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Die WahrheitGothic Gotha

Auf einer Reise ins tiefe thüringische Dunkeldeutschland werden alle fein gepflegten Vorurteile ins helle Gegenteil verkehrt.

V orurteile sind oft nur frühreife Urteile. Werden sie bestätigt, und sei’s durch anekdotische Evidenz oder Lektüre der Ostdeutschen Allgemeinen, gerinnen sie bald zu festen Meinungen. Weshalb mich nicht gerade eine Woge schäumender Vorfreude aus Hessen in jene Kleinstadt spülte, in der ich nun einmal mit Freunden aus Sachsen-Anhalt verabredet war. Die Idee, man könne sich „doch einfach mal in der Mitte“ treffen, führte uns diesmal zufällig nach: Gotha.

Gotha? Am Bahnhofsdach von Gotha steht ein Satz von Goethe: „Denn man reist doch wahrlich nicht, um auf jeder Station einerlei zu sehen und zu hören“. Mehr wusste ich nicht von dieser Stadt. Nur das, was man beim Vorbeifahren lesen kann, wenn der ICE langsam genug fährt. Tja, und dann begannen die seltsamen Vorfälle.

Wir hatten gerade die Kasematten unter dem Schloss besucht und schlenderten den Hauptmarkt hinunter, als ein Halbwüchsiger auf einem E-Bike uns zunickte und „Hallo!“ sagte. Wir schauten uns an und dem Irren hinterher. Kannte den irgendwer? Da hob eine ältere Dame den Regenschirm: „Schönen Abend!“ Niemand von uns grüßte zurück. Es war einfach zu überraschend gekommen.

Daraufhin betraten wir eine Kneipe namens „Calypso Bar“. Vor den Geldspielautomaten nuckelte die Dorfjugend an ihren Vapes, an der Theke lehnten ein paar alkoholisierte Rentner, die Bedienung war tätowiert und sehr fröhlich. Plötzlich, aus heiterem Himmel, klopfte im Vorbeigehen ein Ankömmling auf unseren Tisch: „’n Abend!“ Kaum hatten wir den Schreck verarbeitet, klopfte es schon wieder, diesmal ein Heimtorkelnder: „Tschü-hüss!“ Es war wirklich unheimlich.

Paralleles Thüringen

In der Fußgängerzone fragten wir uns, was hier vor sich ging. Versteckte Kamera? Drogen im Trinkwasser? Thüringenweiter „Seid freundlich!“-Tag? Paralleluniversum?

Zwei typische Teenagerinnen kamen uns entgegen, in ihre Smartphones versunken und vermutlich auf dem Weg zu einem Open Air der Gothaer Spaßmetal-Band Harnstein. Sie blickten hoch, die Mienen aufgehellt: „Hallo! Schönen Abend!“ What the fuck!? Benommen erwiderten wir den Gruß. Was, fragte ich mich, stimmte nicht mit uns?

Vor der Chaya Lounge lungerte das Stadtbild: „Wallah, seid ihr Wessis? Merhaba!“ Daneben kraulte ein Angetrunkener seinen Kampfhund: „Könnt ihn jerne streicheln! Der Odin ist ein ganz Lieber!“ Also kraulten wir Odin, denn sogar der Kampfhund war wirklich ein ganz Lieber. Zurück im Hotel behauptete der Besitzer auf unsere Nachfrage, die Gothaer wären eigentlich „eher reserviert“ und die Menschen in Erfurt „viel freundlicher“.

Hiermit möchte ich mich offiziell für das Amt des Stadtschreibers bewerben, damit ich Gotha künftig in Vollzeit preisen und einen neuen Satz für den Bahnhof beisteuern kann: „Denn man reist doch wahrlich, um eines Tages die freundlichste Stadt der Welt zu entdecken!“

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Arno Frank Inlandskorrespondent

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