Die Wahrheit: Im Nachtzug mit George Clooney
Durch das nächtliche Schweden mit der Bahn tuckern, kann zum gedanklichen Abenteuer werden, wenn ein Filmstar und sein Handy mit Hotspot an Bord sind.
I m Nachtzug nach Malmö war neulich George Clooney mit an Bord. Ich weiß zwar nicht, in welchem Abteil, denn er gehört nicht zu den Menschen, die ich am Schnarchen erkennen kann. Einer dieser Menschen ist übrigens eine gute Freundin, aus deren zierlichem Stupsnäschen jene nach Wildschweinmorden klingenden Töne absolut nicht erwartbar sind. Mit ihr möchte ich jedoch nie wieder ein Schlafzimmer teilen, geschweige denn ein Abteil mit zwei schmalen Pritschen.
George Clooney war jedenfalls im Zug, das entdeckte ich, als mein Handy mir die vorhandenen Hotspots anzeigte – einer davon hieß „George Clooney’s phone“. Der grammatikalisch richtige Gebrauch des angelsächsischen Genitivs überzeugte mich vollends davon, hier keinem Spaßvogel aufgesessen zu sein, der sich etwa nur als George Clooney ausgibt, obwohl er jemand anders ist. Abgesehen davon würde ich mich eh nicht durch Prominente aus der Ruhe bringen lassen, selbst wenn sie am gleichen Tag Geburtstag haben wie ich, sodass man theoretisch auch mal zusammen am Comer See feiern könnte.
Nur aus Bock versuchte ich daraufhin, in George Clooneys Hotspot zu kommen – ich bin ziemlich sicher, dass er sowohl über das nötige Verständnis für meinen Beruf als auch über ausreichend mobile Daten verfügt, um einer Kulturjournalistin, die den ganzen Tag datenreiche Filme und Serien streamt, die Ausübung ihrer Tätigkeit auch auf Reisen zu ermöglichen. Eventuell hätte ich mich sogar darauf eingelassen, ihm und seinem Hotspot zu Ehren ein paar alte „Emergency Room“-Folgen zu streamen oder zumindest den neuen Film von Noah Baumbach. Doch sämtliche Passwörter, die mir zu ihm einfielen – „1234“, „Amal“, „Comer See“, „Nespresso“ –, funktionierten nicht.
Feierabend mit Weißwein
Etwas zerknirscht gesellte ich mich zum Pöbel ins zuginterne Netzwerk, das aus Gründen der nicht vorhandenen Effektivität direkt den Feierabend für mich einläutete. In einem Imbiss an der Waggonspitze erstand ich eine kleine Flasche Weißwein zu einem rationalen Preis, am Bahnhof hatte ich zuvor Käsestückchen und Oliven eingepackt. Glücklich darüber, dass die zweite Pritsche unbelegt blieb, und mit dem Rattern des langsamen Zuges im Ohr ließ ich mich von den leisen Lautsprecherdurchsagen eines freundlichen schwedischen Zugführers berieseln, die allesamt mit „Hej“ begannen, und viele Ås beinhalteten, und dachte nicht mehr an Clooney.
Stattdessen sann ich darüber nach, wie viel vernünftiger es ist, die Größe und den Umfang der Welt über die Gleise zu begreifen, als sich in ein Flugzeug zu setzen und nach einer Stunde verdattert in einer völlig anderen Umgebung wieder auszusteigen, während der langsame Geist noch am Ursprungsort verweilt. Dabei trank ich den ganzen Weißwein aus. Dem einen ist der Körper eben ein Tempel, dem anderen eine Hüpfburg. Und ich gehöre zu Letzteren.
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