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Die Angst vorm Altern verkauft sich gut

In Longevity Studios buchen Menschen Lymphdrainagen und Vitamininfusionen wie einen Friseurtermin. Verlängern sie damit ihr Leben oder ist das nur wieder Selbstoptimierung in einer kapitalistischen Welt?

Futter für den Longevity-Hype: Auf der Fitnessmesse Fibo in Köln werden Nahrungs­ergänzungsmittel beworben Foto: Martin Meissner/ap

Aus Berlin Sophie Fichtner

Lymphdrainage, als ich dieses Wort als Kind zum ersten Mal hörte, bekam ich Angst. Meine Mutter hatte die Krebsbehandlung gerade erst hinter sich gebracht, aber musste auf einmal zur Lymphdrainage. War sie schon wieder krank? Damals wusste ich nicht, dass durch diese Behandlung Flüssigkeit aus dem Gewebe in die Lymphbahn fließen soll, wodurch Giftstoffe abtransportiert werden.

Fünfzehn Jahre später stecke ich bis zur Brust in einem schlafsackähnlichen Anzug mit lauter Kabeln, gleich wird meine Gewebeflüssigkeit durchgewalzt. Mittlerweile sind Lymphdrainagen unter gesunden Menschen im Trend und werden als Longevity-Therapie angeboten, also als Behandlung für ein langes Leben.

Daher poppen immer mehr Longevity Hubs, Labs und Studios wie dieses in Berlin-Mitte auf. Die Regale sind gefüllt mit Nahrungsergänzungsmitteln, die „Brain Energy“ oder „Antistress Formula“ heißen. Im Badezimmer steht eine Wanne auf silbernen Füßen, an den Wänden hängt abstrakte Malerei. Hier sollen sich „die gestressten Berliner erholen“, erklärt mir die Mitarbeiterin. 45 Euro kostet eine 40-minütige Lymphdrainage. Auch angeboten werden eine Magnetfeldtherapie und ein Stoffwechseltraining mit Atemmaske.

Kann ich mein Leben durch solche Eingriffe verlängern? Oder wird mir in dieser Fusion aus Apotheke und Wellnesscenter nur das Gefühl verkauft, etwas für mich und meinen Körper zu tun? Während die Maschine neben mir losschnauft und Luft in die Segmente des Anzugs pustet, frage ich mich, wie evidenzbasiert diese Therapie ist. Ich hätte auch das Celluliteprogramm wählen können. Was halten Wis­sen­schaft­le­r:in­nen vom Longevity-Hype?

Die Langlebigkeitsbewegung hat zwei Strömungen. Es gibt die Extremisten, die möglichst lange leben wollen, angeführt von Bryan Johnson. Der US-Amerikaner ist besessen von der Unsterblichkeit und macht aus seinem Leben für diesen Zweck ein Experiment. Er nimmt 130 Tabletten am Tag, lässt sich das Blut seines Sohnes injizieren und isst die letzte Mahlzeit des Tages um 11 Uhr vormittags. Das Ziel der zweiten Langlebigkeitsströmung ist bescheidener. Im Kern geht es darum, möglichst lange gesund zu leben und die Zeit zu verkürzen, in der man leidet, etwa weil man sich schlecht bewegen kann oder wegen einer chronischen Erkrankung.

Der Lymphdrainage-Anzug zieht sich um meinen Brustkorb zusammen. Er wird enger, viel zu eng. Ich drücke auf den Bildschirm, minus, minus, minus, bis ich wieder gut atmen kann. Schrittweise arbeitet sich das Gerät zu meinen Füßen vor. Es klemmt meine Ferse ein, als würde es meine Füße ganz fest drücken und dann loslassen. Ganz angenehm, denke ich und schließe die Augen, um mich auf die gebuchte Erholung einzulassen. Neben mir, hinter dem grauen Vorhang, höre ich eine ältere Dame angestrengt ausatmen. Sie bekommt abwechselnd sauerstoffarme und sauerstoffreiche Luft durch eine Maske, wodurch die Zellen besser regenerieren sollen.

59 Euro zahlt sie für die Behandlung, im Abo etwas weniger. Auch die Lymphdrainage sollte man einmal pro Woche machen, wird mir geraten. Mir kommt das alles ein bisschen gaga vor. Für viel Geld buchen sich Menschen einen Slot zum Regenerieren in den überfüllten Kalender. Sie essen wahrscheinlich auch nur 80-prozentige Schokolade und verpassen immer den witzigsten Teil des Abends, weil sie penibel auf ihren Schlafrhythmus achten. Oft frage ich mich: Vergessen wir durch diese permanente Selbst­optimierung nicht, wie man lebt? Ist es nicht viel wertvoller, durch einen etwas ungesünderen Lebensstil vielleicht zwei Jahre früher zu sterben, aber dafür mit einem vollen Herzen?

