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Doku über den Kitkat-ClubMikrokosmos des Lebens

Das Kitkat steht für sexuelle Freiheit. Eine neue Doku zeigt aber auch die Schattenseite: Drogen, Übergriffe – und eine Community, die trotzdem an ihrer Utopie festhält.

Harmlos. Mit diesem Wort umschreibt Philipp Fussenegger den international bekannten sagenumwobenen Kinky-Club Kitkat. „Die Leute gehen dahin, hören Techno und haben sich lieb“, sagt der österreichische Filmemacher. Was seine Doku dann in 100 Minuten zeigt, ist vor allem: „Harmlos“ ist relativ. Es wird wild an Nippeln und Penissen gelutscht, Vulven werden geleckt, es wird gefingert und gevögelt. Performerinnen baumeln in Bondage-Seilen von der Decke, umringt von Tanzenden mit geweiteten Pupillen und orgasmusverzerrten Gesichtern.

In dem Kinodokumentarfilm „KitKatClub – Kinks of Berlin“ blickt Fussenegger hinter die Türen des „Kitty“. Was den Club so einzigartig macht: „Das Kitkat ist eine Art Kinky Club Disneyland“, sagt Susanne Heuer. „Es steht für Subkultur, ist aber für den Mainstream erreichbar.“ Die Dokuautorin sitzt neben Philipp Fussenegger im „White Room“ des Cybrothels, dem von ihm gegründeten Puppenbordell in der Rigaer Straße. Der Regisseur hat sich die gebleachten Locken zu einem Dutt gebunden, unter den Augen schimmert blaues Glitzer-Make-up.

Für seine schwarz-weiße Doku hat Fussenegger über vier Jahre hinweg Stammgäste des „Clubs für zivilisierte Leute“ verfolgt. Darunter ist etwa die Drag-Performerin Raven Van Krueger, das Dog-Play-Paar Oli und Foxy, Kitkat-Performerin Hottie, das BDSM-Paar Vici und Marvin sowie Kitkat-Gründer Simon Thaur und Partnerin Mali.

Im Club jagen sie der Ekstase hinterher, der Film setzt dem eine Langsamkeit entgegen, ist geprägt von langen Einstellungen und wenig Schnitten. Die Kamera kommt den Club­gän­ge­r*in­nen sehr nah, begleitet sie in ihrem Alltag und nähert sich dem Club ausschließlich aus ihrer Perspektive. „Mir geht es vor allem um die Leute“, sagt Susanne Heuer. „Einige der Prot­ago­nis­t*in­nen leben zwei Leben, haben eine Nacht- und eine Tagespersona und zeigen uns beide.“ Berlin sei ein Sehnsuchtsort mit viel Freiheit, aber auch ein „hartes Pflaster“. Viele kämen deshalb nach Berlin, um sich selbst zu finden, würden aber die Stadt auch schnell wieder verlassen, so die Dokuautorin.

Der Film schaut schonungslos hinter die Clubtür

Heuer und Fussenegger sind selbst zu Hause im Kitkat. Nur durch langjährige Verbindungen bekam Fussenegger Zugang zu dem Club, in dem die heilige Regel gilt: Handykameras am Eingang abkleben. Das habe die Dreharbeiten erschwert, berichtet Fussenegger. „Viele Drehs sind ins Wasser gefallen, weil Leute bei Orgien oder beim Konsumieren nicht gefilmt werden wollten.“ Auch Prot­ago­nis­t*in­nen zu finden, die bereit waren, ihre Nightlife-Persona öffentlich zu machen, sei schwierig gewesen und habe viel Zeit und Überzeugungsarbeit gekostet.

Schon nach wenigen Minuten des Films wird deutlich, warum: Club­gän­ge­r*in­nen werden durch Nächte begleitet, in denen sie Lederpeitschen schwingen, Füße lutschen, anderen ins Gesicht pinkeln und mit Nummern auf dem Rücken und Sack über dem Kopf Analsex haben. Schonungslos werden Zusammenbrüche vor dem Club gezeigt, Überdosierungen und Partygänger*innen, die am Morgen danach kotzend über der Kloschüssel hängen.

Doch der Film interessiert sich weniger für die exzessiven Clubnächte als für den Alltag der Hedonist*innen. Kitkat-Gründer Simon Thaur wird beim Sport begleitet, Mali Thaur beim Gärtnern, die beiden zusammen in der Badewanne. BDSM-Master Marvin schmiert seiner Freundin Vici Hummusbrote für die Arbeit, das Dog-Play-Paar Oli und Foxy bespricht Arbeitsschichten im Edeka und bei Penny.

Beim Thema Konsens zeigen sich die Grenzen der vermeintlich grenzenlosen Freiheit

Je näher das Wochenende rückt, desto präsenter wird die Vorbereitung der Clubbesuche: Oli, das Herrchen, und Foxy, der Hund, shoppen Hundemasken und Latex-Outfits. Vici schminkt sich für den Abend, trinkt ein Glas Sekt und sagt zu ihrem BDSM-Freund unterwürfig: „Bitte Master, ich will dir einen Kuss auf den Schwanz geben.“ Zack, Backpfeife. „Mach doch“, sagt er bestimmt.

