Displaced Persons im Emsland: Ein Stück Polen in Deutschland
Im Mai 1945 saßen fast 40.000 Polen im Emsland fest. Ins kommunistische Polen wollten sie nicht zurück, so wurde aus Haren (Ems) das polnische Maczków.
Erst Anfang März, berichtet Vanessa Görtz-Meiners, stand wieder einer in der Tür. „Ein alter Mann mit Sohn und Tochter und drei Enkelkindern“, sagt die Leiterin des Stadtarchivs in Haren (Ems). Aus Kanada war er angereist und nach Haren gekommen, weil in seinem Ausweis als Geburtsort Maczków eingetragen war. „Immer wieder“, freut sich Görtz-Meiners, „gibt es in der Inselmühle in Haren diese Begegnungen.“
Es sind Begegnungen mit einer Vergangenheit, in der Haren, die niedersächsische Kleinstadt an der Grenze zu Holland, polnisch wurde und Maczków hieß. Benannt war sie nach dem polnischen General Stanisław Władysław Maczek, der mit der Ersten Polnischen Panzerdivision vorgerückt war und das Emsland Ende April 1945 vom Hitlerfaschismus befreit hatte.
Der alte Mann aus Kanada, der an diesem Märztag das Stadtarchiv und Dokumentationszentrum in der Harener Inselmühle aufsuchte, wusste, dass sein Vater in der Panzerdivision gekämpft hatte. Nun wollte er herausfinden, ob seine Mutter aus dem Lager in Oberlangen nach Maczków gekommen war, dem größten polnischen Camp für Displaced Persons im Emsland.
Die Besonderheit
Eine polnische Stadt in Deutschland unter britischer Hoheit. Und 40.000 Displaced Persons, die festsitzen. Für sie war der Krieg 1945 noch nicht zu Ende.
Das Zielpublikum
Touristen, die entlang der Ems radeln und sich auch für Geschichte interessieren. Ins Dokumentationszentrum kommen aber auch viele Besucher aus Polen. Eine Zusammenarbeit gibt es mit dem Museum des Warschauer Aufstands – wegen der Frauen, die damals als Kriegsgefangene an die Ems deportiert wurden.
Hindernisse auf dem Weg
Die Verkehrsanbindung. Haren (Ems) liegt zwar verkehrsgünstig an der Regionalexpresslinie von Emden nach Münster (Westfalen). Aber der Bahnhof liegt nicht verkehrsgünstig in Haren, sondern 4,4 Kilometer von der Inselmühle mit der Ausstellung entfernt. Also am besten Fahrrad mitnehmen, wenn man nicht mit dem Auto kommt.
„Wir konnten ihm leider auch nicht helfen, über seine Mutter haben wir keine Akten gefunden“, sagt Görtz-Meiners. Unwahrscheinlich aber sei es nicht gewesen. In Oberlangen, einem der 15 Lager der Nazis im Emsland, waren über 1.700 Frauen inhaftiert. Allesamt waren sie nach dem gescheiterten Warschauer Aufstand vom 1. August 1944 festgenommen und als Kriegsgefangene ins Emsland verschleppt worden.
Maczków, diesen Namen kennen viele in Polen, er ist ein Erinnerungsort an eine Zeit, die in Polen nicht als Befreiung gesehen wird, sondern als das Ende der deutschen Besatzung und der Beginn der kommunistischen Herrschaft. Die Panzerdivision von General Maczek gehörte allerdings der antikommunistischen Heimatarmee an, unterstellt der polnischen Exilregierung in London. „Eine Rückkehr nach Polen kam für die meisten nicht infrage“, erklärt Vanessa Görtz-Meiners.
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Im Emsland gestrandet
40.000 Polen waren zum Kriegsende im Emsland gestrandet. Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und ihre Befreier von der Polnischen Panzerdivision. Weil sie nicht zurückkonnten oder -wollten, richteten sie sich ein – Maczków wurde zu einem „Wartesaal“.
Die Dauerausstellung in der Inselmühle erinnert an die drei Jahre, in denen Haren an der Ems Maczków war. Es gab ein polnisches Kino, polnische Schulen, ein polnisches Krankenhaus und – natürlich – überall polnische Straßennamen. „Für die Deutschen ist das eine traumatische Erinnerung“, weiß Görtz-Meiners. „Sie hatten nur 24 Stunden Zeit, ihre Sachen zu packen und die Stadt für die Polen zu räumen.“
Die Ausstellung erzählt die Geschichte aus beiden Perspektiven, der deutschen und der polnischen. Denn das Dokumentationszentrum versteht sich als Erinnerungs- und Lernort, auch wenn das Erinnern anfangs schwierig war. Das erzählt der Osteuropahistoriker und Leiter des Dokumentationszentrums, Rüdiger Ritter, der von drei Generationen der Erinnerung spricht. „Für die älteren Deutschen ist die Zeit von 1945 bis 1948 ein Tabu.“ Die Kinder derer, die Haren verlassen mussten, erinnern sich dagegen an eine wilde Zeit in den umliegenden Dörfern, in denen sie auf Misthaufen spielen und nicht zur Schule mussten. „Erst die dritte Generation wollte wissen, was damals passiert ist und warum.“
Es ist ein weitgehend unbekanntes Kapitel der deutschen und polnischen Geschichte, das in Haren erzählt wird. „Die meisten Akten wurden 1948 von den Polen und Polinnen mitgenommen“, erzählt Ritter. „Nach Churchills Wahlniederlage gegen Labour wollte es sich Großbritannien nicht mit Stalin verderben.“ Churchill zog seine schützende Hand über die polnische „Besatzungszone“, wie sie oft genannt wurde, zurück. Aus Maczków wurde wieder Haren.
Von Maczków aus in die Welt
„Die Akten sind heute da, wohin die polnischen Bewohner ausgewandert sind“, sagt Ritter. In London zum Beispiel, aber auch in Kanada oder Australien. Und natürlich in Polen, wo Rüdiger Ritter, der Polnisch spricht, immer wieder recherchiert und Dokumente digitalisiert.
Ritter und Görtz-Meiners sind froh, diese Pionierarbeit leisten zu können. „Noch in den achtziger Jahren war ein solches Dokumentationszentrum nicht erwünscht“, sagen sie. „Und noch heute berichten alte Menschen aus Haren, dass sie keine polnische Pflegekraft wollen, weil die polnische Sprache sie an ihr Trauma erinnert.“
Vom polnischen Trauma erzählt dagegen in der Ausstellung eine Frau, die beim Warschauer Aufstand verhaftet wurde. „Die in Haren hatten es doch gut. Wir hatten zwei Stunden Zeit, unsere Sachen zu packen. Die in Haren hatten 24 Stunden.“
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