Die Wahrheit

Oma wird Influencerin

Kein WLAN im Altersheim? Die neue Klasse der „Digital Moribunds“ will sich das nicht länger bieten lassen. Das erfreut jedoch nicht jeden.

Von Computern wollte meine inzwischen 89-jährige Mutter definitiv nichts mehr wissen. „Da geh mir wech mit. Da weiß ich nichts von, das will ich auch gar nicht wissen. In meinem Alter muss man nicht mehr jeden Scheiß mitmachen!“

So gesehen war es ein ziemliches Wagnis, ihr voriges Jahr zu Weihnachten ein Tablet zu schenken. Aber wir hatten ihr WhatsApp eingerichtet und ihr Bilder gesendet. Es hatte sie nämlich immer schon geärgert, dass wir der anderen Oma Bilder aus dem Urlaub geschickt haben und ihr nicht.

Die Jungs bemühten sich eifrig, ihr über die Feiertage das neuartige Gerät näherzubringen. Das größte Problem bestand darin, dass man überflüssige Tasten, anders als auf der Fernbedienung für den Fernseher, nicht einfach mit Gaffa Tape abkleben kann. Aber bald schon bekamen wir erste Botschaften. Sie waren mitunter schwer zu lesen, weil Oma offenbar Space-, Umschalt- und Korrekturtaste noch nicht entdeckt hatte, aber immerhin konnte man sie als eine Art Empfangsbestätigung deuten. Ging doch!

Im Lauf des Jahres machte sie erstaunliche Fortschritte. Ich habe jetzt morgens immer die neusten Todesanzeigen aus den Westfälischen Nachrichten auf dem Bildschirm. Aber neulich musste Oma wegen Altersgebrechen ins Krankenhaus, eine geriatrische Abteilung. Am Telefon schimpfte sie: „Hier bleibe ich auf keinen Fall zwei Wochen!“ – „Was ist los?“ – Die Stimme meiner Mutter bebte vor Empörung: „Die haben kein WLAN hier!“ – „Was?“ – „Die haben gesagt, da wäre ich auch die Erste, die danach fragt. Wie soll ich denn da mein Teeblett anschließen?“

Einen Channel gelegt bekommen

Zum Glück konnte das Pro­blem mit einer SIM-Karte gelöst werden. So wurde sie zum Star des Pflegepersonals. „Sag mal“, fragte sie mich, „kennst du eigentlich dieses JuTupp? Hat mir der Olaf gezeigt, wenn er Nachtdienst hatte.“ Ich bekam Angst.

Dann ist es passiert. „Guck mal, Papa!“, ruft mein Älterer. – „Wer hat euch erlaubt, schon beim Frühstück Videos auf dem Handy zu gucken?“, frage ich streng. – „Oma!“, antworten beide. – „Hä?“ – „Oma hat eine WhatsApp geschickt, dass wir sofort auf YouTube gucken sollen.“ Sie zeigen den Bildschirm. Darauf sehe ich: meine Mutter.

Die offensichtlich gerade auf die Kinder einredet, dass sie Weihnachtslieder üben sollen, damit sie ihr Heiligabend was vorspielen können. „Und das erzählt sie auf YouTube?“, frage ich alarmiert. – „Ja, schau mal, sie hat schon vier Likes! Sie hat einen eigenen YouTube-Channel!“, erklärt der Ältere. „Hat der Krankenpfleger ihr eingerichtet, hat sie gerade erzählt.“ Ich bin entsetzt. Die Kinder jubeln: „Oma wird jetzt Influencerin!“

Um Gottes willen, denke ich. Diese moderne Welt ist irgendwie nichts mehr für mich. „Oma fragt, ob wir ihr Weihnachten dann auch TikTok beibringen können“, verkündet der Ältere. – „Da geht mir wech mit!“, sage ich bestimmt. „Da weiß ich nichts von, das will ich auch gar nicht wissen. In meinem Alter muss man nicht mehr jeden Scheiß mitmachen!“

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Heiko Werning ist Reptilienforscher aus Berufung, Froschbeschützer aus Notwendigkeit, Schriftsteller aus Gründen und Liedermacher aus Leidenschaft. Er studierte Technischen Umweltschutz und Geographie an der TU Berlin. Er tritt sonntags bei der Berliner „Reformbühne Heim & Welt“ und donnerstags bei den Weddinger „Brauseboys“ auf und schreibt regelmäßig für Taz und Titanic. Letzte Buchveröffentlichung: „Vom Wedding verweht“ (Edition Tiamat).

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