Deutsche Wohnen statt Lufthansa: Kapitalistentausch im Dax

Eine Airline fliegt aus dem Dax, ein anderer Großkapitalist steigt auf: Deutsche Wohnen bietet vielen ein Dach über dem Kopf – steht aber in der Kritik.

rotes Haus, Schriftzug Deutsche Wohnen

Gegner würden sie gerne enteignen: Deutsche Wohnen Foto: Fabrizio Bensch/reuters

BERLIN taz | Das wirtschaftsschwache Berlin hat wieder ein Dax-Unternehmen. Nachdem die Lufthansa (aus Frankfurt am Main) mangels Wert am Donnerstagabend aus der Top-Liga der deutschen Aktiengesellschaften abgestiegen ist, konnte die Deutsche Wohnen AG nachrücken. Unterkünfte zu vermieten bringt eben derzeit mehr Geld ein, als Leute durch die Gegend zu fliegen.

Neben der etwa doppelt so großen Vonovia befindet sich damit nun eine zweite Immobilienfirma im Dax. Die Deutsche Wohnen vermietet 164.400 Einheiten mit Schwerpunkten in Berlin und Rhein-Main. Wie viele andere moderne Unternehmen auch ist sie durch Fusionen auf ihre heutige Größe angeschwollen.

Die Ursprünge des ältesten Firmenteils gehen auf das Jahr 1924 zurück. Er wurde in Berlin als gemeinnützige Hausbau-Gesellschaft „Gehag“ gegründet, um die Wohnungsnot zu lindern. Nach dem Zweiten Weltkrieg half sie, im zerstörten Berlin rasch wieder Mietshäuser zu bauen. Trotz des urigen, offiziell klingenden Namens tritt das Unternehmen heute jedoch rein gewinnorientiert auf.

Der auffällige Name ist auch nicht etwa Liebesbekenntnis zur Nation, sondern liegt an der Firmengeschichte. Es war die Deutsche Bank, die die heute dominierende Vorläuferfirma 1998 als Tochtergesellschaft gegründet hat. Wie bei anderen ihrer Gründungen jener Jahre hat sie das „Deutsche“ als Markenbestandteil davorgesetzt. Der Name ist also eher mit „Deutsche Securities“ oder „Deutsche Networks Services“ vergleichbar.

Willen zur Expansion

Das richtig schnelle Wachstum hat die Deutsche Wohnen jedoch erst hingelegt, nachdem die Bank sich von ihrer Tochter getrennt hat. Im Jahr 1999 wurde sie an die Börse entlassen – damals mit einer vergleichsweise bescheidenen Bewertung. Im Jahr 2007 wurde dann Michael Zahn zu ihrem Chef. Zahn kam von der Gehag – und brachte den Willen zur Expansion mit. Er verdreifachte den Wohnungsbestand genau in der Zeit, in der die Preise weltweit enorm anzogen. Damit trug er enorm zur Ausweitung des Firmenwerts bei. So kommt man in den Dax.

Doch das Unternehmen ist auch umstritten. Der Zuzug in die Städte führte zu hoher Nachfrage, während die Kaufpreise für neue Objekte stiegen. Nach reiner Marktlogik verlangte das höhere Mieten. Das ergibt sich einerseits aus Angebot und Nachfrage, andererseits aus dem Renditeversprechen an die Investoren.

Doch Wohnen ist nicht irgendein Wirtschaftsgut. Jeder braucht eine Bleibe, daher war die Debatte schnell gesellschaftlich und politisch aufgeladen. In Berlin kam sogar die Forderung nach einer Verstaatlichung auf. Zahn tat diese Idee als „irre“ ab, doch mit zunehmender Diskussion über Enteignungen, und dem Beschluss eines Mietendeckels, zeigt sich nun auch die Deutsche Wohnen sozialer. Sie verspricht stabilere Mieten.

Ob der Aufstieg in den Dax die kapitalistischen Instinkte nun wieder mehr befeuert, wie der Deutsche Mieterbund befürchtet, oder ob die gesteigerte öffentliche Rolle nun zu noch mehr Entgegenkommen zwingt, muss sich zeigen. Fest steht, dass weiter der Wunsch nach Wachstum und Renditesteigerung da ist.

Deutsche-Wohnen-Chef Zahn stellte den Investoren des Immobilienkonzerns nach dem Aufstieg in den Dax weiteres Wachstum in Aussicht. „Wir haben uns nicht auf einer Position ausgeruht, und werden dies auch in Zukunft nicht tun“, sagte er am Freitag bei der virtuellen Hauptversammlung des Unternehmens laut Redetext. Der „Sprung in den Dax“ sei „Verantwortung und Ansporn zugleich, unsere Wachstumsstrategie auch in Zukunft fortzusetzen. Wir werden uns weiterhin gegenüber unseren Marktteilnehmern behaupten.“

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