Die Wahrheit: Auf der Gummersbacher Erfolgswelle
Die Stadt im Nirgendwo plant eine regelrechte Monsterwave zur Ankurbelung des brachliegenden Tourismus.
Bald wieder soll sie zum Surfen freigegeben werden: die legendäre Eisbachwelle im Englischen Garten. Unter den Topattraktionen Münchens rangiert sie noch vor dem Hofbräuhaus und dem Grab von Pumuckl. Kein Wunder also, dass immer mehr deutsche Städte eigene Surfspots planen. Momentan sind das zum Beispiel Frankfurt am Main und Gießen an der Lahn. Und auch kleinere Gemeinden ziehen nach.
„Was heißt denn hier ‚kleinere Gemeinde‘? Wir sind ein Mittelzentrum!“, empört sich Tourismus-Chef Marius Lettner. Wir sitzen im Fremdenverkehrsamt Gummersbach, wo eine Pressekonferenz anlässlich einer sensationellen Projektvorstellung abgehalten wird. „Insbesondere Städte, die im Schatten von bedeutenden Metropolen liegen, in unserem Fall Remscheid, können von Abenteuerangeboten profitieren. Weswegen ich heute stolz die Eröffnung einer Wellenreitstelle auf der Agger im Sommer 2027 präsentieren darf!“
Schwungvoll zieht der Touristikmann die Decke von einem Miniaturmodell: „Hier sehen Sie unseren Hausfluss, die Agger, im Maßstab 1:25, mit dem Surfspot, an dem wir seit gestern arbeiten. Unser Zwerghamster Willy, dem wir ein Stück Holz an die Pfötchen geklebt haben, demonstriert stellvertretend, wie kühne Wellenreiter zukünftig ihre Stunts auf den turbulenten Wogen vollführen können.“
Ein ausgeklügeltes System aus Ventilen, Klappen, Kurbelschwingen und Pumpen sorgt dafür, dass sich das Wasser auf dem ansonsten wenig beeindruckenden Sieg-Nebenfluss bis zu einem halben Meter aufwölbt. Die technische Anlage am Ufer nimmt dramatische Dimensionen ein. Ob solch ein Aufwand, gerade in Zeiten der Energiekrise, noch in einem vertretbaren Verhältnis stehe, möchten wir wissen.
„Der Stromverbrauch ist relativ hoch, ja“, räumt Lettner ein, „um genau zu sein, so hoch wie der einer gesamten Kleinstadt, nämlich, um noch genauer zu sein, der von Marienheide. Wir zapfen unseren Nachbarort an, um diese Wellenmaschine zu betreiben. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das für sich behalten könnten …“
Offene Fördertöpfe
Wäre es nicht günstiger und weniger aufwendig, wie in München künstliche Stromschnellen in den Fluss zu setzen? Das sei richtig, sagt Lettner, aber: „Die Fördertöpfe sind geöffnet, und wir dürfen hineingreifen.“ Hier kommt nämlich die Bundesregierung ins Spiel. Als einen der letzten Reformpunkte hat der Bundestag in seinem Beschlussmarathon vor der Sommerpause die „Stärkung abgehängter Regionen durch Wassergaudi“ verabschiedet. „Noch am selben Abend habe ich den Antrag abgeschickt, zwei Tage später kam er bewilligt zurück, von Friedrich Merz persönlich unterschrieben“, lacht Marius Lettner.
Gummersbach habe den Vorteil, dass niemand außerhalb Gummersbachs Gummersbach geografisch einordnen könne. „Die meisten denken dabei an Franken, manche verorten es in der Westpfalz, tja, und Herr Merz muss wohl eine Verbindung mit seiner Heimat, dem Sauerland, hergestellt haben. Sollen die Leute glauben, was sie wollen – umso besser für uns! Hauptsache, wir Gummersbacher vergessen nicht, dass unser Herz im, äh …“, Lettner schielt auf die Gebietskarte an der Wand, „Oberbergischen Land schlägt!“
Wichtig sei dem Fremdenverkehrsamt, dass die kommende Attraktion weit genug vom Ahrtal entfernt ist – dort möchte die Bevölkerung bis auf Weiteres nicht mit reißenden Strömen konfrontiert werden.
Parallel zu den Bauarbeiten grübelt die Marketingabteilung über einen schmissigen Namen für die Surfwellenstufe. In der engeren Auswahl sind bisher „Bonebreaker“, „NRWave 2000“, „MotherfAgger“ und „Eisbachwelle, aber bei uns“. Es solle, so der Tourismus-Chef, ein möglichst „verhashtagbarer“ Name sein.
„Das soll viral gehen, sich auf Instagram und Tiktok verbreiten – wobei, mobiles Netz gibt es in dieser Gegend zurzeit nicht. Wir mussten einen Funkmast abreißen, um Platz für die Wellenerzeugungsanlage zu schaffen.“ So oder so erhofft sich die Stadt einen Zuwachs an Tagesausflüglern.
Kontakt mit Fremden
„Es wird den Einwohnern zwischen Dieringhausen und Niederseßmar guttun, auch mal mit Fremden in Kontakt zu kommen“, führt Lettner aus. „Mit denen werden sie sich blendend verstehen, schließlich sind vor allem männliche Surfer bekanntermaßen die unaufdringlichsten und zurückhaltendsten Menschen überhaupt.“
Die Anreise zur Surfstelle erfolgt mit dem Fahrrad oder praktischerweise direkt auf dem Flussweg (Kanumiete ab zehn Euro). „Mit der Zuganbindung sieht es leider schlecht aus“, seufzt Lettner, „denn eine Bahntrasse sowie eine Haltestelle mussten ebenfalls der Wellenerzeugungsanlage weichen.“
Sollten die Gäste irgendwann ausbleiben, hat der 51-Jährige schon die nächsten Visionen: „Für noch mehr feuchte Action lässt sich sorgen, indem man die nahe gelegene Genkeltalsperre oder die Aggertalsperre sprengt. In China machen sie so was ständig. Regelrechte Monsterwellen wären möglich! Ich will bald eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben.“
Außerdem sei der Bau eines Wärmeregulierungswerks angedacht, mit dem ein Vereisen des Gewässers verhindert wird und somit ganzjähriges Surfen garantiert ist. Doch bis dahin fließt noch viel Wasser die Agger hinunter. Die Pressekonferenz ist beendet, Willy der Zwerghamster treibt mit dem Gesicht nach unten im Miniaturfluss. Hoffentlich kein Menetekel für die wavige Stadt. Man wünscht Gummersbach Glück – und „Hang Loose!“
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