Die Wahrheit: „Exportüberschüsse sind warm“
Das so wahre wie enthüllende Interview mit Zhang Ming, Modernisierer der traditionellen chinesischen Medizin.
taz: Guten Tag, Herr Zhang.
Zhang (weise): Gut, schlecht, das sind doch bürgerliche Kategorien.
taz: Konfuzius?
Zhang: Nein, Känguru. Von Marc-Uwe Kling. Wir haben Ihre Kultur sehr genau studiert.
taz: Vielleicht etwas zu genau. Von Haus aus praktizieren Sie traditionelle chinesische Medizin, meist einfach TCM genannt …
Zhang: Genau, mein Fokus liegt auf Akupunktur, der Verabreichung aller möglichen Pülverchen und der Ernährungslehre. Für die anderen, anstrengenden Teile interessiert sich hier doch eh niemand.
taz: Und jetzt soll der Westen in MTCM, der Modernen Traditionellen Chinesischen Medizin, sein Heil finden. Modern und traditionell, sagen Sie, ist das nicht ein Widerspruch?
Zhang: Traditionell unterscheidet ja unsere Lehre Lebensmittel nach thermischer Wirkung, Geschmack, Organzuordnung und was letztlich rauskommt. Die MTCM bringt diese alten Ideen wie heiß, kalt, bitter oder süß auf den neuesten Stand der Technik.
taz: Wie kamen Sie überhaupt darauf, die TCM zu modernisieren?
Zhang: Durch meine Großmutter, Leiterin der Agitprop-Abteilung der KP unter Mao. Bei ihr spüre ich eine uralte, man könnte sagen: steinalte Verbundenheit.
taz: Werden wir noch konkreter: Wie verändert die MTCM zum Beispiel die Akupunktur?
Zhang: Das Prinzip der Akupunktur – Schmerzen zufügen, damit es sich gut anfühlt, wenn Schmerzen aufhören – wird nicht verändert. Wir erschließen aber neue Zielgruppen: Sogenannte „Beauty Babes“ sprechen wir mit mit Botox bestrichenen Nadeln an, sogenannte „Männer“ mit Nadeln mit Gewinde. An einer Kooperation mit Schraubenkönig Würth arbeiten wir bereits.
taz: Und wie sieht es aus mit Pülverchen und Ernährung? Man liest ja immer wieder von seltenen Wildtieren, die für solche Mittel beinahe ausgerottet wurden.
Zhang: Wer alles glaubt, was er liest, sollte besser aufhören zu lesen.
taz: Das Känguru?
Zhang: Konfuzius.
taz: Also kein Nashorn mehr im Nierentee?
Zhang: Nein, in die alten Schläuche der TCM kommt ab jetzt neuer Wein, wie ihr weißen … Entschuldigung, weisen Affen zu sagen pflegt.
taz: Zum Beispiel?
Zhang: Zum Beispiel Ginseng raus, Bubble Tea rein. Der ist kalt und süß, hilft damit der Verdauung und entzieht dem Portemonnaie unnötigen Ballast. Oder auch ciao, Seegurke – hallo, Kale Smoothie! Einfach weil’s trendy ist, man muss ja nicht immer alles aufbauschen. Aber bei Nahrungsmitteln hört es längst nicht auf.
taz: Sondern?
Zhang: Mit der MTCM lässt sich fast alles in die Logik der TCM einordnen. Exportüberschüsse beispielsweise sind warm, weil sie Güter nach außen leiten. Chinas Wärme müssen wir nach außen leiten. In Europa ist es kalt, deshalb sollten die Europäer für eine gesellschaftliche Gesundung mehr importieren.
taz: Handelsdefizite können ganze Gesellschaften heilen?
Zhang: Natürlich, schon mal von Public Health gehört? Ist in der MTCM auch drin, Sie müssen nur fest genug dran glauben. Oder Industriespionage, die bringt das Qi in Bewegung. Aber Vorsicht: Wir wollen die staatlichen Organe ja nicht stressen. Wenn Sie eine Faustregel brauchen: Alles, wo China Marktführer ist, ist heilsam. Ich meine natürlich: wo China „traditionell“ Marktführer ist.
taz: Was ist besonders heilsam?
Zhang: Das kommt natürlich auf die Krankheit an. Aber allgemein gilt: Je seltener, desto gesünder! Wo früher also das Augenlid eines Orang-Utans Wunderkräfte hatte, sind es heute Mikrochips der neuesten Generation. Haben Sie zufällig so einen? Ich fühle mich gerade ganz diffus schwach.
taz: Nein, tut uns leid. Warum drücken Sie eigentlich ständig auf Ihr Ohr, Herr Zhang?
Zhang: Das ist die Verbindung zu meinem Xi … äh, Qi. Da ab und an draufzudrücken und zuzuhören, kann die Lebensspanne deutlich verlängern. Meine auf jeden Fall. Deshalb muss ich dieses Gespräch jetzt auch beenden.
taz: Eine letzte Sache noch, bitte …
Zhang: Nein, nein. Merken Sie sich einfach: Durch Chinas Wesen wird die Welt genesen. Ach, und … wer heilt, hat recht. Das sagen die Homöopathen auch immer, und denen glaubt man ja alles.
taz: Zhang Ming, vielen Dank für diesen belebenden Austausch. Es geht uns mit Chinas Aufstieg schon viel besser.
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