Die Wahrheit: Mit Kaiser Merz durchs Zeitengewitter
So wird 2026: Ein dringend notwendiger Ausblick auf ein Jahr im Ausnahmezustand ganz und gar vollkommener Stille.
Es schlägt ein wie ein sanfter Paukenschlag oder angestupster Gong: Das laufende Jahr wird ein Jahr der leisen Töne! Als chinesisches Jahr des Faultiers beginnt es behutsam, zergeht fast auf der Zunge, will aber kaum vergehen und erhebt sich damit über den immer reißenderen Fluss der Zeit. Dafür sorgen nicht zuletzt die Chinesen selbst, die zur Abwechslung unchinesisch vornehm auftreten und den monströsen Radau ihrer Powerpolitik für ein komplettes Jahr aussetzen. Statt die Welt mit lärmenden Plastikgegenständen zu überschwemmen und sich überall da an die Spitze zu setzen, wo Elektromotoren in Richtung Zukunft brausen, machen sie einfach mal halblanglang – selbst bei Halbleitern, quasi Viertelleitern.
Statt sich die Welt mit aggressiver Höflichkeit und pikanten Bratnudeln zu unterwerfen, machen sie sich also deren Bewohner zu besten Freunden. In ihren Riesenfabriken produzieren sie beruhigende Stillemodule mit Überschalldämpfern; solarbetriebene Meditationsroboter bringen akustischen Frieden. Um dem Westen auch in puncto Verkehrsberuhigung davonzuziehen, schmöken sie in ihren Sänften Opiumpfeifchen und verzichten sogar aufs lautstarke Hupen beim Überqueren der Taiwanstraße. Aber ganz typisch für China: auch da wieder uneinholbar an der Weltspitze.
Schlechte Nachrichten bringt das Jahr dagegen für Europa. Für die einen ist der traditionsreiche Halbkontinent die Wiege der Zivilisation und letzte Bastion demokratischer Vielfalt, für die anderen eine lästige Marotte seiner weißen, primitiven Ureinwohner. Nochmals andere sehen in ihm den bleichen Wurmfortsatz einer dunklen Macht, aber welcher genau? Da können wahrscheinlich schon wieder nicht mehr alle mitgehen – so gespalten ist Europa inzwischen, seine Zungen sind es erst recht.
Eigentlich ist die eingeklemmte Lage der Föderation im Frühjahr 2026 richtig beschissen. Zwickmühle wäre ein taktvoller Hilfsausdruck. Von einer gemeinsamen Politik gegenüber inneren und äußeren Feinden von rechts und superrechts darf nur geträumt werden. Dem stehen Minderheitenveto, unfassbare Bürokratie und offene Korruption entgegen – Ursula von der Leyen muss sich zu Recht Fragen gefallen lassen. Sie antwortet nicht, weil ihr Handy schon wieder verschwunden ist. Über diese Bankrotterklärung lachen sich andere, erfolgreichere Kontinente ein weiteres Jahr lang schlapp und dehnen sich dabei weiter aus. Selbst schuld, Europa!
ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.
Die Wahrheit
hat den einzigartigen täglichen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.
Die Wahrheit
hat drei Grundsätze:
Warum sachlich, wenn es persönlich geht.
Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.
Warum beweisen, wenn man behaupten kann.
Deshalb weiß Die Wahrheit immer, wie weit man zu weit gehen kann.
Deutschland, das europäische Reich der Mitte, muss darum auf eigene Faust gegen die Bedrohungen aus Ost und West fighten. Als Lehre aus dem unbefriedigend verlaufenden Ukrainekrieg wird der preußische Militarismus wieder eingeführt. Mietskasernen werden entmietet und als Kasernen genutzt. Schrittweise, also im Stechschritt, gilt Militärrecht.