Michael Ristow ist Professor für experimentelle Endokrinologie an der Berliner Charité. Seine Arbeitsgruppe beschäftigt sich damit, wie sich Hormone, Gene und der Lebensstil aufs Altern auswirken. Was hält er davon, sich in einen verkabelten Anzug zu legen, um den Lymphfluss anzuregen? Ristow lächelt in die Kamera und guckt, als wolle er mir den Spaß nicht verderben. „Wenn es Ihrem Wohlbefinden gut tut, ist es okay“, sagt er, „ob es wirklich etwas bringt, lässt sich häufig schwer messen.“

Eine sehr viel stärkere Meinung hat Ristow zu Vitamininfusionen, „die sind wirklich unseriös“, sagt er, würden aber Überhand nehmen. Für 300 Euro und mehr werden Infusionen angeboten, die mehr Energie, bessere Konzentration oder ein stärkeres Immunsystem versprechen. Aber mehr als ein Geschäftsmodell sei das nicht, sagt Ristow. „Es ist meist Unsinn, Vitamine als Infusion zu bekommen, die kann man auch als Tablette nehmen.“ Aus medizinischer Sicht würden Infusionen nur selten Sinn ergeben, bei bestimmten Mangelerkrankungen oder Alkoholabhängigkeit zum Beispiel. Manche Antioxidantien würden sogar das Krebsrisiko erhöhen, Vitamin A, E und Betacarotin zählt der Professor auf.

Ich hatte damit gerechnet, dass Ristow mir von neuen Therapien erzählt, an denen er forscht, irgendeine futuristische Anwendung mit Strahlen oder Minusgraden. Der für ihn wichtigste Ansatz ist aber viel banaler: Prävention. „Deutschland gibt vergleichsweise viel Geld für Gesundheit aus, aber liegt bei der Lebenserwartung ziemlich weit hinten“, sagt er – das liege an mangelnder Prävention.

Wenn es um Brustkrebs oder die Zähne ginge, hätten sich Vorsorgeuntersuchungen bereits durchgesetzt. Aber kaum jemand lasse mit Mitte 30 oder Anfang 40 den Cholesterinspiegel checken. Durch vegane Ernährung könne der Cholesterinwert nur um 10 bis 15 Prozent gesenkt werden, „hauptsächlich ist das genetisch veranlagt“, sagt Ristow. Später hätten die Menschen dann einen Herzinfarkt, obwohl sich das verhindern ließe. Es gebe Tabletten zur Cholesterinsenkung, die lange erforscht und zugelassen seien, aber trotzdem nicht genommen würden. Genauso sei es mit Bluthochdruck oder Diabetes Typ 2. Durch Prävention ließen sich die Auswirkungen dieser Krankheiten verzögern.

Andere Länder seien da fortschrittlicher, findet Ristow. In Singapur, das ein modernes Gesundheitssystem hat, gebe es die Idee, eine Kombitablette gegen einen erhöhten Cholesterinwert und Blutdruck und gegen Diabetes Typ 2 in der Bevölkerung kostenlos anzubieten. Wer möchte, soll die Tablette nehmen können. So sollen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Bevölkerung verringert werden, ohne dass vorher medizinische Untersuchungen erforderlich würden.

Deutschland gibt vergleichs­weise viel Geld für Gesundheit aus, aber liegt bei der Lebens­erwartung ziemlich weit hinten

Michael Ristow, Endokrinologe

Mir kommt das absurd vor. Lange erprobte Medikamente, die eine komplexe Zulassung durchlaufen haben, werden in Deutschland nicht richtig angenommen. Aber Nahrungsergänzungsmittel, deren Reinheit nur stichprobenartig kontrolliert wird, boomen. Manchmal wird ihrer Wirkung sogar blind vertraut.

Michael Ristow hat ein Beispiel parat. Grüner Tee sei lange als gesundheitsfördernd etabliert. Er enthält den Wirkstoff EGCG, mit dem die Teepflanze Insekten fernhalten will. In der menschlichen Leber löst der Stoff eine Stressreaktion aus, wodurch diese entgiftet. Nahrungsergänzungsmittelhersteller verkaufen deshalb hochkonzentrierten Grüntee-Extrakt. Das Problem sei aber, dass zu hohe Dosen EGCG für Leberversagen sorgen könnten. Es habe schon Einzelfälle von Pa­ti­en­t:in­nen gegeben, denen nach einer extrem hohen Dosis ECGC eine neue Leber transplantiert werden musste, sagt Ristow. Andere seien sogar gestorben. Wie paradox: Um besonders alt zu werden, schlucken wir ein Präparat so hochkonzentriert, dass es tödlich sein kann.

Nach 30 Minuten im Lymphdrainageanzug kribbeln meine Beine. Wenn ich jetzt sofort das Drainage-Abo kaufe, bekomme ich Rabatt, sagt die Frau hinterm Tresen. Dann spuckt mich die Longevity-Oase wieder aus und ich schlängle mich mit dem Fahrrad durch den Feierabendverkehr. Ich bin erstaunlich erholt. Eine halbe Stunde war ich gezwungen, nichts zu tun – das mache ich sonst nie. Unterwegs bekomme ich leichte Bauchschmerzen. Diese Nebenwirkungen können nach einer Lymphdrainage auftreten. Vielleicht werden gerade die Giftstoffe in meinem Körper abtransportiert.

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