Die Kunst der Woche: Die Maschinen und wir
Trisha Baga und Seth Price lassen bei Société und Isabella Bortolozzi Analoges und Dialoges überlagern. Die Ausstellungen laufen noch bis Mitte Januar.
W as unterscheidet eigentlich das Aufziehen eines Kindes vom Trainieren einer Maschine? Beides erfordert schließlich große Aufmerksamkeit, Nachsicht und das Wiederholen immer gleicher Dinge.
Emotional hinkt der Vergleich freilich. Die Frage, wie sich das wiederum auf die Beziehung zwischen Mensch und Maschine auswirkt, gehört zu denen, die Trisha Baga in ihrer aktuellen Ausstellung in der Galerie Société umtreibt. Die 1985 geborene, in New York lebende Künstlerin, hat dieser ein Wort zum Titel gegeben, das Kleinkindeltern in den Ohren klingen wird: „More“.
Nicht nur auf kindlichen Hunger spielt sie damit an, vielmehr auch auf jenen nach einem Immer-mehr an Dingen, Infos, Daten, Ablenkung, der von Social-Media-Algorithmen und der endlos verzweigten Welt der Online-Kaninchenlöcher angefüttert wird. Baga findet Bilder für die digitale Überstimulation und überstimuliert die Wahrnehmung dabei gleichsam selbst.
Da sind putzige, kleine, mit Ölfarbe bemalte Keramiken, die Screenshots darstellen, und die Baga wie Computericons auf dunkler, von einer Art Bildschirmschoner bespielten Oberfläche angeordnet. Wem diese nicht an den eigenen übervollen Desktop erinnern, der möge bitte seine digitalen Aufräumtipps verraten. In deren Mitte ist eine Babyphone-Aufnahme von Bagas Kleinkind im Gitterbett zu sehen.
Alles überlagert sich, in der Wahrnehmung und im Kopf und so hat Baga in einer 3D-Videoarbeit audiovisuelle Versatzstücke hinter und übereinanderlegt. Roboter sieht man dort unter Wasser arbeiten, oder im Weltraum, Menschen sich mit ihren Smartphones filmen und immer wieder Fische durchs Aquarium schwimmen. Ausschnitte aus Sci-Fi-Blockbustern und Aufnahmen irgendwelcher Forschungslabore sind zwischen und über private Filmschnipsel montiert. Verlieren kann man sich darin. Mehr davon? Immer gern.
Grenzen der AI
Trisha Baga: „More“. Société, bis 17. Januar. Wielandstr. 26, Di.–Sa. 11–18 Uhr
Seth Price: „Portals“. Isabella Bortolozzi, bis 17. Januar. Schöneberger Ufer 61, Di.–Sa. 12–18 Uhr
Das Miteinander von Mensch und Maschine beschäftigt auch Seth Price. Als im Jahr 2021 die ersten von einer künstlichen Intelligenz generierten Bilder aufkamen – so berichtet es der 1973 geborene, ebenfalls in New York lebende Künstler im Text zu seiner Ausstellung „Portals“ bei Isabella Bortolozzi – speicherte er sich einige davon für später ab. Als er sie einige Zeit später wieder ansah, war er überrascht, wie „prähistorisch“ diese auf ihn wirkten. Aufgefordert hatte er die KI damals in seinem Prompt, geschmackvolle Innenräume, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Atelier zu gestalten.
In diesem Sommer also hat er diese AI-Bilder neu bearbeitet, manuell, fotografisch, mechanisch und auch mit digitalen Hilfsmitteln. Er hat sie ausgedruckt, gespiegelt, gebadet, bemalt, zerrissen und beklebt, bis kaum mehr wirklich erkennbar erscheint, was da eigentlich zu sehen ist.
Nur ein Mensch könne das tun, was er mit den Bildern angestellt hat, schreibt er: Intuitiv alles durcheinanderbringen, einzelne Elemente aus- oder übermalen, Dinge ergänzen, aus einer Laune heraus handeln. Recht hat er damit. Faszinierende Bilder sind auf diese Weise entstanden, für die es vielleicht kein besseres Setting als die holzverkleideten Räume von Isabella Bortolozzi geben kann.
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