piwik no script img

Die WahrheitOhne Rumgefummel ran an den Speck

Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (234): Viele Tiere haben Penisknochen, nur beim Menschen und beim Maki fehlen sie.

Eng klammert sich der Mensch an den Penis Foto: reuters

Für den Darwin-Propagandisten Richard Dawkins sind Gene die evolutionären Treiber, wie er in „Das egoistische Gen“ (1996) schreibt. Zu seinen Beispielen gehört der Penisknochen (Baculum). Fast alle männlichen Säugetiere haben ihn und einige weibliche Säugetiere besitzen einen Klitorisknochen (Baubellum). Nur beim Menschen und beim Koboldmaki fehlt er.

Dawkins nimmt an, dass wir ihn im Lauf der Evolution verloren haben, weil „Männer ohne Penisknochen den Frauen ein Prüfen der Gesundheit des paarungswilligen Mannes ermöglichten. Denn Erektionsstörungen seien häufig eine Folge verschiedener physischer oder psychischer Krankheiten und Faktoren (beispielsweise Stress). Da eine durch einen Penisknochen erzeugte Erektion keine solche Beurteilung zuließe, könnten sich die Frauen bevorzugt mit Männern gepaart haben, deren Gesundheit sie besser einschätzen konnten. Dies sei der nötige Selektionsdruck zur Reduktion des Penisknochens gewesen“, schreibt de-academic.com. Er ist auch nicht wie der Schwanz, der ebenfalls bei den Menschen fehlt, in dessen Embryonalentwicklung zurückgebildet worden. Er fehlt einfach.

Dawkins ist nicht nur ein kämpferischer Darwinist, sondern auch ein scharfer Atheist. In London ließ er 2008 Busse mit Plakaten gegen den „Gotteswahn“ bekleben. Im American Journal of Medical Genetics (Band 101/2001) brachten der Biologiehistoriker Scott Gilbert und der Religionsforscher Ziony Zevit aber das Kunststück fertig, in ihrem Aufsatz „Congenital human baculum deficiency: The generative bone of Genesis 2:21-23“ Darwin und die Bibel wieder zu versöhnen. Sie wiesen laut Wikipedia nach, „dass mit der Rippe Adams, aus welcher Gott in der Schöpfungsgeschichte die Eva schafft, tatsächlich der Penisknochen gemeint sei. Bei der Rippe würde es sich damit um eine Fehlübersetzung eines hebräischen Euphemismus für Penisknochen handeln. Dieser Auffassung folgend, würde dies das Fehlen eines Penisknochens beim Mann erklären sowie die Existenz der Raphe penis [die senkrechte Dammnaht am Penis] als vermeintliche ‚Narbe‘ dieser Operation“, das heißt dieses göttlichen Eingriffs, um Adams Einsamkeit im Paradies zu mildern.

Entstehung aus Rippe

Anders die Feministinnen, die schon die Entstehung ihrer Urmutter Eva aus Adams Rippe übel aufgenommen haben: Sie tun diese Dumpftheorie zweier US-Eggheads, das Eva in Wahrheit nicht aus Adams Rippe, sondern aus seinem Penisknochen entstanden sei, kurz und bündig als „bullshit“ ab. So argumentiert zum Beispiel die Dokumentaristin Katrin Eissing, dass die meisten wild lebenden Säugetiere sich höchstens ein- bis zweimal im Jahr verpaaren, was in der Regel ratzfatz vor sich geht.

Dabei leistet der Penisknochen den Männchen wertvolle Dienste. Es braucht auf beiden Seiten des Paarungsaktes kein langes Rumgefummel. Statt Vorspiel und Stimulation verpaaren sich die Weibchen dafür anschließend oft noch mit anderen Männchen. Bei den Menschen sieht es dagegen so aus, dass die Männer immer vögeln wollen und theoretisch auch können, aber ohne Penisknochen müssen sie sensibel vorgehen, sonst klappt das mit der Erektion nicht.

So ähnlich sieht das auch der atheistische, aber dawkinskritische Chemnitzer Lateindozent Burkhard Müller. Er schreibt in seinem „Einspruch gegen die Evolutionstheorie: Das Glück der Tiere“ (2009): Der Penisknochen ist „eine höchst praktische Einrichtung, weil sie für den Geschlechtsakt die launische Hydraulik der Erektion überflüssig macht.“ Er „vereinfacht die Begattung kolossal und schließt jedes peinliche Versagen von vornherein und mit der Zuverlässigkeit des Automaten aus. Der Mensch jedoch, nächster Verwandter des Schimpansen [der einen, wenn auch nur sehr kleinen, knapp zwei Zentimeter langen Penisknochen hat], besitzt ein solches ‚Baculum‘ nicht einmal rudimentär. Wie konnte das geschehen? Wie hat die Evolution eine so unfehlbar erfolgreiche Nummer vom Programm absetzen können?“

Wie sie es zum Beispiel beim Schwanz der Menschen getan hat. Die Molekularbiologen haben dafür natürlich eine Erklärung, dieselbe wie für fast alle Entwicklungsphänomene: Der Mensch und seine nächsten Verwandten haben ihre Schwänze im Lauf der Evolution verloren. Auf br.de heißt es dazu 2024: „US-amerikanische Forscher [die nun wieder!] haben herausgefunden, dass ein spezielles Gen durch Mutation zum Ausbleiben des Schwanzes geführt hat.“

Die Autorin Prisca Straub zitiert dazu den Leiter des Forschungsteams: „Es ist super überraschend, dass eine so große Veränderung – nämlich der Verlust unserer Geschichte – durch eine so kleine genetische Veränderung verursacht werden konnte.“ Die Wissenschaftler haben den „Mechanismus“ der Schwanzlosigkeit an Mäusen bewiesen. „Ein sogenanntes ‚springendes Gen‘ könnte vor vielen Millionen Jahren an eine andere Stelle im Erbgut gewandert sein.“

Schwanz in Bäumen

Die US-Forscher sind jedoch flexibel. Sie erklären die Schwanzlosigkeit nicht nur orthodox mit Darwin, sondern auch gleich noch mit seinem Gegenspieler Lamarck: „Ein Schwanz kann von Vorteil sein, wenn Sie in Bäumen leben. Sobald Sie jedoch an Land gehen, könnte das Gehen auf zwei Beinen ohne Schwanz einen evolutionären Vorteil gehabt haben.“ Und wenn die Menschen sich doch hin und wieder mal auf Bäume flüchten müssen, dann haben sie dafür immer noch einen „opponierbaren Daumen“, der ihre Greiffunktion trotz Schwanzlosigkeit verbessert. Einen solchen Daumen haben auch alle Altweltaffen, selbst die auf Bäumen lebenden Schimpansen und Orang-Utans, während Gorillas weitgehend am Boden leben. Wikipedia spricht von einem „evolutionären Entwicklungssprung dieser Primaten gegenüber den amerikanischen Neuweltaffen“, die keinen opponierbaren Daumen besitzen, dafür aber Greifschwänze haben.

Zurück zu Burkhard Müllers Kritik an Dawkins, der die penisknochenlose Erektion im Zusammenhang der sexuellen Auslese als „Luxusbildungen“ begreift, ähnlich wie die Schwanzfedern des Pfaus und die Geweihe der Hirsche, die in ihrer verschwenderischen Pracht die überströmende Gesundheit des Tieres bezeugen sollen. „‚Es ist, als ob die Männchen von den Weibchen gezwungen werden, Fieberthermometer zu entwickeln, die ständig aus ihrem Mund herausschauen und für die Weibchen gut lesbar sind,‘ sagt Dawkins. Bei den Menschenmännchen, so seine Vermutung, könnte nun der erigierte Penis demselben Zweck dienen.“

Heute können sie die Frauen noch mittels Viagra täuschen, aber morgen verschwinden die Männer ganz, weil das Y-Chromosom langsam ausstirbt, wie der Humangenetiker Bryan Sykes in „Keine Zukunft für Adam“ (2003) nachwies.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!