Digitale Eröffnung des Humboldt Forums: Die Kritiker umarmen und erdrücken

Die Kolonialismusdebatte rund um die Ausstellungsstücke im Humboldt Forum nimmt zur Eröffnung groteske Züge an. Überraschend ist das nicht.

Raubkunst-Bronzen – in Relief mit drei stilisierten Menschenfiguren – aus dem Land Benin in Westafrika sind im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in einer Vitrine ausgestellt

Raubkunst aus dem Benin in einem Hamburger Museum ausgestellt – Raubkunst gibt es auch in Berlin Foto: picture alliance/dpa/Daniel Bockwoldt

In Sachen Kolonialismusdebatte fährt das Humboldt Forum schon länger eine geschickte Strategie. Kritik wird nicht einfach niedergemacht oder ignoriert, sondern als „Stimme der Anderen“ im Sinne zeitgenössisch hipper „Multiperspektivität“ einbezogen. So wirkt man offen und diskussionsfreudig, ohne praktische Konsequenzen, die womöglich schmerzhaft für einen selbst wären, ziehen zu müssen. Dieses Vorgehen war auch bei der digitalen Eröffnung am Mittwochabend zu bewundern.

So wurde etwa der Vorwurf, das rekonstruierte Preußenschloss sei Sinnbild des deutschen Kolonialismus, mittels Kunst am Bau ins Gebäude integriert: Eine schwarze, deckenhohe Stange im Rolltreppenhaus trägt eine schwarze Fahne, die halb in der Decke verschwindet. Im Eröffnungsvideo erklärt der Künstler Kang Sunkoo, seine „Statue of limitation“ erinnere an den deutschen Völkermord an den Herero und Nama. Der obere Teil dieser Fahne auf halbmast solle im kommenden Jahr auf dem Nachtigalplatz in Wedding aufgestellt werden – also mitten im Afrikanischen Viertel, einem anderen Relikt aus Deutschlands kolonialen Zeiten.

Auch die Kritik, viele der künftigen Ausstellungsstücke der „Weltkulturen“ seien koloniales Raubgut, war bei der Eröffnung vertreten. In einem eingeblendeten Video durfte die britische Künstlerin Priya Basil sagen, dass Deutschland das größte Kulturprojekt des 21. Jahrhunderts eröffne, „das bald zum Teil gefüllt sein wird mit unrechtmäßig erworbenen Stücken, dem Eigentum von Kulturen aus der ganzen Welt“.

Einen Teufel werden wir zurückgeben

Dass diese Feststellung, die in den vergangenen Jahren viele prominente und berufene Fürsprecher hatte, absehbar ohne Folgen bleibt, ließ schon das Eingangsstatement von Generalintendant Hartmut Dorgerloh erkennen. Der antwortete auf die Frage, was er zu der Diskussion der letzten Tage über die Forderung Nigerias nach Rückgabe der Benin-Bronzen sage: „Die Menschen werden uns die Bude einrennen.“ Was nichts anders heißt als: Einen Teufel werden wir zurückgeben, schon gar nicht unsere schönsten Stücke!

Überraschend ist das nicht, genau das ist die Politik der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) der letzten Jahrzehnte. Seit bald 40 Jahren fordert Nigeria seine geraubten Kunstschätze des alten Königreichs Benin zurück, daran hat diese Woche die Kunsthistorikerin ­Bénédicte ­Savoy erneut erinnert. Genauso lange mauert die SPK.

Überraschend ist das nicht, genau das ist die SPK-Politik der letzten Jahrzehnte

Auch wenn man sich heute gesprächsbereit zeigt, etwa im Rahmen des Benin Dialogue mit Nigeria, und „grundsätzlich“ und „im Einzelfall“ Rückgaben nicht ausschließt: Tatsächlich ist bis heute kein einziges von den rund 530 (!) Stücken aus dem historischen Benin zurückgegeben worden, die Berlin „besitzt“. Auch sonst lassen sich die Rückgaben von außereuropäischer Kunst und ethnologischen Objekten an zwei Händen abzählen. Ein Armutszeugnis nach mehr als zehn Jahren Diskussion übers Humboldt Forum.

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Jahrgang 1969, seit 2003 bei der taz, erst in Köln, seit 2007 in Berlin. Ist im Berliner Lokalteil verantwortlich für die Themenbereiche Migration und Arbeit.

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