Negativseiten der Szene

Die Schattenseiten des hedonistischen Lifestyles bekommen erst im zweiten Teil des Films mehr Raum, etwa die Oberflächlichkeit der Feierfreundschaften oder der omnipräsente Drogenkonsum. Bei Orgien stehen Pappteller mit Schildchen bereit: „Keta“, „Speed“ und „Mephe“. Alle konsumieren ständig irgendetwas und spritzen sich in den Penis, um einen hochzukriegen.

Auch beim Thema Konsens zeigen sich die Grenzen der vermeintlich grenzenlosen Freiheit. „Ich mag’s einfach nicht, wenn jemand mit seinem Schwanz schon halb in meinem Gesicht ist, ohne zu fragen“, sagt Vici zu ihrem Freund. „Immer wenn ich im Kitkat bin und auch nur blinzele, ist da ein Typ neben mir, der mit seinem Schwanz herumwedelt.“

Obwohl das Kitkat seit Jahrzehnten für sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung steht, gibt es immer wieder Berichte von sexuellen Übergriffen und Vorwürfe gegen den Club wegen mangelnder Awarenesspolitik. Für Aufsehen sorgte etwa 2023 der Besuch von Rammstein-Sänger Till Lindemann, gegen den zuvor Vorwürfe wegen sexualisierter Gewalt erhoben worden waren.

Dem Club wird zudem vorgeworfen, mehrere Türsteher mit Verbindungen in die rechte Szene zu beschäftigen. 2024 gab es Berichte von Frauen über sexuelle Belästigung beim Pinkeln in der Umgebung des Clubs. Aufgrund langer Schlangen und fehlender Toiletten vor dem Kitkat war das Ausweichen in die Umgebung unumgänglich. Zu den Vorfällen äußerten sich die Clubbesitzer Simon Thaur und seine damalige Lebensgefährtin Kirsten Krüger immer erst spät.

Kitkat-Gründer ist umstritten

Der 66-jährige Thaur gehört zu den umstrittensten Personen im Bereich der deutschen Pornografie. Die einen sehen in ihm einen Perversen, die anderen einen Aufklärer. Thaur ist seit Jahrzehnten als Dominus in der BDSM-Szene aktiv und verkörpert mit öffentlichem Sex und extremen Pornofilmen eine alte Schule des Hedonismus. Die Beziehung zu Mali ist von einer fetischisierten Unterordnung der weiblichen Rolle geprägt. In der Doku würdigt er sie regelmäßig vor laufender Kamera herab und beleidigt sie, unter anderem als „Pyscho“.

Es seien schon die „zarteren Szenen“, die es in den Film geschafft hätten, erzählt Fussenegger und lacht. „Man merkt, politisch korrekt ausgedrückt, dass er vielleicht ein bisschen ‚edge‘ ist.“

Mit anderen Worten: ein übergriffiger Macker. Auch das Bild, das Partnerin Mali im Film abgibt, ist nicht gerade unproblematisch. „Alle haben einen Stock im Arsch“, sagt sie über die junge sexpositive Generation. „Die Leute gehen nicht mehr über ihre Grenzen.“ Es fehle ein „kleiner junger Thor, der die Leute lockt, verführt und animiert, über ihre Grenzen zu treten.“

„Dass Mali gegen Leute wettert, die Consent einfordern, sagt wahnsinnig viel über die alten Hedonisten aus“, kommentiert Susanne Heuer. Der Club habe viele Schwachstellen, was Awareness und die Türpolitik betrifft. „Aber es geht mir nicht darum, sexpositive Clubs in ein schlechtes Licht zu rücken.“ Clubs seien wichtige Orte mit einer Freiheit, die man beschützen müsse.

Heuer glaubt: „Der Film wird weder eine abschreckende noch eine anziehende Wirkung haben.“ Er zeigt weder einen Sehnsuchtsort noch einen Ort des Schreckens, sondern eine Community voller Widersprüche: von trostlosen Existenzen, deren Leben ohne das Kitkat nichts wert ist, über ausgelassene He­do­nis­t*in­nen zwischen monotoner Lohnarbeit und nächtlichem Exzess, bis hin zu denen, die im Kitkat gesellschaftliche Normen hinterfragen und andere Formen des Zusammenlebens ausprobieren.

Das Kitkat sei „ein Mikrokosmos des Lebens“, meint Performerin Hottie. „Es ist eine gute Schule, in der man lernt, Grenzen zu ziehen und zu kommunizieren.“ Die Frage ist nur: Möchte man in diese Schule?

Ab dem 10. September kommt „KitKatClub – Kinks of Berlin“ bundesweit in die Kinos.

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