piwik no script img

Die WahrheitVergissmeinnicht, du Sieb!

Wer als herausragende Eigenschaft eine Personenerkennungsschwäche sein eigen nennt, darf sich auf allerlei peinliche Begegnungen einstellen.

I n der letzten Zeit erkenne ich Leute noch schlechter als früher. Ist das schon Demenz oder relativ normales Desinteresse an den Mitmenschen? Neulich kam ein Pärchen auf mich zu. Sie guckten und lächelten. Dann sagte die Frau leise zu dem Mann, aber trotzdem so laut, dass ich es hören musste: „Ich glaube, er erinnert sich nicht an uns.“

Herr und Frau Mustermann, wie ich sie inzwischen nannte, nahmen sich ja viel wichtiger, als ihnen zustand. Ich besitze zum Glück eine ausgeprägte Charakterunterlippe, die man so schnell nicht vergisst. Aufgrund eines Feuermals von Geburt ist bei mir die Unterlippe auf der rechten Seite etwas verdickt. Oder wie mein alter preußischer Zahnarzt sagte: „Sieht aus wie ’ne Elefantenlippe.“

Der Vorteil für einen Kolumnisten – mit meinen Unverschämtheiten laufe ich überhaupt gar nicht Gefahr, eine dicke Lippe zu riskieren, weil ich schon eine habe. Als mir kürzlich ein neuer DHL-Bote eine Büchersendung im Treppenhaus überreichte, fragte er mich erschrocken, ob ich eine Lebensmittelallergie hätte. Nein, nicht schlimm, ich sehe immer so aus, versuchte ich ihn zu beruhigen. Ich sah ihm an, dass er mir nicht glaubte. Andere vermuten, dass ich verprügelt oder von einer Wespe gestochen, von einem Pferd getreten worden oder gegen eine Schwingtür gelaufen bin oder nur eine schwer zu operierende Form von Lippenkrebs habe.

All diese Gedanken werden ihnen dabei helfen, sich an mich zu erinnern, sobald sie mich erblicken: „Ach ja, der mit der Lebensmittelallergie, dem Pferdetritt, dem interessanten Lippenkrebs.“ Während ich oft nur ratlos dastehe. Hätte einer von den beiden einen drolligen Schnurrbart oder wenigstens nur ein Bein gehabt, dann wäre uns das nicht passiert.

In meinem Studium habe ich mich noch der Mühe unterzogen, von meinen Kommilitonen detaillierte Personenbeschreibungen anzufertigen, damit ich weiß, wer wer ist. So was wie: Sascha macht schleimige Komplimente, Peter trägt unvorteilhafte Bundfaltenhosen, Kerstin hat nervige Lache. Ich hätte nur den Hefter mit den Notizen nicht offen liegen lassen sollen.

In den meisten Fällen meiner Personenerkennungsschwäche läuft es aber glücklicherweise noch so ab, dass mir schon kurze Zeit später alles wieder einfällt. Nicht anders ist es mir schließlich mit dem Pärchen von eingangs ergangen. Kaum hatte ich mich von ihnen verabschiedet, wusste ich, es waren meine Eltern.

Ach nee, doch nicht. Die hätte ich vermutlich sofort wiedererkannt. Seid ihr dann diese zwei, die ich mal auf der Geburtstagsfeier einer Freundin kennenlernen musste, mit dem Gespräch über Chiasamen und grüne Smoothies und einer spannenden Meinung dazu, die ich gleich wieder vergessen habe? Also wenn Ihr euch angesprochen fühlt, lasst mir ruhig eine persönliche Mail zukommen, damit ich nicht weiter darüber nachgrübeln muss.

Die Wahrheit auf taz.de

Die Wahrheit

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.


Die Wahrheit

hat den einzigartigen täglichen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.


Die Wahrheit

hat drei Grundsätze:

Warum sachlich, wenn es persönlich geht.

Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.

Warum beweisen, wenn man behaupten kann.

Deshalb weiß Die Wahrheit immer, wie weit man zu weit gehen kann.



Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Christian Kreis

Christian Kreis Autor

Christian Kreis, geboren 1977, lebt in Halle. Schriftsteller, Kolumnist, Poetry Slammer. Er schreibt für Die Wahrheit, ist Mitglied der Lesebühne Kreis mit Berg. Veröffentlichte zuletzt in der parasitenpresse die Bücher "Halle Alphabet" und "Der grundsympathische Blick des Norman Bates".
Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • Bei mir ist es umgekehrt.



    Wie meinen?

    • @Willi Müller alias Jupp Schmitz:

      Ich erkenne sogar Personen, die ich noch nie gesehen habe.