piwik no script img

Deutscher Überfall auf die SowjetunionZeitkapsel der Angst

70 Jahre vergessen, jetzt wiederentdeckt: Das Museum Karlshorst stellt Briefe aus der Sowjetunion aus, geschrieben kurz nach dem deutschen Überfall.

„Meine liebe und einzigartige Frau und meine Kinder, meine Töchterchen Galja und Verotschka und Du, meine Frau Sossja. Ihr sollt wissen, und sagt es allen Verwandten weiter, dass ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gesund und lebendig bin. Das wünsche ich Euch auch. Habt ein besseres Leben, ein besseres als ich es habe. Sossja, ich schreibe Dir, und es kann sein, dass das meine letzten Worte sind […] Bitte schreib mir. Ich warte auf Antwort wie die Nachtigall auf den Sommer. Wenn Du drei Rubel hast, schicke sie mir mit dem Brief. Grischa“

Der Briefumschlag trägt so wie der Brief selbst kyrillische Handschrift. Daneben ist ein dreieckiger Stempel der Roten Armee eingedrückt. Als Grigorij Butschynskyi den Brief abschickte, schrieb man den 2. Juli 1941. Zehn Tage zuvor hatte der Großangriff von Hitlers Wehrmacht gegen die Sowjetunion begonnen. Vom Autor ist bekannt, dass er im August 41 in Gefangenschaft geriet, 1944 befreit und vom NKWD überprüft wurde, danach wieder an die Front kam. Sein weiteres Schicksal ist unklar.

Der Brief hat seine Empfängerin niemals erreicht. Grigorij Butschynskyi war Soldat geworden. Er lebte mit seiner Familie in der Nähe der Stadt Kamenez-Podolsk in der Ukrainischen Sowjetrepublik und war Bauer. Er gab den Brief ab, doch das Postamt von Kamenez-Podolsk wurde kurz darauf von der Wehrmacht besetzt, so wie die ganze Stadt. So gerieten 1.215 ungeöffnete Briefe in die Hände der Deutschen. Sie landeten im Postmuseum in Wien – und wurden vergessen. Jetzt sind sie wieder da. In einer Sonderausstellung des Museums Karlshorst hängen sie an den Wänden, übersetzt und ergänzt um weitere Informationen sowie biografische Angaben.

Die ist keine große Schau. Schon gar nicht findet hier eine große Inszenierung statt. Es ist eigentlich gar keine Inszenierung. Die Briefe hängen in Rahmen hinter Glas. Es gibt keine weiteren Exponate, keine alten Flinten oder Handgranaten, keine großformatigen Poster, nur wenige Bilder. Aber gerade diese minimalistische Präsentation lässt den Besucher verharren. Was haben die Menschen, die 1941 von den Nazis überfallen wurden, angesichts des beginnenden Krieges gedacht und geschrieben? Ist in der Zeitkapsel eine Botschaft versteckt?

Schreiende Not

„Guten Tag, unsere lieben Kinder! Diesen Brief, ich bin mir nicht sicher, schicke ich Euch, aber ob er sein Ziel erreicht […], selbst wenn Ihr weit weg seid? Wenn Ihr diesen Brief erhaltet, befolgt ihn und beeilt Euch, alles zu tun, bei uns ist nur noch die Hälfte der Stadt da. Und so bitten wir Euch sehr, dass Ihr uns rettet und sofort alles dafür tut, dass wir von hier wegfahren können. Wir haben kein Geld, und wir müssen hier sterben. Wenn es nur irgendwie möglich ist, treibt ein Auto auf, um zu uns zu fahren und uns aus Kamenez wegzuholen. Gebt so viel, wie man fordert. […] Möge es nicht zu spät sein. Auf Wiedersehen. Wir küssen Euch innig. Eure Eltern. Manasewitsch.“

Auch ohne Übersetzung sieht man dem Brief die schreiende Not an. Das Schreiben ist in höchster Eile verfasst, die Buchstaben scheinen über das Papier zu fliegen. Der Brief hat nicht geholfen, konnte nicht helfen. Idel und Jeja Manasewitsch und zwei ihrer Töchter mit den Namen Etel und Rosa wurden Ende August 1941 von einer deutschen Polizeieinheit ermordet, so wie die meisten Juden von Kamenez-Podolsk. Vier von 23.600 Getöteten.

Fast 70 Jahre lang lagen die Briefe von Rotarmisten wie Zivilisten aus Kamenez-Podolsk als Raubgut der Nazis in Wien. 2010 wurden sie an das Nationale Museum der Geschichte der Ukraine übergeben. Dort wurden die Briefe geöffnet und gelesen. Die Mitarbeiter des Museums haben versucht herauszufinden, was aus den Menschen von 1941 geworden ist. Bei vielen heißt es: „Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.“ Andere wurden im Krieg getötet oder kamen in Gefangenschaft, wieder andere wie die jüdische Familie Manasewitsch wurden ermordet.

Kamenez-Podolsk, auch Kamjanez-Podilskyj geschrieben, lag damals rund 300 Kilometer östlich der sowjetischen Grenze, als die Wehrmacht ihren Angriff startete. Doch schon Anfang Juli hatten die Deutschen die Kleinstadt erobert. Mitsamt des Postamtes.

Botschaften der Angst

Es sind keine Sensationen, die nach 85 Jahren in den Briefen zutage treten. Die Botschaft lautet: Angst. Es ist die nackte Angst um das eigene Leben und um das der Geliebten, der Eltern, der Kinder. Dass diese Angst mehr als begründet war, ist bekannt. Aber auf diese Art und Weise von ihr zu erfahren, von den Lebenden in aus der Privatheit entrissenen Scheiben, ist etwas anderes, als die Statistiken zu lesen, die von 27 Millionen Toten in der Sowjetunion berichten, davon mehr als die Hälfte Zivilisten.

„2. VII. 41 Liebe Eltern! Zuerst möchte ich Ihnen schreiben, dass ich und Swetlanotschka [die kleine Tochter] noch am Leben und gesund sind. Ich hoffe, Sie auch. Aber was uns erwartet, kann ich Euch noch nicht schreiben. Im Augenblick ist bei uns alles in Aufregung. Kamenez ist bereits an vielen Stellen zerbombt. […] Ich frage Sie, was Sie mir raten: Wie soll ich mit dem Kind nach Udriiwzi kommen? […] Bei uns sind schon viele Leute tot oder verletzt, 500 Seelen, sagt man, aber genau weiß das keiner.“

Was aus der Autorin dieses Briefs geworden ist, von der nur der Nachname Sewastjanowa bekannt ist, ist unbekannt.

1941 Juni-Briefe. Ungelesene Feldpost aus Kamjanez-Podilskyj. Eine Ausstellung zum 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Eintritt frei. Bis zum 10. 1. 2027

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare