Die steile These: Lasst die Geisterspiele beginnen!

Beim Fußball geht es um Emotionen, aber vor allem um Profit. Geisterspiele, ohne Zuschauer*innen sind da nur konsequent.

Leere Fußballtribüne

Statt Jubelrufe und Bierdusche nur gähnende Leere im Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden Foto: Robert Michael/dpa

Wer in den vergangenen Wochen an Fußballentzug litt, konnte sich zumindest damit behelfen, einige Fragen aus dem sportlichen Gestern zu klären: Hat sich die Libero-Taktik tatsächlich überholt? Hätte auch Uwe Seeler schon ein Millionengehalt verdient gehabt? Und natürlich: Welcher WM-Triumph der „Mannschaft“ war denn nun wirklich am schönsten? Viele Onlineangebote stellten aus Mangel an aktuellen Spielen Historisches als „re-live“-Stream oder Retro-Fußballticker bereit – vorzugsweise Spiele mit deutscher Beteiligung, die WM 1970, die EM 1996 oder die WM 2014.

Dieses Recycling zeigte aber vor allem eins: wie groß der Wunsch ist, dass es endlich weitergeht.

Wie es mit dem Profifußball weitergehen könnte, ist für viele eine Frage, die in ihrer Dringlichkeit fast mit der Relevanz deutscher Spargeldiskussionen konkurriert. Nachdem Bund und Länder am Mittwoch entschieden hatten, Großveranstaltungen bis Ende August zu untersagen, hat die Debatte über Geisterspiele neues Futter gekriegt: Sollen die Spiele auch ohne Fans gespielt werden oder ist das für die Volkssportart Nummer eins unzumutbar?

Dabei ist klar: Zuschauer*innen wären immer dabei – zumindest vor den Empfangsgeräten. Wie die vergangenen Wochen zeigten, sind diese sogar bereit, sich Spiele anzusehen, deren Ergebnis sie bereits kennen. Natürlich können und sollen Geisterspiele deshalb stattfinden, sofern dies gesundheitlich vertretbar ist. Vor dem Fernseher können alle zuschauen, und auch die Medien hätten mal wieder andere Themen als Virologen-Scharmützel und Mundschutzpflicht. Also lasst die Geisterspiele beginnen! Und dann macht am besten gleich eine dauerhafte Einrichtung daraus.

Fußball ist eine Unterhaltung, die es zu verkaufen gilt

Die Gegner*innen von diesem Konzept sehen das natürlich anders: Fans machten doch schließlich den Sport aus. Auf den Fußball, kann man sagen, trifft das in besonderem Maße zu: Ganze Innenstadtbereiche werden abgeriegelt, damit sich diese und jene Fangruppe nicht in die Quere kommen. Polizeihundertschaften dürfen ihre Wochenenden damit verbringen, die wenigen Fußball-Atheist*innen zu schützen und dafür zu sorgen, dass die U-Bahn auch am folgenden Montag noch benutzbare Sitzbänke hat.

Aber hey, geht nicht auch Papa mit der elfjährigen Tochter ins Stadion, um die Liebe zu dem unverwechselbaren Gemisch aus Bratwurstaroma und Bierduschen an den Nachwuchs weiterzugeben? Auf die Familienfreundlichkeit der deutschen Bundesliga verweisen gern jene, die meinen, dass gemeinsames Fußballgucken als gesellschaftliches Ereignis zu verstehen sei. Und: Das Spiel sei mehr als ein Wettkampf, die Emotionen beim Sport ermöglichten der heutigen Gesellschaft gar ein kathartisches Erlebnis.

Versucht man, sich einmal aus dem emotionalen Strudel zu befreien und etwas nüchterner darauf zu blicken, wird klar: Die Fans gehören im modernen Fußball längst zum Produkt selbst: Sie werten es auf, steigern dessen Verkaufssumme, schaffen einen Resonanzraum. Die spektakulären Choreografien und lautstarken Fangesänge aus den Ultra-Blöcken mögen für ihre Urheber*innen übergeordneten Wert besitzen. Deren Bedeutung für die Sportler*innen sollte man aber nicht überschätzen. Wichtiger sind sie für den Verkauf der Fernsehbilder – die „einzigartige Atmosphäre“, die von den Kommentator*innen am Spielfeldrand beschworen wird, erhöht den Marktwert. Und doch sind die Fans vor Ort dabei nicht mehr als ein Zusatz, der nicht vom eigentlichen Zweck des Geschehens auf dem Rasen ablenken sollte: der Unterhaltung, die es zu verkaufen gilt.

