Boko Haram in Kamerun: Flüchtlinge im Schlaf umgebracht

Bei einem nächtlichen Angriff auf Vertriebene in Kamerun sind mindestens 18 Menschen ums Leben gekommen. Die Gewalt von Boko Haram nimmt wieder zu.

Eine Großfamilie steht vor ihrer Unterkunft in Kamerun

Die abgebildete Familie floh aus Nigeria vor der Gewalt von Boko Haram in den Norden Kameruns Foto: Alexis Huguet/afp

COTONOU taz | Die islamistische Terrormiliz Boko Haram hat am Wochenende erneut in Kamerun zugeschlagen. Tatort war ausgerechnet ein Camp, das der lokalen Bevölkerung Zuflucht vor Übergriffen bieten soll.

Es heißt, dass die Angreifer sich am Sonntag im Morgengrauen in den Ort hineinschlichen und eine Granate in eine schlafende Menschenmenge warfen. Nach Angaben der lokalen Behörden kamen dabei mindestens 18 Menschen ums Leben. Sechs weitere wurden verletzt.

Etwa 800 Menschen leben in der Notunterkunft in Nguetchewe in der Gemeinde Mayo-Moskota in der Provinz Extrême-Nord unweit der nigerianischen Grenze. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind in der Region knapp 322.000 Menschen auf der Flucht.

Kamerun zählt zudem fast 116.000 Flüchtlinge aus Nigeria. Die große Mehrheit ist vor Gewalt durch Terrorgruppen geflohen. In den vergangenen Wochen wurden mehrfach bei Gefechten zwischen Boko Haram und Armee im Norden Kameruns Tote auf beiden Seiten gemeldet.

Armeeübergriffe gegen die Bevölkerung

Der Distrikt Mozogo, in dem das angegriffene Flüchtlingscamp liegt, bekam vor wenigen Wochen internationale Aufmerksamkeit. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) veröffentlichte einen Bericht, in dem es heißt, dass Soldat*innen an mindestens zwölf Orten Zivilist*innen dazu gezwungen hätten, Nachtwachen zu halten.

Wer sich weigerte, sei eingeschüchtert oder geschlagen worden. Insgesamt sollen zwischen Mitte März und Ende April 90 Männer und ein Junge von der Armee gezwungen worden sein.

Kameruns Regierung hat die Vorwürfe bestritten. Laut Midjiyawa Bakari, Gouverneur von Extrême-Nord, waren die Nachtwächter Freiwillige. Mitglieder von Milizen hätten sich zudem bereit erklärt, mit der Armee und der Regierung zu kooperieren. Auch habe Präsident Paul Biya aller Kameruner*innen aufgefordert, beim Kampf gegen Boko Haram mitzuhelfen.

Dieser Kampf intensiviert sich auch in Nigeria, Ursprungsland der Miliz, wo in den vergangenen Monaten wieder vermehrt von Anschlägen berichtet wird. Nach Informationen des Nigeria Security Tracker, eine Plattform des US-amerikanischen Council on Foreign Relations, ist es in der vergangenen Woche fast täglich zu Angriffen und Überfällen gekommen.

Fast täglich Angriffe in Nigeria

Neben Angriffen der Terrorgruppe Boko Haram sind im Norden und Nordwesten vor allem bewaffnete Banditen dafür verantwortlich. Ziel werden aktuell besonders häufig Soldat*innen. Lokalen Medien zufolge starben in den vergangenen Wochen mehrere Dutzend.

Dass die Armee dem nicht viel entgegenzusetzen hat, kritisierte am Wochenende der Gouverneur der nordostnigerianischen Provinz Borno, Babagana Zulum. Seiner Meinung nach würde das System von innen sabotiert werden. Korruptionsvorwürfe gegenüber den Streitkräften hat es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben.

Nigerias Armeechef, Tukur Buratai, machte im Gegenzug Ende Juli die Bevölkerung für die Unsicherheit verantwortlich. Anstatt mit den Sicherheitskräften zu kooperieren, würden sie Banditen und Terroristen vielfach schützen.

Vor der verschlechterten Sicherheitslage im Nordosten Nigerias warnte vergangene Woche auch die humanitäre UN-Koordinationsstelle OCHA. Sie geht davon aus, dass allein in den Monaten Mai und Juni in den Bundesstaaten Borno und Adamawa 40.000 Menschen vor der Gewalt geflüchtet sind.

Im Juli wurden drei humanitäre Helfer ermordet und ein Hubschrauber wurde in Borno von Kugeln getroffen und beschädigt.

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