Die Kunst der Woche in Berlin: Am extraordinären Ort

Die Ausstellung „Gewand in drei Akten“ im Mies van der Rohe Haus ist zeitlos. Und Cecily Brown wandelt auf düsteren Spuren durch den Blenheim Palace.

Martha Lemke (re.) mit Besucherin auf der Terrasse des Mies van der Rohe Hauses im Jahr 1933

Martha Lemke (re.) mit Besucherin auf der Terrasse des Mies van der Rohe Hauses, 1933 Foto: Howard Dearstyne, Collection Centre Canadian d'Architecture

Sich an Ostern schnelltesten zu lassen war ein Ding der Unmöglichkeit. Die elenden Warteschlangen an den paar Apotheken in der Nähe ließen nichts Gutes ahnen. Also stellte sich die Frage nach Alternativen. Und eine unbedingt empfehlenswerte Antwort lautet: Besuchen Sie das Mies van der Rohe Haus in Lichtenberg.

Dank des wunderbaren Gartens und der Fenster, die Mies zu diesem Garten hin als Glaswände gestaltet hat, ist „Gewand in drei Akten“ auch vom Freien aus ganz wunderbar zu erleben. Die Ausstellung verbindet auf Schönste die Imagination der Kunst mit den phantastischen Funden der Forschung.

Im großen Gartenzimmer ist Stef Heidhues’ Installation „Untitled“ aus dem Jahr 2020 zu sehen. Die 1975 in Washington D.C. geborene Künstlerin, die bei Franz Erhard Walther studierte, drapiert über ein schwarzes Metallgestänge schneeweißes und naturfarbenes Leinen überlappend übereinander, wobei die Leinwände in je eigene abstrakte Formen geschnitten wurden. Zwei neongrüne Haltegurte verankern das Wandrelief, das vom Spannungsverhältnis von Linie und Fläche lebt und Alexander Calders Mobiles in Erinnerung ruft oder Marcel Breuers aus Leisten und Flächen gebaute Stühle und Sessel, dezidiert im Heute.

Mies van der Rohe Haus, „Gewand in drei Akten“, Oberseestr. 60, bis 20. Juni, Besuch mit Anmeldung und Negativtest: 030 – 970 006 18.

Contemporary Fine Arts, Cecily Brown, „Cecily Brown at Blenheim Palace“, Online-Führung mit der Künstlerin auf nowness.com

Die Wand des kleinen Gartenzimmers bedeckt eine schwarzweiße Fototapete, die paradiesische Nackheit inmitten der Natur zeigt, wie sie Max Pechstein 1912 für die Wandbespannung des Speisezimmers im Haus Perls gemalt hat, das Mies van der Rohe kurz zuvor in Berlin-Zehlendorf fertig gestellte hatte.

Auf dem Beistelltisch MR515 von 1928 liegt die Forschungsarbeit in der Annika Weise, neben Dominik Olbrisch und Jan Maruhn eine der Ku­ra­to­r:in­nen der Schau, der Geschichte der Wanddekoration nachgeht. Mit ihr artikuliert Pechstein erstmals ganz deutlich eine expressive reduzierte Formensprache. Das „Gewand“ der Wand im Haus Perls zeigte, wie Weise herausfand, „Ocker, gebrannte Siena und Grün als Erdfarbe zu violetten Türen“ und gilt heute als verschollen.

Im Damenzimmer schließlich trägt eine Schneiderbüste das weiße Kleid, das man auf einer Fotografie an der Wand wiedererkennt. Die Aufnahme stammt vom Bauhäusler Howard Dearstyne und sie zeigt 1933 Martha Lemke, die Hausherrin, in eben jenem Kleid mit einer Besucherin auf der Terrasse ihres im Jahr davor bezogenen Hauses. Auch das Gewand des dritten Raums, ein zeitlos modernes Sommerkleid, vom Typ Tenniskleid, ist eine Forschungsarbeit. Es wurde nach der Fotografie peinlichst genau rekonstruiert, nicht nur von der Form, mit den angeschnittenen Ärmeln, sondern auch von den zwei verwendeten Stoffen her.

Von Buschallee bis Blenheim Palace

Ein phantastischer Fund, nicht der Forschung, nur der schnöden Neugierde und des Zufalls: zu ihm führt der Abstecher von der Oberseestraße zur Buschallee. Eigentlich geht es nur um die Bruno Taut-Häuser mit den breiten, kastenartig ausgeführten Loggien. Aber durch einen der Durchgänge nach hinten gegegangen, zu den sogenannten Grünflächen, steht man völlig verblüfft vor einem riesigen Areal vollkommen verfallener Häuser und monumentaler Gebäude mit hochaufragendem Schornstein. Man weiß nicht, ist das Wirklichkeit? Oder ist man auf ein Filmset geraten? Das wäre dann freilich ein extrem überzeugendes Ruinenkunstwerk. Ein völliges Rätsel, in jedem Fall. Und absolut sehenswert.

Aber zurück in die derzeit wirkliche, also virtuelle Welt. Auch hier wird man schnell fündig, bei der Suche nach extraordinären Orten. Über die Website von Contemporary Fine Arts zum Bespiel kommt man mit deren Künstlerin Cecily Brown in den Blenheim Palace, wo 1874 Winston Churchill geboren wurde. Auch hier geht's ums Gewand des Hauses. Was der britischen, freilich seit Mitte der 1990er Jahre in New York lebenden und arbeitenden Malerin Cecily Brown dabei in dem Riesenkasten als erstes auffiel, waren die Tapisserien und Gemälde von Jagd- und Kriegsszenen an den Wänden.

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Sie bilden die Grundlagen zu ihren neuen, großformatigen Leinwänden, die in für sie bekannter Art und Weise zwischen Abstraktion und Figuration changieren. Und so wie sie in expressivem Farbauftrag in leuchtendem Rosa, Rot, Orange und Ocker strahlen, können sie interessanteweise durchaus als zeitgenössisches Pendant zu Max Pechsteins Berliner Paradies gesehen werden. Freilich geht es in Cecily Browns Natur- und Landschaftsszenerien nicht so friedlich zu: Die roten Fräcke, ob sie nun die Jagdgesellschaft oder die Soldatenuniform meinen, dominieren. Dazu kommen die Hunde, die mal selbst Jäger, dann aber auch als gejagte und vom Wildschwein aufgespießte Kreatur zu erleben sind.

Zu Browns Motiv wird aber auch der Blenheim Spaniel, also der Familienhund wie ihn Joshua Reynolds (1723-1792) in seinem Porträt der „Marlborough Family“ (1778) festgehalten hat. Den kleinen Hund platziert Brown wie Reynolds in die untere rechte Ecke ihrer Gemälde und macht ihn so zum visuellen Anker in der überbordenden Leinwand. Hat man ihn erst erkannt, wird man auch der anderen Tiere und menschlichen Körper gewahr.

Vor Cecily Brown war auch schon mal Maurizio Cattelan ins Schloss eingeladen worden. Und hier gibt es nun wieder eine Parallele zu Berlin. Cattelan ließ in einen Toilettenraum seine goldene WC-Muschel „America“ einbauen, die von den Be­su­che­r:in­nen je 3 Minuten lang benutzt werden konnte – bis sie, deren Wert mit 5,4 Millionen Euro beziffert wird, am 14. September 2019 gestohlen wurde. Die Diebe verursachten dabei eine Überschwemmung im Palast. Die Berliner Goldmünze wurde übrigens nur auf 3,7 Millionen Euro taxiert.

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war Filmredakteurin, Ressortleiterin der Kultur und zuletzt lange Jahre Kunstredakteurin der taz. Seit 2022 als freie Journalistin und Autorin tätig. Themen Kunst, Film, Design, Architektur, Mode, Kulturpolitik.

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