Diskriminierung von Sin­ti und Roma: Der lange Weg zur Anerkennung

Bis heute begegnen Sin­ti*z­ze und Rom*­nja Vorurteilen. Nicht nur in Behörden fehlt es oft an Verständnis für die Traumata der Familien.

Zwei Gleise iin einem Schotterfeld, daneben Informationstafeln, im Hintergrund stehen Kränze

Ort des Grauens: Vom Hannoverschen Bahnhof wurden viele Hamburger Sinti deportiert Foto: Christophe Gateau/dpa

BREMEN taz | In ihrem zweiten Fall ermittelten die Hamburger „Tatort“-Kommissare Stoever und Brockmöller 1989 in einer alteingesessenen Hamburger Sinti-Familie. Den Täter fanden sie dann ganz woanders, dennoch sah der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in dem Film „kein rassistisches Klischee ausgelassen“, wie die taz dessen Vorsitzenden Romani Rose zitierte. Was den NDR nicht davon abhielt, den Film 2015 zu wiederholen.

Wer sich heute über „Armer Nanosh“, dessen Drehbuch Martin Walser mitverfasste, informieren will, stößt im entsprechenden Wikipedia-Eintrag auf die Fremdbezeichnung, die die meisten Angehörigen dieser Minderheit entschieden ablehnen. Dafür fehlt der Hinweis auf die Kritik völlig.

Als der Zentralrat 2017 den SWR-Kinderfim „Nellys Abenteuer“ mit ähnlichen Argumenten kritisierte, war er nicht mehr so allein wie 1989. Und erst recht nicht, als sich vor Kurzem vier mehr oder weniger bekannte TV-Menschen in einer WDR-Talkshow darüber mokierten, dass Sin­ti*z­ze und Rom*­nja diskriminierende Fremdbezeichnungen ablehnen. Die zahlreichen Proteste in alten und neuen Medien brachten Redaktion und Teile der Talk-Gäste dazu, sich zu entschuldigen.

Seit der Initialzündung für die Bürgerrechtsbewegung der Sin­ti*z­ze und Rom*­nja in Deutschland 1980 mit einem Hungerstreik in der KZ-Gedenkstätte Dachau ist die Selbstorganisation kontinuierlich gewachsen. Der erstmaligen Anerkennung des Völkermordes an 500.000 europäischen Sin­ti*z­ze und Rom*­nja durch die Bundesregierung und der Gründung des Zentralrates 1982 folgte der Aufbau einer flächendeckenden Struktur mit 16 Landesverbänden und Mitgliedsvereinen, zahlreichen Beratungsstellen und einem Dokumentationszentrum. In einigen Städten wie Hamburg, Hannover und Oldenburg gibt es daneben seit Langem vom Zentralrat unabhängige Verbände.

Denkmäler und eigene Strukturen

In Berlin wurde das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sin­ti*z­ze und Rom*­nja Europas gebaut, in vielen Gemeinden entstanden lokale Erinnerungsorte wie am Hannoverschen Bahnhof in Hamburg oder am alten Schlachthof in Bremen.

Die Bürgerkriegsflüchtlinge sowie die vor Rassismus in ihren Herkunftsländern geflohenen Rom*­nja aus Südosteuropa haben eigene Vereine und Jugendorganisationen gegründet wie in Hamburg, Göttingen und Hannover. Junge Sin­ti*z­ze und Rom*­nja arbeiten in den sozialen Medien verstärkt in Foren wie Sinti-Roma-Pride zusammen. Gerade wurde der erste Studierendenverband der Sin­ti*z­ze und Rom*­nja in Deutschland gegründet.

Dank dieser Bewegungen sind in Schleswig-Holstein als erstem Bundesland die Sin­ti*z­ze und Rom*­nja seit 2012 als Minderheit anerkannt, soll in Bremen ein Staatsvertrag ihre Minderheitenrechte garantieren. In einigen Städten wie Kiel und Hamburg arbeiten Bil­dungs­be­ra­te­r*in­nen aus der Community in den Schulen, es gibt zahlreiche Förderprogramme im Bereich Bildung und Kultur.

Wer sich als Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft in diesem Feld bewegt, spürt eine große Kraft und Dynamik. Aber genauso, wie stark die Erfahrung der Ausgrenzung und Stigmatisierung weiter wirken. Wie die Emanzipationsbestrebungen ständig an eine Grenze stoßen, für die es heute zumindest einen Begriff gibt: Antiziganismus.

Den spürt er zum Beispiel beschämend direkt, wenn er mit einem Sinto eine Förderung für ein gemeinsames Projekt beantragt, aber die För­de­r*in ständig nur ihn anspricht – wie den Ehemann beim gemeinsamen Autokauf mit der Ehefrau in den 1950er-Jahren.

Den spürt er, wenn sich Bremer Sin­ti*z­ze im Sommer 2015 – lange bevor bei dem Anschlag von Hanau auch drei Rom*­nja ermordet wurden – nicht zu einem gemeinsam geplanten Konzert trauen, weil versprengte Teil­neh­me­r*in­nen einer Nazi-Demo aus Hamburg nach Bremen unterwegs seien sollen.

In Zahlen drückt sich der Antizigansimus aus, wenn einer aktuellen Studie 81,2 Prozent der Sin­ti*z­ze und ­Rom*­nja in Schulen Diskriminierungserfahrungen machen – was auch dazu führt, dass Eltern ihren Kindern oft raten, ihre Identität zu verbergen. Vor allem aber drückt Antiziganismus sich in dem Blick aus, den die Medien und Behörden in der Regel auf sie haben: Problem oder Exot.

Dieser institutionelle Blick korrespondiert oft mit dem Vorwurf, sich nicht genügend zu öffnen – was allein schon angesichts der oben beschriebenen Bemühungen um Sichtbarkeit und Teilhabe merkwürdig ist. Er ist schäbig angesichts der Rolle, die Polizei, Wissenschaft, Medizin und andere Institutionen beim Völkermord hatten. Und er ist schäbig angesichts der systematischen Schikanierungen und Vertreibungen in den Jahrzehnten nach Gründung der Bundesrepublik.

Nicht nur in Bremen und Hamburg wurden die Überlebenden und ihre Kinder von einem kontaminierten Lagerplatz zum nächsten vertrieben, während sie um den Großteil ihrer Familien trauerten, um Entschädigungen bei Bürokraten betteln mussten, die nach 1945 auf ihren Posten geblieben waren.

In Gesprächen mit älteren Sinti *zze taucht hin und wieder der Begriff „Freigänger“ auf. So hätten sich die Überlebenden der Konzentrationslager gefühlt, als gar nicht wirklich befreit, sondern jederzeit in der Gefahr, wieder „eingesammelt“ zu werden. Ihren Kindern und Enkeln haben sie vermittelt, vorsichtig zu sein. In fast jeder Familie gibt es Erinnerungen daran, wie Kinder aus der Schule heraus verhaftet wurden.

Schule ist kein „sicherer Ort“

„Deshalb ist die Schule in der kollektiven Erinnerung kein sicherer Ort, an dem Kinder ungestört lernen können, sondern ein Ort, an dem rassistische Übergriffe die Regel waren und bis heute noch sind“, sagt Hajdi Barz vom Verein Romani-Phen. „Dabei geht es nicht um die oftmals unterstellte Bildungsferne oder Bildungsablehnung, sondern um diese konkreten Gewalt­erfahrungen. Dieses Wissen fehlt aber in der Lehrer*innen-Ausbildung. Lehrkräfte lernen nichts über die Traumata, die ihre Schü­le­r*in­nen vielleicht mitbringen.“

„Unser Ziel heißt: Respekt“ nannte der Landesverein der Sinti in Hamburg vor Jahren eine Broschüre. Und erlebt nun, wie dieser nicht mal an den Gedenkorten selbstverständlich ist: Das Berliner Denkmal wird durch eine geplante U-Bahn-Untertunnelung bedroht, am Hannoverschen Bahnhof soll eine Firma, die eng mit den Nazis kooperierte, ins gleiche Haus wie das geplante Dokumentationszentrum einziehen.

Der Weg zur Gleichberechtigung führt nicht an den Institutionen vorbei. Damit Sin­ti*z­ze und Rom*­nja selbst in die Rundfunkräte, Ministerien, Leh­re­r*in­nen­zim­mer und Redaktionen einziehen braucht es keine Belehrungen, sondern Solidarität.

Den ganzen Schwerpunkt zur Lage von Sin­ti*z­ze und Rom*­nja im Norden lesen Sie in der taz am Wochenende – am Kiosk oder hier.

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