: Die Zeit ist auf der Seite der Täter
Der mutmaßliche Epstein-Komplize Daniel Siad ist tot. Sein Fall trägt Züge eines Justizskandals – und zeigt, warum Vergewaltigung nicht verjähren sollte
Foto: Bonnie Cash/upi/laif
Von Christine Longin
Fast 800 Quadratmeter war die Wohnung groß, die Jeffrey Epstein an der schicken Avenue Foch in Paris besaß. Alle zwei Monate kam der US-Investor dorthin, um junge Frauen zu missbrauchen. Paris wurde für den Multimillionär zum Jagdrevier. Die französische Hauptstadt zog Mädchen an, die von einer Karriere als Model träumten. Und Epstein hatte dort Helfer, die ihm seine Opfer zuführten, darunter auch Minderjährige.
Einer davon war Daniel Siad. Die Epstein-Akten, die die US-Regierung im Januar veröffentlichte, erwähnen ihn mehr als zweitausend Mal. Bis zu Epsteins Suizid in der Gefängniszelle 2019 tauschte Siad zehn Jahre lang Mails mit ihm über junge Frauen aus. In einer Mail verglich er sich mit einem Fischer: „Manchmal mache ich einen guten Fang, manchmal erwische ich nichts.“
Im Epstein-Skandal war Siad eine Schlüsselfigur, die der französischen Polizei seit 2022 bekannt war. Damals gab eine 32-Jährige zu Protokoll, wie Siad sie an Epstein vermittelt hatte. Der Modelscout selbst behauptete in Interviews, nichts vom Missbrauch der Frauen gewusst zu haben, die er seinem Auftraggeber zuführte. Vor der Polizei kann er sich nun nicht mehr äußern: Der 69-Jährige wurde am Montagabend tot in einem Haus in einer Pariser Vorstadt gefunden – nur wenige Kilometer von der Avenue Foch entfernt. Damit ist klar, dass einer der mutmaßlich wichtigsten Helfer Epsteins in Frankreich nie vor Gericht stehen wird.
Dabei hatte die französische Justiz jederzeit Zugriff auf Siad. Der aus Algerien stammende Mann mit schwedischem Pass war nicht auf irgendeiner Karibikinsel untergetaucht, sondern hielt sich im Großraum Paris auf. Sechs Frauen hatten gegen ihn Anzeige erstattet – unter anderem wegen Vergewaltigung und Menschenhandels. Doch die Justiz verhörte ihn in den vergangenen Jahren laut seiner Anwältin kein einziges Mal. Ein Skandal – nicht nur für die Opfer.
Im Vergleich zu Ländern wie Deutschland ist die französische Justiz hoffnungslos unterbesetzt. In den Staatsanwaltschaften stapeln sich die Fälle von Missbrauch. Wegen der chronischen Überlastung verstreichen wertvolle Jahre. Die Verjährungsfrist von 20 Jahren bei Vergewaltigung Volljähriger wird dadurch zum Problem. Für Opfer sind sie ohnehin eine zu kurze Zeit. Oft brauchen sie Jahrzehnte, um über das Trauma zu sprechen, das sie erlitten haben.
Dass nun Opfer sexueller Gewalt ein Ende der Verjährungsfrist fordern, ist gut und sinnvoll. Denn die Verjährung ist nur ein Signal an die Täter, dass sie straflos bleiben können, wenn genug Zeit vergeht. Und die Zeit ist auf der Seite der Täter: Frauen haben weiterhin Schwierigkeiten, von Polizei und Justiz gehört zu werden.
Noch immer enden rund 90 Prozent der Anzeigen wegen Vergewaltigung ohne Strafverfolgung – meist aus Mangel an Beweisen. Der Täter ist in den meisten Fällen bekannt. Doch oft fehlen die Mittel, um die Vorwürfe weiterzuverfolgen. „Der Beschuldigte wird nicht verhört, sein Smartphone nicht durchsucht, die Beweise nicht gesammelt und abgelegt“, kritisiert die Organisation Fondation des Femmes.
Dabei veränderte die MeToo-Bewegung, die 2017 in den USA begann, auch Frankreich. Frauen trauten sich, offen über sexuelle Gewalt zu sprechen. Erstmals wurden auch prominente Franzosen, die bislang als unantastbar galten, bezichtigt. Zum Beispiel der Fernsehjournalist Patrick Poivre d’Arvor oder der Filmstar Gérard Depardieu, der im vergangenen Jahr zu 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde. Die größte Bewusstseinsänderung aber brachte der Prozess gegen die Vergewaltiger von Gisèle Pelicot im Herbst 2024.
Den Opfern von Siad und Epstein nützte das nichts. Ihre Verfahren wurden so lange verschleppt, bis die Täter tot waren. Epstein erhängte sich in seiner Gefängniszelle, Siad soll an Herzversagen gestorben sein. Und Jean-Luc Brunel, Inhaber einer Modelagentur und ebenfalls ein Anwerber für Epstein, beging 2022 in einem Pariser Gefängnis Selbstmord.
Ob die drei Todesfälle in Zusammenhang stehen, ist unklar. Für die Opfer ist das auch zweitrangig. Sie wollen, dass ihr Leid anerkannt wird und die Verantwortlichen bestraft werden. Dafür braucht Frankreich eine besser ausgestattete Justiz und ein Verjährungsrecht, das Vergewaltigung nicht nach 20 Jahren zu den Akten legt. Daniel Siad ist tot. Doch andere mutmaßliche Handlanger Epsteins leben noch. Sie dürfen nicht ungestraft davonkommen.
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