Die Wahrheit: In der Schaltzentrale der Hauptstadt
Zu Topanlässen wie der WM werden Flaggen aufs Brandenburger Tor projiziert, aber die Regeln der Illumination sind sehr kompliziert.
Schwarzrotgold leuchtet das Brandenburger Tor an diesem hellen Sommernachmittag auf. Jedenfalls würde es schwarzrotgold aufleuchten, wenn es später und dunkler wäre.
Reinhold Mayer, Geschäftsführer der Torleuchten GmbH tippt mit Blick von der Dachterrasse des Hotel Adlon auf seinem Laptop herum. „Das sieht man nachher viel besser“, erklärt er. „Das ist ja jetzt nur zur Probe.“
Geprobt wird hier seit zwei Wochen. „Das hier ist der wichtigste Lichtschalter der Hauptstadt“, sagt der gelernte Signaltechniker. Mit einem Tastendruck schaltet er die Deutschlandfahne aus und die französische Trikolore ein. Immer wenn das Brandenburger Tor angestrahlt wird, ist Oberbeleuchter Mayer zuständig. Und das ist an etwa 150 Tagen – oder Abenden – im Jahr der Fall. Jetzt steht erst einmal die Fußball-WM auf dem Programm. Mayer tippt auf seinem Laptop herum und wirft ab und zu einen kritischen Blick zum Wahrzeichen der Hauptstadt hinüber.
„Das muss ja während der WM alles absolut reibungslos klappen“, sagt er. „Zum Beispiel, dass wir nur die Fahnen in unserem Projektordner haben, deren 48 Länder auch wirklich an dem Wettbewerb teilnehmen, und keine anderen. Nichts wäre peinlicher, als wenn statt der britischen Fahne aus Versehen die neuseeländische aufs Tor projiziert würde.“
So wie neulich, als König Charles in den USA zu Gast war und statt des britischen Union Jack die Flagge Australiens gehisst wurde. Oder dass sich die Fahne von irgendeinem Land einschleicht, das es eigentlich gar nicht gibt, wie zum Beispiel Lummerland, Atlantis oder Belgien. Oder wenn statt der US-Fahne mit 50 Sternchen die uralte mit nur 15 Sternchen auf dem Tor erscheint. Fehler können teuer werden.
„Die Stromkosten sind noch die kleinsten Posten auf der Rechnung“, erklärt Mayer, „Die ganze Technik, dann das Personal, also ich und meine zwanzig Assistenten.“ Nicht zu vergessen die Miete für die wohl teuersten Büroräume der Stadt hier oben im Hotel Adlon.
Ganz alte DDR-Technik
„Aber sollen wir irgendwo in Lichtenberg sitzen, wie früher, als wir angefangen haben? Da musste mein Kollege im Büro auf den Lichtschalter drücken. Und ich stand da unten vor dem Tor und habe kontrolliert. Da hatten wir noch Diaprojektoren, ganze alte DDR-Technik. Alt, aber stabil. Wahrscheinlich haben die damit am 1. Mai und am 7. Oktober immer die rote Fahne ans Tor gestrahlt, oder was weiß ich. Ich habe ja nie hingeguckt.“
Zu Buche schlagen noch die Nutzungsrechte, denn das Brandenburger Tor gehört der Stadt und die Torleuchten GmbH – ebenfalls eine hundertprozentig landeseigene Firma – mietet von Berlin die zu projizierende Fläche.
„Wir brauchen ja nur die Vorderseite“, erklärt der Torbeleuchter. Durch die Abkopplung der Einnahmen von den Ausgaben (oder umgekehrt), entsteht dem Land Berlin so eine jährliche Steuerersparnis von etwa vier bis sechs Millionen Euro, die Torleuchten sonst zahlen müsste.
„Das kann der Landesrechnungshof besser erklären“, sagt Mayer. „Schauen Sie mal lieber!“ Er drückt auf eine Taste und sofort wird die japanische Fahne mit der von Südkorea überblendet.
„Herrlich, nicht?“, strahlt Mayer. „Wir können jetzt überblenden von einem Bild auf das andere. Im letzten Jahr mussten wir noch den einen Projektor einschalten und den anderen ausschalten. – So. WM läuft, alles in der Reihe.“ Jetzt wird das Tor nach jedem Spiel mit den jeweiligen Landesfahnen angestrahlt. „Also in der Vorrunde noch nicht. Aber ab dem Sechzehntel-Finale projizieren wir dann die Flaggen der Mannschaften, die rausgeflogen sind.“
Das geben die vom Land Berlin beschlossenen Statuten der Firma vor. Es werden nicht die Sieger geehrt. Das Tor wird im Grunde nur aus humanitären Gründen angestrahlt. Also vor allem mit Nationalflaggen. Wenn irgendwo ein Terroranschlag war oder ein Flugzeugabsturz oder eine nicht menschengemachte Naturkatastrophe mit vielen Toten passiert ist. Oder ein völkerrechtlich nicht erlaubter Angriffskrieg.
Keine Fahnen von Gewinnern
„Das Brandenburger Tor hieß ja früher ‚Friedenstor‘ “, sagt Mayer. „Das ist auch die Hauptmotivation für die Beleuchtung des Tors. Um der Opfer zu gedenken. Meist ruft irgendeine NGO an und sagt: Da ist das und das, wir wollen heute Abend das Tor mit der Fahne von – was weiß ich, beispielsweise, was nehmen wir denn da, ich sag mal – Gurkistan – angestrahlt haben. Und dann machen wir das.“
Sieger von bewaffneten Konflikten dürfen natürlich auch nicht an das nationale Denkmal projiziert werden. „Stellen Sie sich nur mal vor, ein Land überfällt ein anderes und gewinnt. Soll da die Fahne des Gewinners auf dem Tor zu sehen sein? Nein! Wir projizieren nur die Opfer.“
Aber das betrifft nicht nur Länder oder Anschlagsopfer. Als vor ein paar Wochen Friedrich Merz beleidigt verkündete, kein Bundeskanzler vor ihm habe je es so schwer gehabt, wollte die CDU sein Konterfei projizieren lassen und sogar eine Mahnwache vor dem Brandenburger Tor abhalten. Sogar die Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters gab es schon. „Aber dann“, sagt Mayer enttäuscht und schaltet das Testbild an, „wollte die CDU partout nicht zahlen“.
Apropos zahlen. „Werbung ist auch verboten. Das Tor ist keine Werbefläche. Außer, der Kunde zahlt wirklich, wirklich, wirklich viel. Wirklich viel. Das muss vom Finanzsenator natürlich genehmigt werden. Sponsoring ist allerdings erlaubt. Oder wenn jemand eine Veranstaltung macht, und in die Projektion doch irgendwie ein kleines Firmenlogo rutscht – kann ja mal passieren.“
Allerdings ist am Tor keine Parteienwerbung oder Wahlwerbung erlaubt. Aber die Statuten der Berliner Firma sollen demnächst geändert werden, da könnte schon nach der nächsten Bundestagswahl das Logo einer Partei projiziert werden.
„Also je nachdem, entweder das Logo der AfD, wenn sie nicht die Mehrheit hinter sich hat oder eben das Logo der AfD, wenn sie an schon der Macht ist. Unsere Grafiker basteln da schon mal an den Vorlagen“, meint Mayer.
Aber jetzt steht erst einmal die Fußball-WM in Nordamerika an. Bald ist Endrunde. Doch für heute hat Berlins Oberbeleuchter erst mal Feierabend. Wir fragen ihn, wo er das nächste Spiel gegen Deutschland sehen wird, aber er schüttelt den Kopf. „Für Fußball interessiere ich mich gar nicht“, sagt Mayer und klappt sein Laptop zu.
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