Dokufiktionaler Berlinale-Film „London“: Das erzählte Leben
Zuhören zwischen privat und politisch: Im Spielfilm „London“ von Sebastian Brameshuber geraten Fremde in treffend existenzielle Gespräche (Panorama).
Es gibt diese Situationen, in denen man mit unbekannten Menschen eine gewisse Zeit verbringen muss. Es kann manchmal verklemmt, sogar peinlich sein, oder man öffnet sich und inspirierende, unerwartete Gespräche entfalten sich plötzlich und mühelos. In seinem Gedicht „Einem Fremden“ hat Walt Whitman diesen letzteren Zustand in nur drei Zeilen zusammengefasst: „Fremder, wenn du vorbeigehst und möchtest mich anreden / Weshalb solltest du nicht mit mir sprechen? / Und weshalb ich nicht mit dir?“
Auch dem österreichischen Regisseur Sebastian Brameshuber ist es in seinem Film „London“ gelungen, das besondere, oft unerwartet tiefsinnige Verhältnis, das man mit einem fremden Menschen eingehen kann, mit großer Natürlichkeit zu beschreiben. Zwei Stunden lang beobachtet man als unsichtbarer Mitfahrer den 70-jährigen Lebenskünstler Bobby (unkompliziert und neugierig: Bobby Sommer), der zwischen Wien und Salzburg mit seinem Auto hin- und herfährt. Da er mehrmals die Woche unterwegs ist, nimmt er stets wechselnde jüngere Menschen mit, um ein wenig Spritkosten zu sparen.
Die Gespräche, die in dem begrenzten Innenraum entstehen, schwanken von Oberflächlichkeit bis zu tiefgehendem Austausch und wirken überzeugend aus dem Leben gegriffen. Brameshuber erschafft eine Filmsprache, die sich zwischen Dokumentarischem und Fiktion bewegt und keins von beiden zu 100 Prozent ist. Die Autobahn ist allgegenwärtig, unser Blick ist entweder auf den Weg, auf Bobby oder auf seine Mitfahrer gerichtet. Ab und zu gibt es eine kurze Rastpause.
„London“:
17. 2., 16 Uhr, Cubix 6
18. 2., 18.30 Uhr, Cubix 7
21. 2., 21.45 Uhr, Cubix 9
22. 2., 10 Uhr, Urania
Die Weite der A 1, die auf der Leinwand hypnotisch vor den Augen wegrollt, gibt dem Zuschauer Raum, um sich das erzählte Leben aus den Gesprächen der Reisenden vorzustellen. Langsam erfährt man mehr über Bobby, die Konversationen wirken wie Mosaiksteine, die schrittweise ein immer präziseres Bild von ihm enthüllen.
In Salzburg liegt sein alter Freund Arthur im Krankenhaus, Bobby möchte ihn seine Nähe spüren lassen und fährt deshalb die knapp 300 Kilometer pro Strecke mit einer Selbstverständlichkeit, die man sich von jedem guten Freund wünscht. Seine Mitfahrenden reagieren auf diese persönliche Nachricht und können sie mit ihrem eigenen Leben, mit ihren Erfahrungen verbinden, die junge österreichische Psychologiestudentin genauso wie der mittlerweile eingebürgerte Flüchtling aus Afrika.
Relevantes ohne viel Pathos ansprechen
Neben der privaten Ebene öffnet sich im Film so auch die politische, die aber nie einen belehrenden, „lauten“ Ton hat. Das macht „London“ vielleicht so faszinierend. Relevante und oft spaltende Themen werden ohne viel Pathos angesprochen: Krieg und was es für einen österreichischen Wehrdienstleistenden bedeutet zu kämpfen; als Frau aus dem Balkan queer zu sein; die Mechanismen der kapitalistischen Gesellschaft durch die Augen eines albanischen Geschichtsstudenten aus einer Einwandererfamilie; das Altern für Bobby.
Eigentlich geht es Brameshuber um das gegenseitige Zuhören zwischen zwei Menschen, die sich womöglich nie wieder treffen werden. Angst vor Stille hat er dabei nicht. Auf die Idee des Films kam er vor über zehn Jahren durch seine eigene Erfahrung als Mitfahrer zwischen Österreich und Berlin, wo er sich in jemanden verliebt hatte. Nun hat er mit „London“ das besondere Gefühl von unverbindlicher Nähe zwischen Fremden so treffend ins Bild gebracht, dass man selbst gleich neben Bobby losfahren möchte.
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