Die Angst, etwas zu verpassen: Am Pornfilmfestival vorbei
Im Späti trinken sie Glühwein, im Moviemento läuft das Berliner Pornfilmfestival, das Training fängt an. Gehend entscheide ich mich, alles zu verpassen.
E s riecht nach Glühwein aus dem Späti. Die haben damit schon angefangen, obwohl draußen viele noch Bier trinken. Es ist mild für einen Abend im Spätherbst. Deshalb sind die Bar-Terrassen und die Tische vor dem Späti voller enthusiastischer Menschen.
Zu dem Glühwein rieche ich den Pfirsichduft einer Teenagerin, die rappend und wippend an mir vorbeigeht. Wovon sie singt, verstehe ich kaum. Nur „Alter“ und „Digga“. Das süße Aroma mischt sich mit dem Geruch nasser Laubblätter, die seit Tagen am Kopfsteinpflaster der Reuterstraße ständig getreten und überfahren werden.
Ich habe mich entschieden, nach der Arbeit zu mir zurückzugehen, und hatte dafür auch Freundinnen abgesagt. Ich hatte zu viele Optionen und war überfordert. Ich wollte allein und gleichzeitig nicht allein sein. Wie passen diese Gefühle zusammen?
Zum Kampfsporttraining bin ich ebenso nicht gegangen. Das bereue ich sofort, als mir der Algorithmus stumme Videos von verschwitzten Kämpferinnen nach der Muay-Thai-Stunde auf meinem Handy zeigt. Sie sitzen auf der Matte, umarmen sich, lachen.
Auch das Pornfilmfestival verpasse ich (zum x-ten Mal). Als ich am Kino Moviemento vorbeigehe, glaube ich, Kunstpelz und Parfum zu riechen und Glitzer in der Luft schweben zu sehen. Ich wünschte, ich hätte eine Begleitung, mit der ich dort ein Glas Sekt vor einer Vorführung trinken würde. Vielleicht würde ich mich auch allein trauen, es zu machen. Doch ich laufe weiter nach Hause.
Angekommen suche ich Rezepte im Internet, schalte ein Onlineradio ein und koche eine Suppe. Ich greife zu meinen Notizbüchern.
Langsam wird es gemütlich und es ist mir egal, „alles“ zu verpassen. Ich sitze am Küchentisch, mache ein Bier auf und schreibe und schreibe, bis mir die Augen zufallen.
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