Die Wahrheit: Der Geist des Llano rhenacado
Rheinreise mit Roswitha: Im Flussbett des deutschen Stroms können zur Trockenzeit nur noch Wüstenschiffe verkehren.
Am erbarmungslos blauen Himmel kreisen Geier, während sich unsere Karawane durch das ausgetrocknete Wadi des Rheins quält. „Ruhig, Constellation 23B“, beruhigt unser Kapitän Egon Waldhof seine Leitstute. Zwar trägt der Binnenschiffer noch immer eine seemännische Prinz-Heinrich-Mütze, doch statt eines Schubverbands steuert er ein Kamel durch das sonnenverbrannte Mittelrheintal. Seine Stute hat Waldhof nach seinem Lieblingsfrachter benannt, den er im letzten Rekordsommer auf dem Riff vor St. Goarshausen an Strandräuber verloren hat.
Das durstige Tier wirft den Kopf zurück und röhrt zum Steinerweichen. Es wittert Wasser, denn der sengenden Sonne widersteht noch immer ein schmales, braunes Rinnsal in der Mitte des Flussbetts. Dort entdecken wir ein kühles Glas Rheinwein, das von einer Gloriole umflort wird. „Eine Fata Morgana!“, versucht uns Karawanenführer Waldhof zurückzuhalten. „Vielleicht sogar eine Falle!“
Die Passage durch das Leere Viertel zwischen Bingen nach Andernach gilt als gefährlichster Abschnitt der Flussreise. Nicht nur verwilderte Kegelklubs, die von den Badlands der Mosel an die letzten rheinischen Wasserlöcher gezogen sind, machen die Gegend unsicher. In die Burgruinen über den verdorrten Weinbergen sind wieder Raubritter eingezogen, die Reisende nicht nur ausplündern, sondern auch mit einem scheußlichen Riesling-Ersatz bewirten, den sie aus Kakteen fermentieren.
Die Warnung kommt zu spät. Wir haben das Glas schon an die rissigen Lippen geführt und anschließend eine ganze Flasche bestellt. Von einem Bacharacher Fellachen unter Protest zurück in den Sattel unseres Kamels Roswitha verfrachtet, erleiden wir schlimmste Halluzinationen.
Wir wähnen uns auf einem Weinfest, doch gibt es dort nur Diesel, Spezi und andere fossile Energieträger zu saufen. Die Weinkönigin will uns den Kopf abschlagen lassen, um an die Braunkohlereserven in unserem Dickdarm zu kommen. Wegen der Wasserrationierung hatten wir schon seit Wochen keinen Stuhlgang.
Raubbau in der Rinne
„Ned zurückbleibe!“, rheinfränkelt es, doch statt der Klöcknerin von Kreuznach watscht uns der Fellache von Bacharach ab. Der brave Landmann hat uns vor dem sicheren Tod bewahrt. Denn neben der untoten Weinkönigin soll der Geist von Katharina Reiche durch die leere Flussrinne wabern. Dort lockt die zu ewigem Raubbau verdammte Ministerin als gasblau lodernder Wüstengeist einsame Wanderer in tückische Öltreibsandfelder oder zwingt arme Seelen, einen LNG-Tank rheinaufwärts zu schleppen, bis sie tot umfallen.
Am nächsten Morgen brennt uns die Sonne die Phantome aus dem Hirn, der Reisetag verläuft entsprechend ereignislos. Ein ungestümer Khamsin, der über den Hunsrück fegt, dreht uns ein Paar wirklich heißer Sandhosen an. Danach freunden wir uns mit der jungen Dame auf dem Schieferfelsen an. Sie will unbedingt unser goldenes Haar kämmen, findet unsere Sandhosen aber unkleidsam, worauf uns unerklärliche Traurigkeit ergreift. Wenigstens lassen die Halluzinationen nach.
Abends erreichen unsere Wüstenschiffe die Oase Boppard, in der uns Kapitän Waldhof eine günstige Karawanserei empfiehlt. Den Wassereimer zum Waschen müssen wir uns nur mit paar Dutzend Hökern aus Ludwigshafen teilen, die chemische Gefahrengüter und Kopfwehtabletten geladen haben. An den Lagerfeuern hören wir weitere Geschichten. Zehn Wolfsburger Ponyreiter transportieren einen Neuwagen des letzten deutschen Automobilherstellers. In Einzelteile zerlegt soll der Viertakter nach Fernost transportiert werden. „Chinesische Touristen kaufen solche Kuriositäten gern auf ihren Grand Tours“, weiß der Fellache von Bacharach. Die deutsche Wirtschaft verspricht sich einen rasanten Aufschwung vom Verkauf des Verbrenners.
Am nächsten Morgen drängt uns der Kapitän zur Eile. Eine einzelne Wolke ist am Himmel aufgetaucht. „Bald beginnt der Monsun“, erklärt er uns. „Was an Rheinwasser verdunstet ist, kommt dann blitzschnell wieder runter. Dabei steigt der Rheinpegel bis zur Oberlippe von Kaiser Wilhelm am Deutschen Eck.“
Der Flussschiffer gibt Constellation 23B die Sporen, doch als wir Roswitha erklettert haben, setzt schon Nieselregen ein. An der nächsten Rheinschleife geht der Regen in einen apokalyptischen Guss über, der die Marksburg von ihrer Klippe spült und die Wolfsburger Ponyreiter mitreißt. Wir verlieren unseren Sonnenhut sowie die Nachhut der Karawane. Immerhin erweist sich Roswitha als wackere Schwimmerin, die sogar die Wildwasser des Lahn-Billabongs meistert, der nun als reißender Mahlstrom in den Rhein mündet. Von den Ludwigshafener Chemiehändlern bleibt nur ein giftig schillernder Fleck in schäumender Gischt.
Standbild unter Fluten
Am Zusammenfluss von Rhein und der mississippibreiten Mosel in Koblenz starrt uns das kaiserliche Reiterstandbild konsterniert an, bis die Fluten über seinem Haupt zusammenschlagen. Wir klammern uns an Roswitha fest, werden aber zusammen mit Bonn und Köln von einem Tsunami mitgerissen, der von der Ahr heranrauscht.
Erst in den niederrheinischen Mangrovensümpfen kommen wir wieder zu uns. Auf der Uerdinger Warft treffen wir Rheinschiffer Waldhof wieder. Sein untergegangenes Kamel hat er gegen ein Flusspferd aus einem Meerbuscher Gestüt ausgetauscht. „Der Rhein reicht jetzt etwa von den Ardennen bis Münster“, klärt uns der Kapitän über die aktuelle Flussbreite auf.
Dann schwingt er sich auf seinen Dickhäuter. „Hü, Constellation 23C“, ruft er. Immerhin hat der Frachtführer noch immer eine Satteltasche Schüttgut zu transportieren, die am Emmericher Deich gegen die heranbrandende Nordsee gebraucht wird. Uns rät Kapitän Waldhof, auf den Winter zu warten. „Wenn der Jetstream wieder schwächelt, friert der Rhein zu und wird schiffbar – zumindest für die weiße Flotte.“
Wenige Wochen später sitzen wir in einer Eiswüste fest, bis uns das Klingeln des ersten Linienschlittens aus Basel erlöst. Doch unter das schwyzerdütsche Bellen der Bernhardiner mischt sich das rheinische Röhren eines Trampeltiers. Roswitha hat überlebt und als Schlittenhund angeheuert. Überglücklich schließen wir unser treues Kamel in die Arme, das uns schwanzwedelnd abschleckt.
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