Doku über gewaltiges Ökoprojekt: Ein grüner Schutz vor der Wüste

Die malische Sängerin Inna Modja führt in einer mitreißenden Doku durch die Sahelzone. Dort entsteht das größte Öko-Projekt der Welt.

Viele Menschen laufen über einen Staudamm

Die Mauer aus Bäumen ist auch eine Metapher für die Zusammenarbeit der Menschen Foto: Tim Cragg

Schon klar, Afrika ist kein Land, sondern ein Kontinent. Doch die Zärtlichkeit, mit der die Musikerin Inna Modja „my continent“ sagt, macht deutlich, dass dieser Erdteil für seine BewohnerInnen ein kulturelles Identifikationspotenzial besitzt, das über dasjenige anderer Kontinente weit hinausgeht.

Inna Modja, die aus Mali stammt, in Frankreich Literatur studiert hat und eine Modelkarriere begann, bevor sie als Sängerin bekannt wurde, ist im Film von Jared P. Scott (der im Übrigen von „City of God“-Regisseur Fernando Meirelles produziert wurde) unterwegs durch die Länder entlang der Sahelzone südlich der Sahara.

Die Sahel, eine der großen Problemzonen der Welt, ist durch den Klimawandel mehr denn je von fortschreitender Wüstifizierung bedroht. Trotz der harschen Bedingungen leben hier (noch) viele Menschen. Damit das so bleibt, hat die Afrikanische Union im Jahr 2007 ein gigantisches ökologisches Projekt ins Leben gerufen: „The Great Green Wall“.

Wie eine große grüne Mauer sollen Abermillionen Bäume in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft über eine Strecke von 8.000 Kilometer einen grünen Gürtel über die Sahel bilden, dadurch die Bedingungen für Landwirtschaft und Wasserhaushalt verbessern und den Menschen eine nachhaltige Lebensgrundlage verschaffen.

„The Great Green Wall“. Regie: Jared P. Scott. Großbritannien 2019, 92 Min. Kinostart anlässlich des Tages der Vereinten Nationen am 24. 10.

Bis zum heutigen Tag sind allerdings erst 15 Prozent dieser „Mauer“ realisiert worden, die keine zusammenhängende Linie bilde, sondern eher ein Mosaik sei, wie ein Gesprächspartner im Film erklärt: „Die Mauer ist eine Metapher.“ Eine Metapher auch für den Zusammenhalt der Menschen in der Region, in der Inna Modja ein Land nach dem anderen bereist. Begleitet von der Kamera, trifft sie in jedem Land eine andere Musiker*in, um einen gemeinsamen Song für ein Album aufzunehmen.

Es wird gearbeitet, geredet und konzertiert

Dann wird zusammen gearbeitet, gejammt, geredet und konzertiert. Inna sei „wie die Königin von Saba auf ihrer Pilgerreise“, scherzt der senegalesische Musiker Didier Awadi, über den Inna Modja erklärt, er sei der Pionier des westafrikanischen HipHop. Gemeinsam geben sie ein Konzert auf einer Behelfsbühne, die auf irgendeinem staubigen Dorfplatz aufgebaut wurde.

Awadi ist der erste Kollege, den sie trifft, später gefolgt von der Gruppe Songhoy Blues aus Mali, dem nigerianischen Popstar Waje und der äthiopischen Sängerin Betty G.

„The Great Green Wall“ ist ein mitreißender, dabei auch etwas eigener Hybrid von einem Film. Ästhetik und Aktivismus gehen darin eine innige Liaison ein. Nur zum Teil handelt der Film von der „großen grünen Wand“, auch wenn Inna Modja regelmäßig vor Bäumen steht und mit Landschaftsaktivisten spricht. Auch nur zu einem Teil von Musik, obwohl er von Musik durchzogen ist wie von einem lebendigen Strom – denn auch die Musik ist gewissermaßen eine Metapher und ein Bindeglied, ähnlich wie die Bäume.

Ihr könntet meine Brüder sein

Das eigentliche Thema aber sind die Menschen, die in der Nähe dieser Bäume leben. Oft sind es ungemein intensive Begegnungen, die Inna Modja vor laufender Kamera hat. Sie besucht eine Mädchenschule in Nordnigeria, in der Waisen betreut werden, die ihre Eltern bei Überfällen von Boko-Haram-Terroristen verloren haben, und ist sichtlich bewegt, als die Mädchen überraschend ein Lied singen, das sie selbst einmal geschrieben hat.

Ein anderes Mal spricht sie mit jungen Männern, die versucht hatten, nach Europa zu kommen, und nach jahrelanger Odyssee und furchtbaren Erlebnissen in Libyen im Niemandsland gestrandet sind. „Ihr könntet meine Brüder sein“, sagt sie, nachdem sie ihre Geschichten angehört hat, und die Kamera schwenkt mit, als sie sich abwenden muss, um ihre Tränen zu verbergen.

Dass solche Szenen bei aller Emotionalität nicht rührselig geraten, ist der sorgfältigen Dramaturgie des Films zu verdanken. Eine große Liebe zum ästhetischen Detail, zum perfekten Bild und nicht zuletzt zum absolut perfekten Ton bewirkt bei allem Realismus gleichzeitig eine Art symbolischer Überhöhung alles Gezeigten. Die Boko-Haram-Waisen, die an der Auswanderung gescheiterten Männer werden so zu Ikonen ihres Schicksals – und des Schicksals aller anderen, die Ähnliches erleiden.

Im Durchschnitt sieben Kinder pro Frau

Auch Inna Modja selbst spricht zwischendurch direkt in die Kamera und erzählt von der traumatischen Erfahrung ihrer Genitalverstümmelung. (Als Aktivistin kämpft sie seit Jahren gegen diese Praxis.)

In Niger besucht die Sängerin eine Geburtsstation und spricht mit deren Leiterin. Das bitterarme Land hat die höchste Geburtenrate der Welt: im Durchschnitt sieben Kinder pro Frau. Dann beginnen während des Interviews bei einer Frau die Wehen. Die Kamera filmt ihr schmerzverzerrtes Gesicht – und später ihr Glück, als das Baby in ihren Armen liegt.

„Es ist jedes Mal wieder ein Wunder“, sagt die Hebamme, und Inna Modja bekennt, dass auch sie selbst aus einer Familie mit sieben Kindern komme. Aber wie, so fragt sie im anschließenden Off-Text, sollen die künftigen Generationen in der Sahel überleben können?

Die Drastik der Klimakrise

Es ist wohl genau diese Frage, die den Film antreibt. Es gibt darin keine fertigen Antworten – und auch eher wenige harte Fakten. Dass bisher, in 13 Jahren, erst 15 Prozent der geplanten „grünen Mauer“ realisiert wurden – was heißt das? Ist es viel oder wenig? Geht es voran oder nicht? Eine realistische Einschätzung der Machbarkeit und Wirksamkeit des Gesamtprojekts bleibt aus.

Die ganze Drastik der Klimakrise kommt allerdings sehr erschreckend zum Ausdruck in der Veränderung des Tschad-Sees, von dessen Wasser 30 Millionen Menschen abhängig sind: In den letzten 50 Jahren habe er 90 Prozent an Fläche verloren, erfahren wir.

Radikaler Kurswechsel

Um dennoch in hoffnungsvoller Tonlage enden zu können, führt der Film zum Schluss nach Äthiopien, das 1984 mindestens eine halbe Million Menschen an eine furchtbare Hungersnot verlor. Nach der Katastrophe hat man hier einen radikalen ökologischen Kurswechsel vollzogen. Alles Grün, das sie hier sehe, hätten sie, die Menschen in der Gegend, im Laufe der letzten 30 Jahre selbst angepflanzt, erklärt ein Dorfverantwortlicher seiner Besucherin.

Dazu macht er eine allumfassende Handbewegung über das gesamte vor ihnen liegende Tal, in dem sich eine abwechslungsreiche, idyllische Landschaft ausbreitet. In einer schattigen Senke ist ein großes Wasserreservoir angelegt worden. Zwischen Bäumen und Büschen liegen grüne Äcker. Es ist wirklich wunderschön.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben