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Die WahrheitDie Trauer nach dem bösen Brechen

Kolumne
von Pia Frankenberg

Ja, lieber Rilke, du hast recht, der Sommer war sehr groß. Aber jetzt herrscht in meiner Seele Herbst. Saudade nennt es der Brasilianer.

J a, lieber Rilke, du hast recht, der Sommer war sehr groß. Aber jetzt herrscht in meiner Seele Herbst. Saudade nennt es der Brasilianer. Laut Wikipedia „das Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, und das Wissen, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, denn es wird nicht wiederkehren“. So ist es. Ich hab den Blues.

Seit eineinhalb Wochen, seit dem Tag, an dem ich die unwiderruflich letzte Episode von „Breaking Bad“ (legal!) heruntergeladen und angesehen, nein, aufgesogen habe, lebe ich im Elend. Cold Turkey. Die reinste Entzugshölle. Unmöglich, da allein rauszufinden. Wo sind die Therapiegruppen, wer nimmt sich meiner an?

Fieberhafte Suche im Internet, aber das einzige, was ich finde, sind irgendwelche Foren, in denen andere Verlorene ihre Fernseher zum Verkauf anbieten: „Irgendwie hat der für mich keinen Nutzen mehr. :(“. Oder: „Ich bin für heute nicht mehr emotional belastbar.“ Macht ihr Witze? Wer diese Serie liebte, der findet keine mehr; wer jetzt keinen Walt hat, wird ihn lange suchen!

Wer aber hilft all den Orientierungslosen, sich wieder in einem Leben ohne größenwahnsinnig-geniale Chemielehrer, eiskalte Drogenbosse, psychopathische Killer und schmierige Anwälte zurechtzufinden? Wir sind hilflos wie Tastentelefonbesitzer, die plötzlich wieder Wählscheiben drehen sollen.

Während ich solch trüben Gedanken nachhängend durch die graue deutsche Einkaufszonenwirklichkeit der Wilmersdorfer Straße in Berlin schlurfe, erscheint es plötzlich, Wunder über Wunder, in einiger Entfernung: Das „Fachgeschäft für Traurige“. Ein Ort der Einkehr, ein Tempel des Trostes, der Fürsorge oder gar der Heilung?

Aus der Distanz erstrahlt das Schaufenster in einladendem Glanz. Aufgeregt beginne ich im Näherkommen über das dahinter wartende Angebot zu fantasieren: Was ist das Schönste – außer „Breaking Bad“ –, das traurigen Menschen aus ihrer Traurigkeit hilft?

Warm beleuchtete Räume mit liebevollen Gefährten für traurige Frauen? Dauervideos mit Siegtoren ihrer Lieblingsmannschaft für traurige Männer? Welpen, so viele sie wollen, für traurige Kinder? Und herrliche Gewänder für alle, auf dass wir uns schön machen und ein Trauerfest feiern, und zwar mithilfe einer kleinen, feinen Blaskapelle, die aus glänzenden Instrumenten Dixie-Sound zaubert wie auf einer fröhlich-traurigen New-Orleans-Beerdigung?

Angeführt von der Kapelle zögen wir dann über die Wilmersdorfer zum Stuttgarter Platz, in dessen Nachbarschaft so ein Geschäft für Traurige wahrlich gut platziert ist, und noch dazu unter fachmännischer Leitung!

So wird der Herbst vergehen, aber meine Saudade wird bleiben, und ich werde in der Wilmersdorfer unruhig hin und her wandern, wenn die Blätter treiben. Aber irgendwann wird es soweit sein, ich werde einen Entschluss fassen und das Fachgeschäft betreten und goldene Trauringe kaufen, und dann suche und finde und heirate ich einen Walter, einen genial-kriminellen Provinzlehrer aus Paderborn, und mein Leben wird aufregend sein!

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