Die Wahrheit: Neues vom Kassenkampf
Deutschland tickt aus: Der Wahrheit-Report live von den polarisierenden Selbstbedienungskassen im Supermarkt.
Unerbittlich schreitet die Polarisierung unserer Gesellschaft voran. Der Keil, der zwischen die verfeindeten Gruppen getrieben wird, verletzt auch vormals Unbeteiligte, zum Beispiel Gymnasiallehrerinnen oder Klinikclowns. Die Reibfläche indes, an der sich momentan die erbittertsten Konflikte entzünden, ist die Selbstbedienungskasse in den Supermärkten und Discountern. An ihr erregen sich die Gemüter der Deutschen derzeit stärker als an Irankrieg, Benzinpreis oder dem Harakiri der SPD zusammen.
Im Kassenbereich der Märkte nämlich bekämpfen sich jeden Tag die unterschiedlichen Stämme, in die sich unser Gemeinwesen zerlegt hat. Hier zanken Traditionalisten mit Fortschrittsgläubigen, fighten Boomer mit den Generationen-X-bis-Alpha. Kartenzahler wettern gegen Geldbörsianer, tapfere Einzelhandelsbeschäftigte raufen mit aufgebrachten Kunden. Sie alle verteidigen ihren Stolz, ihre Identität, ihr Selbstbild, ihren Punktestand auf den Kundenkarten der großen Ketten.
In diesen Kämpfen bleibt niemand nüchtern und neutral außer den Überwachungskameras an der Ladendecke. Täglich müssen sie mitansehen, wie Menschen vor den Scannern weinen und die Hände ringen, wie sie ohnmächtig zusammenbrechen oder einander wutentbrannt anschreien. Alte Männer werden geschubst, junge Frauen gerempelt und sobald einige beginnen, mit Kohlrabis, Milchpackungen und Nackenkoteletts zu werfen, machen natürlich alle mit, bis die Polizei kommt.
Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Im Penny um die Ecke hing über den ersten Selbst-Scannerstationen vor drei Jahren noch ein Schild, auf dem zu lesen stand, die SB-Kassen sollten die Angestellten lediglich entlasten, nicht ersetzen. Damals wurden die neuen „Self-Checkout-Terminals“ nur zögerlich benutzt und wenn, dann von skrupellosen Yuppies mit Platinkreditkarten. Wegen pausenloser Defekte wurden sie bald abgebaut.
Personalmangel im Handel
Die nächste Generation von SB-Kassen bestand jedoch aus Stationen, die Bargeld annahmen und zuverlässiger arbeiteten. Die Kassenkollegin musste nur noch bei jedem dritten Bezahlvorgang entnervt aufspringen und zur Hilfe eilen. Inzwischen hatte sich auch die Nachricht vom Personalmangel im Einzelhandel verbreitet, das Argument mit der Sorge um die Arbeitsplätze zog also nicht mehr.
Angesichts der spärlich besetzten Bedienkassen resignierten viele charakterschwache Leute und lernten mühsam, sich selber abzukassieren. Nur die starrsinnigen Alten und Unbelehrbaren stellten sich nach wie vor hinten an und zeterten dabei wie schlecht erzogene Spatzen. Sie rauchten vor Wut und wussten doch: Ihnen blieb nichts anderes übrig, als geduldig zu warten oder irgendwann einzuknicken. Die beiden Damen in der Schlange hinter uns im Rewe empören sich zum Beispiel gerade darüber, dass sie als 14. und 15. Person an der Bedienkasse anstehen müssen. „Der Service ist schlecht geworden!“, meckern sie. Die eine dürfte Mitte 60 sein, die andere Mitte 70, in dem Alter darf man das!
Nebenan gibt es jedoch sechs freie SB-Kassen. Eine Marktangestellte ist an der Schranke zum Ausgang postiert, um Betrug zu verhindern und Kunden anzulocken – um sie zum Selbstscannen zu verführen und ihrer angestammten Bezugsgruppe zu entfremden. Sie winkt uns zu, gurrt: „Versuchen Sie es doch einmal!“ Wir zeigen ihr geschlossen den Stinkefinger.
„Die wollen uns in unserem Alter wirklich dazu zwingen, das zu lernen“, mault die Jüngere. „Wenn ich selber hätte kassieren wollen, hätte ich eine Ausbildung im Einzelhandel gemacht“, zischt die andere. Währenddessen eilen junge Menschen zu den Stationen, scannen blitzschnell ihre Einkäufe und verlassen flugs den Laden.
Sie verstehen überhaupt nicht, wieso man sich so verbissen gegen die technologischen Neuerungen sperren kann, die die Welt ein bisschen bequemer machen. Ihre Blicke zeigen die abgrundtiefe Verachtung, die sie den larmoyanten Technikverweigeren und greisen Maschinenstürmern entgegenbringen, die dort schwerfällig ihre Groschen abzählen.
Rangeleien in der Schlange
Rangeleien zwischen den Gruppen können unter diesen Umständen nicht ausbleiben. Die Bedienkassenschlange schlängelt sich kreuz und quer, steht den Selbstscan-Anwärtern im Weg. Diese wiederum werden begeistert ausgepfiffen und verhöhnt, sobald sie beim Scannen mit den üblichen Problemen konfrontiert werden und um Hilfe rufen. Die Folge: Menschen kollidieren, Schläge werden angedroht, Quengelware fliegt durch die Luft.
„An der Kasse anzustehen ist schon im Normalfall eine Ausnahmesituation“, erklärt die ältere Dame, die früher den Lehrstuhl für Konfliktpsychologie an der Universität Wetzlar innehatte. „Seit die SB-Kassen installiert sind, stehen sich die Menschen als die Raubtiere gegenüber, die sie im Grunde sind. Erscanne dich selbst: Du gehörst entweder zur einen oder zur anderen Gruppe. Zwischen ihnen gibt es keine Verständigung.“
Wie sollte es auch! Die einen sind aus der Sicht der anderen einfach bequem, faul und ignorant, die anderen aus der Sicht der einen ebenso! Während den einen künftige Arbeitsplätze im Einzelhandel egal zu sein scheinen, pfeifen die anderen offensichtlich auf Arbeitsplätze in den wichtigen Bereichen IT und Maschinenbau. Sie alle behindern die Zukunft Deutschlands, schaufeln volkswirtschaftlich gesehen ihr eigenes Grab und das ihrer Enkel selbstverständlich mit.
„Vor der Kasse waren wir einmal alle gleich“, bestätigt die jüngere Dame, emeritierte Professorin für Empirische Einkaufswissenschaft an der Universität Darmstadt. „Doch die SB-Kasse ist das Schisma unserer Tage, das neue Religionskriege stiftet. Dabei geraten vor allem Frauen unter die Räder der Einkaufswagen, weil sie öfter einkaufen gehen.“
„Dagegen müssten wir eigentlich vereint aufstehen“, seufzt die ältere: „Aber Zwischentöne sind nur Krampf – im Kassenkampf.“
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