Digitale Gewalt in Beziehungen: (Ex-)Partner is watching you
Digitale Gewalt in (Ex-)Beziehungen nimmt zu. Ein Aktionstag im Jüdischen Krankenhaus soll medizinisches Personal für die Gewaltform sensibilisieren.
Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Sie werden 24/7 überwacht: Handys gehackt, Deepfakes verbreitet, per SMS, E-Mail und in den sozialen Medien bedroht, mit GPS-Trackern und Spyware kontrolliert. Digitale Gewalt in Beziehungen tritt selten isoliert auf. Sie verstärkt vielmehr „analoge“ Formen der Gewalt. „Betroffene haben aufgrund der physischen, psychischen und finanziellen Gewalt sowieso ihre Kontrolle verloren“, sagt Alice Westphal. „Dann kommt auch noch die digitale Gewalt dazu. Das ist eine maximale Stresssituation.“
Die Initiatorin der Kampagne #ichbinjededritteFrau spricht am Mittwochmorgen beim Aktionstag „Digitale Gewalt ist Gewalt. Auch in Beziehungen“ im Jüdischen Krankenhaus. Eingeladen hat der Runde Tisch Berlin (RTB) – Gesundheitsversorgung bei häuslicher und sexualisierter Gewalt.
Digitale Gewalt umfasst jede Form der persönlichen Grenzüberschreitung im digitalen Raum. Das Bundeskriminalamt erfasste 2024 knapp 30.000 Opfer digitaler Gewalt, davon weit über die Hälfte Frauen und Mädchen. Etwa jeder sechste Fall ereignete sich in (Ex-)Beziehungen, Tendenz steigend.
Das Perfide an digitaler Gewalt: Sie ist omnipräsent und unentrinnbar. Täter würden sich über das WLAN in smarte Hausgeräte, Laptops oder Handys einhacken, Bankkonten lahmlegen oder gemeinsamen Kindern Handys oder Kuscheltiere mit Spyware schenken, berichtet Basma Bahgat, Leiterin der Beratungsstelle Hateaid. Eine Akademikerin sei etwa jahrelang von ihrem Ex-Partner bei Events akkreditiert worden, die sie anschließend immer habe absagen müssen. „Das ist eine Bloßstellung und hält die Betroffene konstant beschäftigt“, sagt Bahgat.
Medizinisches Fachpersonal muss sensibilisiert werden
Betroffene würden sich isolieren, denken, sie seien verrückt, und vor Scham nicht über das sprechen, was ihnen geschieht, so die Hateaid-Leiterin. Wenn sie Hilfe suchten, stießen sie häufig auf weitere Hürden: Therapieplätze seien schwierig zu bekommen, digitale Gewalt werde von Hausärzt*innen vielfach nicht erkannt.
Auch im Jüdischen Krankenhaus fehlt es bislang an Strukturen, um digitale Gewalt zuverlässig zu erkennen, räumt Annegret Dreher, Oberärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, ein. Im Klinikalltag sei dafür oft keine Zeit, hinzu komme, dass die Verletzungen digitaler Gewalt unsichtbar blieben. Für sie steht jedoch fest: „Das Erkennen von digitaler Gewalt darf kein Zufallsbefund sein. Mitarbeitende müssen geschult werden, um sie frühzeitig zu erkennen.“
Denn die Folgen können schwerwiegend sein: Zu den zwei großen Krankheitsbildern, die sich infolge digitaler Gewalt entwickeln können, gehören posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen. Um Fachpersonal für das Thema zu sensibilisieren, hat der RTB zusammen mit Hateaid eine Reihe an Praxisempfehlungen zusammengestellt. Die zentralen Forderungen: hinschauen, proaktiv nachfragen und Betroffene ernst nehmen. „Wir können nichts falsch machen, wenn wir hinschauen“, sagt Alice Westphal. Sie fordert, das Thema aus der „Tabuecke“ zu holen und ausreichend Mittel bereitzustellen, um der neuen Gewaltform wirksam zu begegnen.
Im Anschluss schult Psychologin und Traumanetz-Referentin Aline Haag das Krankenhauspersonal – allerdings nur 15 Minuten lang. Mehr Zeit könne sich das Personal im Klinikalltag meist nicht freiräumen, sagt Haag zur taz. „Bei allem, womit die beschäftigt sind, wird digitale Gewalt als Luxusproblem angesehen.“
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