Die Grünen und Fridays for Future: Dreitagebart und Anzug

Der Spagat zwischen Klimabewegung und bürgerlicher Mitte macht die Grünen erfolgreich. Bewegungen wie Fridays for Future können zur Gefahr werden.

Grünen-Politiker Robert Habeck zieht sich während eines Pressetermins seinen Mund-Nasenschutz aus

Die Grünen – ein bisschen rebellisch, wie Robert Habecks Stoppeln zeigen sollen Foto: Michele Tantussi/Reuters

Die Grünen sind, anders als oft behauptet, keine Volks-, sondern eine Milieupartei. Sie repräsentiert keinen Querschnitt der Gesellschaft, sondern die in der Wissensgesellschaft wachsende Klasse von AkademikerInnen, oft urban und im öffentlichen Dienst beschäftigt. Genau deshalb sind die Grünen so erfolgreich.

Sie gewinnen Wahlen und Mitglieder, weil sie dem launischen Publikum etwas Besonderes bieten: Man ist irgendwie noch immer ein kleines bisschen rebellisch (eine Eigenart, die Robert Habecks Dreitagebart perfekt zum Ausdruck bringt), aber zugleich auch äußerst verantwortungsbewusst und als Anzugträger darauf geeicht, 2021 mit der Union zu regieren.

Das Grünen-Image ist ein perfektes Angebot für konforme Nonkonformisten. Die Grünen haben das Copyright auf Klimaschutz – und bestimmen damit derzeit einen Großteil der politischen Agenda. Doch ihre Erfolge sind schwankender, als man derzeit glaubt. Es wäre nicht das erste Mal, dass Grüne nur Umfragen gewinnen.

Deshalb beobachtet die Parteispitze nervös die Absetzbewegungen am ökologischen Rand, die Proteste gegen die A 49 in Hessen, die auch an die Adresse der Grünen gehen, und die Klimaliste, die in Baden-Württemberg zur Landtagswahl antreten will.

Auch bei Fridays for Future sind nicht mehr alle AktivistInnen begeistert von den maßvollen Plänen der Grünen. Deren Projekt ist für 2021 der ökologische Umbau der Industriegesellschaft – zusammen mit Union und Konzernen. Das wird, auch mit einer Laschet-Union, eine Politik der kleinen Schritte. Daher sind die jetzigen Risse im grünen Spektrum keine flüchtige Irritation, die wieder vergeht, sondern das Wetterleuchten von Widersprüchen, die sich erst später richtig entladen werden.

Die grüne Spitze muss da die Balance halten. Die Ökoliberalen müssen einerseits glaubhaft machen, authentische Stimme der Bewegungen zu sein, die ja ihre eigene Herkunft widerspiegeln, und andererseits moderat und sehr anpassungsfähig in der Mitte um Merkel-WählerInnen ringen. Es ist ein Weg mit Absturzgefahr.

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Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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