Die Rüstungsindustrie ersetzt die kaputte Autoindustrie und macht Bombenumsätze. Am Ende des Jahres beherrschen Pickelhauben das Stadtbild, und das Spießrutenlaufen ist nicht mehr nur Metapher für faule Journalisten, sondern wird an ihnen schmerzhaft exerziert. Schönen Dank noch mal, Kaiser Friedrich IV.!
Kann Haftbefehl Merz jetzt noch stoppen?
Einzig Haftbefehl, die authentische Stimme unter Deutschlands Rappern, könnte den entfesselten Polit-Babo Merz auf seinem Triumphzug ins Gestern jetzt noch stoppen, aber Aykut Anhan hat eigene Probleme. Eine zweite Netflix-Doku fällt ins Wasser, weil seine Nase nicht mehr mitspielt. Sie fordert eine so hohe eigene Gage, dass man das Budget auch gleich in den Main werfen könnte. Aykut macht genau das, rastet am Offenbacher Ufer aber wieder total aus, was nur psychologisch zu erklären ist. Hinterher ist alles voller Blut und weißem Pulver, Genaueres sieht man nicht. Anschließend tritt Deutschlands einziger Weltstar dem Mormonentum bei, kommt zu allen Terminen zu früh und schrottet die Planungen der deutschen Musikindustrie für Jahre.
Zurück zu Merz. Der Sozialstaat wird dieses Jahr, wie schon vor Kaiserzeiten vorgesehen, wirklich abgebaut. Wir können ihn uns nicht mehr leisten, sagen viele aus Merz’ alter Nachbarschaft in Arnsberg-Niedereimer und anderen Kastellen im Land, weil wir sonst unseren Drittwagen, unsere Viertjacht oder unseren Fünftprivatjet abgeben müssten. Die SPD fühlt sich gemeint und schlägt beschämt die Augen nieder. Sie löst sich sofort auf und tritt der kaiserlichen Union als eigene, besonders konfliktscheue Parteigliederung bei („sozialdemokratischer Flügel“).
Kaiser Friedrich kennt ebenfalls keine Parteien mehr, nur noch Deutsche, grüßt alle anderen morgens nicht einmal. Er wird zusehends versponnener, erbaut um sich mittelalterliche Schlösser und Altstädte, driftet in Fantastereien ab („Deutschlands Zukunft liegt unter dem Wasser!“).
Merz nimmt langsam niemand mehr ernst
Langsam nimmt „den Alten“ niemand mehr ernst – spätestens als er Frankfurts Hochhäuser rückbauen lässt. Lange hat Friedrich IV. freilich nicht mehr zu leben, da er in eine Bärenfalle läuft, die Kronprinz Jens im Schlosshof versehentlich hat stehen lassen. Aua, aua, aua – Merz will seine Freiheit auf keinen Fall aufgeben! Er reißt und rupft das Bein, wie immer herrisch und ungeduldig, ab – und ist tot. Typisch Mann!
Leider jedoch hat der lange Lulatsch in seiner letzten Rede noch einen folgenschweren Fehler begangen. Der Kaiser kann halt von seiner unseligen Angewohnheit nicht lassen, jedes Lob als krasse Abwertung von jemand anderem zu formulieren. Als er beim Versuch, das deutsche Handwerk zu umschmeicheln, die gesamte Götterschar im Olymp beleidigt, lässt diese, als sie mit der für Handwerker typischen Verspätung davon hört, das jüngste Gericht herniederfahren.
Merz kriegt davon zwar nichts mit, der Rest der Welt aber auch nicht lange. Unschön eigentlich, so kann man ein Jahr in diesen aufmunterungsbedürftigen Tagen nicht enden lassen, doch so steht es geschrieben. Die wohltuende Stille, die die Chinesen zu Jahresbeginn heraufbeschworen haben, entpuppt sich leider als Grabesruhe. Einziger Lichtblick: Jens Spahn regiert nirgends. Das Leben findet vielleicht doch einen Weg.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert