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Deutschlands erster GruppengegnerDer alte Trainer und die jungen Drittligisten

Unter dem 78-jährigen Trainer Dick Advocaat nimmt der Inselstaat Curaçao erstmals an einer WM teil. Alle Spieler sind in den Niederlanden geboren.

Aus Noordwijk und New York

Daniel Theweleit

Der Kontrast ist hart an diesem europäischen Sommerfrischetag, der irgendwie aus der Zeit gefallen ist und zugleich eine interessante Vermischung verschiedener Kulturen darstellt. Der 78 Jahre alte Dick Advocaat, der älteste Chefcoach, der jemals bei einer WM-Endrunde für eine Mannschaft verantwortlich war, passt gut in dieses altmodische Ambiente der urlaubenden Rentner im Hotel Huis ter Duin an der Nordsee.

Es gibt sogar eine „Advocaat-Suite“, weil der Trainer hier schon einmal eine WM-Vorbereitung mit einem Team bestritten hat: 1994 mit den Niederlanden. Die Spieler wirken jedoch etwas fremd zwischen den mit Eichenholz getäfelten Wänden und den Rollkoffern, die von ergrauten Menschen über dunkle Marmorböden gezogen werden.

Das alte und auch etwas spießige Holland ist allgegenwärtig hier, ein Land, das während der Kolonialzeit die kleine Insel Curaçao vor der Küste Venezuelas vereinnahmte und erst 2010 zumindest teilweise in die Unabhängigkeit entließ. Aber genau diese Verschränkung sehr verschiedener Welten ist nun zum entscheidenden Faktor dieses süßen Fußballsommers für das kleine Land geworden.

Es sind lauter in den Niederlanden geborene und aufgewachsene Spieler, die den Inselstaat mit seinen gerade einmal 158.000 Einwohnern zur WM führten. Einzig Tahith Chong von Sheffield Wednesday, der auch einmal bei Werder Bremen unter Vertrag stand, ist auf Curaçao geboren.

„Auch Amateurvereine können gewinnen“

Und doch inszenieren die Spieler dieses WM-Vorhaben unter wohlwollender Begleitung ihres Trainers als karibisches Fußballfest. „Es stimmt, dass ich heute Dinge zulasse, die ich früher nicht akzeptiert hätte“, sagt Advocaat, der aufgrund seines autoritären Führungsstils einmal den Beinamen „kleiner General“ erhalten hat.

Nun wippt er lässig mit, wenn getanzt, gesungen und getrommelt wird – im Bus, im Flugzeug, im Hotel, auf dem Rasen und in der Kabine. „Wir haben immer Musik um uns herum, sogar während der Spiele und nach Siegen sowieso“, sagt der Stürmer Jürgen Locadia, der bei Miami FC in der zweiten US-amerikanischen Liga angestellt ist.

Genau wie die meisten seiner Kollegen spielt Locadia, der auch schon in Bochum und Hoffenheim unter Vertrag stand, weit unterhalb der glamourösen Champions-League-Sphären. Die Mehrheit der Nationalspieler kickt irgendwo bei kleinen Klubs in den Niederlanden.

„Wenn man unsere Spieler direkt mit denen der anderen drei Mannschaften in unserer Gruppe vergleichen würde, sähen wir aus wie ein Amateurverein“, sagt Advocaat. „Aber auch Amateurvereine können gegen alle Erwartungen gewinnen.“

Die Handschrift des altersmilden Chefcoaches

Curaçao hat sich in der klassischen Rolle des im WM-Umfeld exotisch wirkenden Außenseiters eingerichtet, ähnlich wie ein Fünftligist, der im DFB-Pokal auf einen Bundesligaverein trifft. Und Advocaat ist ein geschickter Moderator zwischen altem Holland, karibischen Vibes, Außenseitertum und Euphorie über einen ganz großen Moment.

Sogar über uralte Turniergepflogenheiten setzt er sich einfach hinweg: Die Spieler leben nicht abgeschottet in einem Teamquartier, sie wohnen mit ihren Freundinnen und Ehefrauen zusammen, sogar Kinder sind dabei.

Das ganze Projekt trägt zweifellos die Handschrift des altersmilde gewordenen Chefcoaches, der eigentlich schon abgesagt hatte. Im Februar trat er aufgrund einer Erkrankung seiner Tochter zurück, Fred Rutten übernahm den Job. Als es der Tochter jedoch irgendwann besser ging und die Mannschaft unter Rutten zwei Testspiele verloren hatte, entstand der Wunsch, den Trainerwechsel rückgängig zu machen – in Teilen der Mannschaft, bei Sponsoren und auch bei Advocaat selbst.

„Es war eine schwierige Zeit, weil so viel passiert ist, so etwas kommt im Fußball eben vor“, antwortet der Trainer jetzt auf die Frage nach den genauen Hintergründen. Aber es ist schon klar, dass es einen Verlierer der Rochade gibt: Rutten, dessen WM-Träume vorerst unerfüllt bleiben.

Möglichst lange ohne Gegentor bleiben

Diese kleine Verwerfung soll nach der Abreise aus den Niederlanden jedoch keine Rolle mehr spielen. Ab sofort will der wahrscheinlich größte Außenseiter der jüngeren WM-Geschichte guten Außenseiterfußball spielen. „Wir müssen erstmal defensiv stehen“, sagt Locadia, nicht nur in der Partie gegen Deutschland. Womöglich reicht ja ein einziger Sieg, um als Zweiter oder Dritter der Gruppe irgendwie ins Sechzehntelfinale zu rutschen. „Je länger wir in den Spielen ohne Gegentor bleiben, desto größer werden unsere Chancen“, erklärt Locadia. „Wir sind der Underdog, aber selbstverständlich ist unser Ziel, die Gruppenphase zu überstehen.“

Und wenn es gegen Deutschland nicht mit einem Punktgewinn klappt, dann bleiben ja noch Chancen gegen Ecuador und die Elfenbeinküste. Irgendwer wird sie schon unterschätzen, diese eigenwillige Mannschaft, die auch als Holland II firmieren könnte: die Jungs unterhalb der Superprofis, die neben dem ganzen WM-Ernst auch Spaß haben wollen. Die meisten Menschen in den Niederlanden werden Curaçao jedenfalls viel Glück wünschen, ganz besonders im Duell mit Deutschland.

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1 Kommentar

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  • Das ist der Filmplot von "Cool Runnings" für Fußball nacherzählt. Hhhm!