Lange blieb in der Öffentlichkeit aber nahezu unbemerkt, wie fragil das wirtschaftliche System ist, das der Profifußball sich da aufgebaut hat. Wer nur auf die millionenschweren Fantasiesummen blickt, übersieht dabei oft die Abhängigkeit der Clubs. Finanziert wird das System der schnellen Gewinne und großen Ausgaben über Fernsehabos und Werbung. Eine kurzlebige Methode, wie sich jetzt zeigt. Wie sonst ist es zu verstehen, dass Fußballclubs, die mit vielen Millionen Euro Umsatz wirtschaften, nach wenigen Wochen Spielpause bereits vor der Insolvenz zittern?

Im Gegensatz dazu haben die Amateurvereine keine hochdotierten TV-Verträge, sie finanzieren sich über die Menschen, die ins Stadion kommen. Wie übrigens auch die Sportarten auf den weiteren Rängen: Auch Handball, Basketball oder Volleyball treffen die Einschränkungen zu Coronazeiten vor allem wegen ausbleibender Ticketeinnahmen.

Dieser Unterschied zeigt: Fans sind nicht überall gleich bedeutend. Während die einen das Überleben ihres Vereins durch ihr Eintrittsgeld direkt sichern, werden die anderen nahezu vollständig von diesem entkoppelt. Natürlich, auch sie ermöglichen dem Verein – optimistisch gedacht – etwas: tolle Bilder und wertvolle Werbung für das zu verkaufende Produkt. Zugespitzt könnte man sie aber auch als bessere Angestellte der Fernsehanstalten bezeichnen – hilfreich und gewinnbringend, aber zur Not geht es auch ohne. Gespielt wird für das Livebild.

Wenn die Proficlubs ihre Partien demnächst als Geisterspiele allein für das Fernsehen austragen, ist das also nur konsequent: Solange das Geld fließt, rollt der Ball. Diese einfache Erkenntnis ermöglicht es, den Profifußball als das zu sehen, was er ist: ein mediales Spektakel mit gelegentlichem Soap-Faktor. Mehr noch: Geisterspiele, oder nennen wir sie besser „TV-Spiele“, sind die Reinform des kapitalisierten Profisportgeschäfts.

Es könnte also wirklich ganz einfach sein: Über die TV-Einnahmen und somit die Abonnements, die so viele bereitwillig abschließen, ließen sich die oberen Prozent des Fußballs finanzieren: jene Form des Ballspiels, die es wert scheint, im Fernsehen übertragen zu werden.

Geisterspiele sind keine Bedrohung, sondern eine Chance

Diese Erkenntnis anzunehmen hätte einige Vorteile. Natürlich, ein paar Stadien dürften dann wohl zu groß sein, böten aber immerhin eine hübsch-melancholische Kulisse. Die Deutsche Bundesliga müsste sich fortan aber nicht mehr mit Landesbehörden streiten, wer denn nun die Kosten für die immensen Polizeieinsätze trüge. Und – auch das sollte nicht unterschlagen werden – die viel gelobten Emotionen, die Fußball-Großevents bereiten, rufen bei Weitem nicht bei allen freudige Erwartungen hervor: Auf Lärm, Gewalt, Diskriminierung, Schlägereien und Besäufnisse könnte man auch verzichten.

Und auch das gemeinsame Fußballgucken wäre weiterhin möglich – vor dem Bildschirm. Derzeit zwar nicht in der Fußballkneipe, wo der Mindestabstand spätestens nach ein paar Bier nicht mehr einzuhalten ist. Aber stimmungstechnisch lässt sich dieses Setting auch mit weniger Leuten im Wohnzimmer oder der Gartenlaube nachstellen.

Geisterspiele sind also keine Bedrohung, wie der gruselerregende Name vermuten lässt, sondern vielmehr eine Chance: Sie markieren die Quintessenz des modernen Fußballs – geben wir ihm doch die Gelegenheit zur vollständigen Entfaltung. Geisterspiele forever!

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