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Die WahrheitIch liebe meinen Körper

Bodyshaming – bloß nicht: acht Billionen Bakterien zum Beispiel, die täglich den Darm reinigen, sind einfach bedingungslos zu lieben. Oder etwa nicht?

K ürzlich habe ich gelesen, dass viele Menschen ihre Körper nicht mögen. Allein 87 Prozent aller Frauen. Ich kann das nicht verstehen. Der Körper ist doch das Beste am Menschen. Ich hätte gern eine andere Psyche, aber mein Körper ist tipptopp. Was er alles kann: Wachsen, wackeln, Wunden heilen. Wenn etwas kaputt ist, kann er es meistens selbst wieder reparieren. Ich stelle mir das so vor wie in einem dieser Repair-Cafés, wo alle gemütlich an alten Geräten rumschrauben. Außerdem ist mein Körper nicht so verkopft. Eigentlich überhaupt gar nicht verkopft, das ist das Gute. Zum Beispiel beim Sex. Nicht lang schnacken – er macht einfach und agiert so herrlich intuitiv, so aus dem Bauch heraus wie eine gut geölte Maschine.

Ich liebe alles an meinem Körper. Vor allem die ganzen Einzeller. Mein Taillenumfang oder meine Beinhaare interessieren mich nicht, aber dass in mir so viele Bakterien leben, fasziniert mich jeden Tag. Ja, ich kann mir keine Putzhilfe leisten, aber acht Billionen Bakterien, die meinen Darm täglich reinigen. Wie sie unterm Mikroskop schon aussehen: so drollig, so liebenswert wie leicht behaarte Erdnussflips. Im menschlichen Körper gibt es mehr Bakterienzellen als menschliche Zellen. Die übermächtigen Bakterienzellen sind quasi ein Staat im Staate. Sie sind die eigentlichen Herrscher in mir, so wie die Mullahs im Iran oder die Tech-Milliardäre in den USA.

Auch schön: Meine Bakterien klagen nicht, sie verlangen keine 4-Tage-Woche, sie machen alles umsonst. Manchmal überkommt mich deshalb ein schlechtes Gewissen. Wie sie schuften, sieben Tage pro Woche. Ohne Sonnenlicht. Ein Leben unter Tage. Machen sie in der Mittagspause ein bisschen Yoga? Haben sie überhaupt eine Mittagspause? Eigentlich müsste ich ihnen Urlaub geben. Aber wenn ich ihnen einen Urlaubstag oder das Streikrecht einräume, bin ich sofort tot. Ob irgendwer in meiner Darmflora eigentlich der Chef ist? Oder bin ich selbst die Chefin? Ohne mich könnten meine Bakterien nicht leben. Mein Darm ist ihre Welt. Was für eine Verantwortung. Wenn ich sterbe, sterben acht Billionen Darmbakterien mit mir.

Mögen die mich?

Ob sie mich überhaupt mögen? Ob sie wissen, dass es mich gibt? Warum sind es eigentlich so viele Bakterien, warum nicht dreizehn oder so, dann würde ich alle mit Namen kennen. Dann wäre unser Verhältnis persönlicher.

Und natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich meinem Körper Alkohol oder Zigarettenrauch zuführe. Dann muss sich die ganze Belegschaft doppelt abrackern. Sie sind so fleißig, auch wenn ich es nicht bin. Ich kann abgammeln, während in mir Großes geschieht. Ich liebe meine Bakterien! Jede einzelne. Ich würde ihnen niemals etwas Schlimmes, Problematisches zumuten, zum Beispiel eine Darmreinigung. Außer wenn sie plötzlich doch nach einem Mindestlohn oder Arbeitnehmerrechten verlangen.

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