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Die Bildmacht der Epstein-FilesDas erklärt rein gar nichts

Ann-Kathrin Leclere

Kommentar von

Ann-Kathrin Leclere

Ein Bild von Michael Jackson mit Jeffrey Epstein beweist keine Mitschuld. Im schlimmsten Fall lenkt es davon ab, wirklich relevante Fragen zu stellen.

Ein Foto aus den Epstein-Akten: Michael Jackson, Bill Clinton, Diana Ross und Kinder mit geschwärzten Gesichtern Foto: U.S. Justice Department/reuters

A m Am 19. Dezember begann die US-Regierung mit der Veröffentlichung von Teilen der sogenannten Epstein-Files. Die Dokumente, Mails und Fotos sollen Einblicke in das Netzwerk aus Machtmissbrauch rund um den Unternehmer Jeffrey Epstein geben und Täter sowie Opfer sichtbar machen. Im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit steht dabei auch die Frage, ob sich daraus Hinweise auf sexualisierte Gewalt an Minderjährigen durch Donald Trump ergeben. Trump und Epstein waren bis Anfang der 2000er Jahre enge Vertraute.

Die bisherigen Veröffentlichungen bleiben jedoch bruchstückhaft. Und das ist ein gutes Beispiel für die Macht von Bildern. Viele Passagen sind geschwärzt, verantwortet vom Vizejustizminister Todd Blanche. Offiziell dient das dem Opferschutz. Die implizite Botschaft lautet: Geschützt werden die Opfer, sichtbar gemacht mögliche Tä­te­r:in­nen und Mitwisser:innen. Umso relevanter ist, wer auf den veröffentlichten Bildern zu sehen ist.

Ablenkungsmanöver des Weißen Hauses?

Nach der ersten Veröffentlichung dominierten Fotos des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, etwa gemeinsam mit Epsteins Vertrauter Ghislaine Maxwell. Ein Sprecher Clintons sprach von einem gezielten Ablenkungsmanöver des Weißen Hauses. Wie diese Ablenkung funktioniert, zeigt ein weiteres enthaltenes Bild: Michael Jackson steht darin in einem Flugzeug neben Clinton und Diana Ross, umgeben von Kindern, deren Gesichter geschwärzt sind.

Im Kontext der Epstein-Akten entsteht der Eindruck, es handle sich um minderjährige Opfer – und um Täter im Bild. Tatsächlich ist das Foto seit Jahren öffentlich. Es stammt von einem demokratischen Fundraising-Event; die Kinder sind Jacksons eigene sowie das Kind von Diana Ross. Erst durch den neuen Kontext, die Schwärzungen und die Präsentation im Rahmen der Epstein-Akten wird das Bild politisch aufgeladen.

Plötzlich rücken nicht mehr nur Epstein oder Trump in den Fokus, sondern auch Clinton und Jackson. Dieses Ablenken dürfte vor allem Trump nutzen. Bilder erzeugen Eindrücke – und Eindrücke sind ein zentrales Instrument politischer Kommunikation. Entscheidend ist nicht, was bewiesen ist, sondern was hängen bleibt. Das bloße Auftauchen in den Akten ist kein Beweis für Schuld oder Unschuld.

Es ist unwahrscheinlich, dass selbst eine vollständige Veröffentlichung Trumps Rücktritt kaum erzwingen würde. Er ist bereit verurteilter Straftäter, ohne dass ihm das politisch nachhaltig geschadet hätte. Dennoch belastet die Epstein-Verbindung sein Image und spaltet die Republikaner sowie die MAGA-Bewegung. Parteimitglieder wie Marjorie Taylor Greene oder Thomas Massie äußerten offen ihren Unmut über den geringen Umfang der bisherigen Veröffentlichungen.

Deshalb betreibt Trump doch einigen Aufwand, nicht mit Epstein in Verbindung gebracht zu werden. Wie sehr Trump unter Druck steht, zeigt sich auch in seinem Weihnachtsgruß auf „Truth Social“. Entgegen seiner sonstigen Zurückhaltung sprach er fast ausschließlich über Epstein, beschimpfte dessen Unterstützer als „Dreckskerle“ und behauptete, alle Beteiligten seien Demokraten. Er selbst habe sich früh von Epstein distanziert – eine Darstellung, die durch neue Veröffentlichungen in den Akten und seine ohnehin bekannte Verbindung zu Epstein infrage gestellt wird.

Während über Fotos diskutiert wird, bleiben die entscheidenden Fragen offen: Wer wusste was? Wer deckte wen? Welche Strukturen machten die Taten möglich?

Umso naheliegender ist der Eindruck gezielter Ablenkung durch Bilder von Clinton oder Prominenten wie Jackson. Eine vollständige Veröffentlichung der Akten unter konsequentem Opferschutz ist richtig und notwendig. Schwärzungen von Namen und Gesichtern können dabei sinnvoll sein. Doch „Hört auf, Namen zu schwärzen, die nicht geschwärzt werden müssen.“, sagt Marina Lacerda:, ein Opfer von Epstein Dafür muss die US-Regierung das Justizministerium zu vollständiger Transparenz verpflichten.

Die Hoffnung auf das eine Foto, das Täter eindeutig überführt, ist trügerisch. Bilder fällen keine Urteile. Sie emotionalisieren, polarisieren und lenken ab. Solange über Fotos gestritten wird, bleiben die entscheidenden Fragen unbeantwortet: Wer wusste was? Wer deckte wen? Welche Strukturen machten die Verbrechen möglich? Erst vollständige Offenlegung ermöglicht echte Aufarbeitung.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde zuerst am 23.12.2025 veröffentlicht und am 28.12.2025 aktualisiert

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Ann-Kathrin Leclere
Aus Kassel, lange Zeit in Erfurt gelebt und Kommunikationswissenschaft studiert. Dort hat sie ein Lokalmagazin gegründet. Danach Masterstudium Journalismus in Leipzig. Bis Oktober 2023 Volontärin bei der taz. Jetzt Redakteurin für Medien (& manchmal Witziges).
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