht, er nimmt einen mit in seinem ruhigen Wechsel von Außen- und Innenaufnahmen bei Reisen und Interviews. Dass der Film außerdem die Arbeit einer Jugendtheatergruppe, die am Deutschen Theater Berlin Sabine Ludwigs Roman „Schwarze Häuser“ szenisch umsetzt, einbezieht und damit eine zusätzliche Ebene einführt, tut ihm gut. Was können Jugendliche heute mit dem Thema anfangen?

Am Anfang sitzen sie im Kreis, lesen sich gegenseitig Postkarten von Verschickungskindern aus den Kuraufenthalten vor. Gemeinsam überlegen sie, ob die Sätze wahr oder gelogen sein könnten. Zu konform, zu genormt, befinden sie: also gelogen. Gegen Ende des Films erobern die Jugendlichen die Räume eines ehemaligen Heims, vielleicht das vom Anfang, beleben den Ort szenisch, indem sie sich im Schlafsaal in eins der kargen Betten legen, am Esstisch versammeln und das Tablett mit den ihnen zugedachten Tabletten wegschieben. Theater- und Filmebene werden hier verwoben.

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Trailer „Schwarze Häuser“

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Wo waren die Erwachsenen, fragt die Regisseurin aus dem Off. Es gab vereinzelt Elternbeschwerden. Ein ehemaliger Praktikant begehrte auf und erreichte sogar die Entlassung einer Heimleiterin. „Wir waren eine Ware“, sagt die Kinderbuchautorin Ludwig. Es war ein industriell aufgezogenes Verschickungssystem, sagt Detlef Lichtrauer. Er fordert die Anerkennung des Leids und wissenschaftliche Aufarbeitung: „Prävention gelingt nur mit Aufarbeitung.“ An solchen Stellen gerät der Film vielleicht etwas zu didaktisch.

Wer übernimmt heute Verantwortung, wer übernahm damals die Verantwortung für das Geschehene? Die Jugendlichen kommen zu ihren eigenen Schlüssen. „Den Kindern wurden die Grundbedürfnisse entzogen“, sagt eine Schülerin der Theatergruppe. „Ist es die Angst vor der Antwort, dass es den Eltern schlichtweg egal war“, fragt ein Jugendlicher. Die Regisseurin fragt sich mit Blick auf ihre vierjährige Tochter: „Werde ich rechtzeitig eingreifen?“

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