Distanzierung wegen Brechmitteleinsätzen: Püschel nicht mehr willkommen

Die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel distanziert sich von einer Lesung des Rechtsmediziners Klaus Püschel. Der schade dem Antirassismus des Hauses.

Ein Mann in weißem Kittel schaut auf einen menschlichen Schädel. Auf dem Tisch vor ihm liegen noch mehr menschliche Schädel

Auf Kampnagel nicht mehr gern gesehen: Rechtsmediziner und Autor Klaus Püschel Foto: Christian Charisius/dpa

HAMBURG taz | Die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, das große Aushängeschild politisch engagierter Kunst, distanziert sich öffentlich von einer Lesung, die dort am Donnerstag stattfinden soll. Denn der Lesende ist Klaus Püschel, ehemaliger Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Für seine KritikerInnen ist er untrennbar verbunden mit den Brechmitteleinsätzen gegen mutmaßliche DrogendealerInnen, bei denen 2001 der 19-jährige Nigerianer Achidi John starb.

Während andere Bundesländer die Einsätze daraufhin stoppten, hat man sie am Hamburger Institut fortgesetzt – bis der Europäische Menschengerichtshof dem einen Riegel vorschob. Die mit „Distanzierung von der Veranstaltung mit Klaus Püschel“ überschriebene Erklärung von Kampnagel verweist darauf, dass „unter Püschels Leitung“ am Institut bis 2020 weiter Brechmittel verabreicht wurden, wenn die Betroffenen sich damit einverstanden erklärten.

Bemerkenswert an der Distanzierung ist, dass die Geschichte allen Beteiligten gleichermaßen leidig ist: Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel, sagt: „Für niemanden von uns ist es angenehm.“ Bei den VeranstalterInnen des „Hamburger Krimifestivals“, in dessen Rahmen Püschel gemeinsam mit der Reporterin Bettina Mittelacher ihr Buch „Sex & Crime. Neue Fälle aus der Hamburger Rechtsmedizin“ vorstellen soll, scheint es ähnlich zu sein.

Auf Anfrage der taz schreibt das Team des Krimifestivals, das Hamburger Abendblatt, Hamburger Literaturhaus und das Buchzentrum Heymann gemeinsam veranstalten, man werde zum Thema „keine Stellungnahme“ abgeben. Das gleiche hatte zuvor bereits der Pressesprecher des Literaturhauses, Christian Möller, gesagt.

Gegenwind auch aus den sozialen Medien

Warum die Angelegenheit für Kampnagel unangenehm ist? Amelie Deuflhard sagt, dass sie im Vorfeld immer wieder von BesucherInnen angesprochen worden sei: Wie könne es sein, dass ein Haus, das eigentlich aufklärerische Arbeit leisten wolle, jemandem wie Klaus Püschel eine Bühne biete? Das Vorfeld war ein bundesweites Theaterprojekt zum NSU-Komplex unter dem Titel „Kein Schlussstrich“, das Vorfeld ist aber auch das Next Culture Symposium für rassismuskritische Haltung, Solidarität und Weltverbesserung am Tag vor der geplanten Püschel-Lesung.

Man habe Kampnagel „tokenism“ vorgeworfen, sagt Deuflhard, also einen lediglich symbolischen Einsatz für Antirassismus. Auch aus den sozialen Medien kam Gegenwind, die Rote Flora, das autonome Zentrum der Stadt, und die Antifa verbreiteten einen Tweet, der kritisch nachfragte, warum Kampnagel Klaus Püschel eine Bühne biete.

Dabei sei, so Deuflhard, nicht immer allen klar gewesen, dass Kampnagel lediglich als Vermieterin auftrete, dabei aber vertraglich gebunden sei. „Auf Kampnagel kritisieren wir in unseren Veranstaltungen genau das, wofür Klaus Püschel kritisiert wird – daher die Distanzierung.“ Eine Diskussion mit Püschel selbst hält sie für wenig ergiebig, schließlich habe der in 20 Jahren keine Bewegung in seiner Haltung zu erkennen gegeben.

Interessant ist dabei, dass Püschel in vergangen Jahren bereits auf Kampnagel aufgetreten ist – damals noch ohne Gegenwind. „Denn auch mir waren die Vorwürfe gegen Püschel lange nicht bekannt.“ Die VeranstalterInnen wollen laut Deuflhard nun am Auftritt von Püschel festhalten, der vor wenigen Tagen wegen seiner beruflichen Verdienste vom Abendblatt zum Hanseaten des Jahres 2021 gekürt wurde.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de