Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus: Mahnmal der Arroganz

Der Umgang mit Raubkunst in Museen und die Aufarbeitung des Völkermords in Namibia zeigen die Halbherzigkeit der kolonialen Erinnerungspolitik.

Kopf-Skulptur und andere Benin Bronzen in Vitrine

Eine „substanzielle“ Zahl von Benin-Bronzen will Deutschland zurückgeben. Aber wie viele und welche? Foto: dpa

Vor wenigen Tagen feierten sich die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Monika Grütters, und Außenminister Heiko Maas noch selbst für den „Wendepunkt in unserem Umgang mit der Kolonialgeschichte“ (Maas), da man zusammen mit Kul­tur­po­li­ti­ke­r:in­nen der Länder und Museumsverantwortlichen beschlossen habe, in den nächsten Jahren einige Benin-Bronzen nach Nigeria zurückzugeben.

Eine grundsätzliche Einigung über den Umgang mit problematischem Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten, ein Bekenntnis zur bedingungslosen Restitution gar, unterblieb auch am Ende einer Legislaturperiode, an deren Anfang man die Aufarbeitung des kolonialen Erbes vollmundig ins Regierungsprogramm geschrieben hatte. Nachdem man das Thema lange unterschätzt zu haben scheint, setzte man zum Befreiungsschlag in letzter Minute an, um die Eröffnung der ethnologischen Sammlungen im Berliner Humboldt Forum doch noch irgendwie zu retten.

Man tat dies allerdings mit Einschränkungen: So sollte nur ein substanzieller Teil aus Benin zurückgegeben werden, ohne zu spezifizieren, wer bestimmt, wie groß dieser Teil ist, oder wer die Stücke auswählt. Das öffnet Tür und Tor für einen Kuhhandel, in dem einen Kompromiss erzwingen kann, wer am längeren Hebel sitzt. Das mag der Logik des diplomatischen Tauziehens um Agrarsubventionen und Fischereirechte folgen, dem sensiblen Thema des Umgangs mit Unrecht und Trauma der Vergangenheit ist es nicht angemessen. Der versuchte „Befreiungsschlag“ folgt dem bekannten Muster, nur zuzugestehen, was man gar nicht mehr leugnen oder abwenden kann. Es ist noch nicht die richtungsweisende Politik, die über den Einzelfall hinaus klare Maßstäbe schafft.

Im Fall kolonialer Sammlungen dauerte es gerade mal eine Woche, bis der nächste prominente Fall von kolonialem Raub im Humboldt Forum die Öffentlichkeit erreichte: Das Luf-Boot, geraubt in Deutsch-Neuguinea, wie der Historiker Götz Aly demonstrierte. Und wieder sind die Verantwortlichen überrascht, bekunden ihr Vertrauen in die Selbstaufklärungsfähigkeit von Humboldt Forum und Museen und versuchen zur Tagesordnung überzugehen.

Dabei werden sich die Fälle noch häufen, sind die Magazine der ethnologischen Museen doch voller Objekte aus kolonialen Kontexten. Koloniale Kontexte sind aber immer problematische, denn Kolonialismus war ein strukturell rassistisches Unrechtssystem, geprägt durch Gewalt und ein extremes Machtungleichgewicht. Deshalb sollte die Grundannahme immer sein: Die Objekte wechselten nicht fair und freiwillig den Besitzer, es sei denn, dies kann nachgewiesen werden. Solange keine Provenienzforschung vorliegt, die das Gegenteil beweist, muss man von unfairen Erwerbsumständen ausgehen.

Für eine echte Dekolonialisierung reicht es nicht, Objekte zurückzugeben und Kunst zu verteilen

Originell ist nun die Verteidigung des Humboldt Forums: Man wolle das Boot nach wie vor zeigen, jetzt halt als „Mahnmal der Schrecken der deutschen Kolonialzeit“. Macht dieses Beispiel Schule, dann bedeutet es das Ende der Restitution als Versuch, historisches Unrecht wiedergutzumachen. Jede(r) behält, was er/sie hat, und erklärt es flugs zum Mahnmal. Wissen die Verantwortlichen im Humboldt Forum eigentlich, was sie da sagen und fordern? Nicht das Luf-Boot würde so zum „Mahnmal der Schrecken der deutschen Kolonialzeit“, sondern das ganze Humboldt Forum endgültig zum Mahnmal der (nach-)kolonialen Arroganz, in der in Berlin entschieden wird, wessen und wie man gedenkt. Dabei bräuchte es wirklich ein Kolonialismusmahnmal in Deutschland, etwa einen Gedenkort für den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, verübt an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika. Für ein Denkmal für die Opfer des Kolonialismus gibt es aber keinen Gipfel im Kanzleramt, keine Bund-Länder-Initiativen.

Am Samstag kam die Nachricht, Deutschland und Namibia hätten eine Einigung in den Verhandlungen über den Völkermord an den Herero und Nama erzielt und wollten diese in den nächsten Wochen durch die Außenminister beider Länder in Windhuk unterzeichnen lassen, mit einer offiziellen Entschuldigung durch Bundespräsident Steinmeier als Ziel. Das ist erfreulich und überfällig.

Es wird nun darauf ankommen, wie genau die finanzielle Seite des Abkommens ausgestaltet wurde, und ob Herero und Nama als Nachkommen der Opfer damit zufrieden sind. Die heimlichtuerische Art, in der die Verhandlungen bisher geführt wurden, und der Ausschluss eines Teils der Herero und Nama aus den Verhandlungen sind eine ernstzunehmende Hypothek. Vertan ist auch die Chance, in der deutschen Gesellschaft eine breite Debatte darüber zu führen, wie man mit dem historischen Unrecht und dem Erbe des Kolonialismus umgehen will. Dies muss nun nachgeholt werden durch Bildungs- und Aufklärungsarbeit in Namibia und in Deutschland.

Allerdings böte eine breit akzeptierte Einigung über die Aufarbeitung des ersten deutschen Genozids auch eine Chance. Gleichzeitig mit der Einigung zu den Benin-Bronzen lenkt sie den Blick darauf, dass sich die Verbrechen des Kolonialismus nicht auf den Raub von Objekten beschränkten, sondern auch die Ausbeutung, Unterdrückung, Ermordung von Menschen beinhaltete. Für eine echte Dekolonialisierung reicht es nicht, Objekte zurückzugeben und Kunst zu verteilen – es gilt, Wohlstand und Lebenschancen zu teilen.

Vielleicht wäre jetzt der Moment, beide Themen sichtbar zu verbinden. Warum nicht den Schlüterhof mit Sand aus der Omahekewüste auffüllen, wo deutsche Kolonialtruppen 1904 die Herero zugrunde gehen lassen wollten, oder die Barockfassade mit Stacheldraht brechen, der an die damaligen Konzentrationslager erinnert? Wenn es um Aufklärung über die Schrecken der deutschen Kolonialzeit ginge, könnte das Humboldt Forum das Luf-Boot entfernen und dennoch ein Mahnmal sein.

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56, ist Professor für Globalgeschichte an der Uni Hamburg und leitet dort den Projektverbund „Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe“.

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