Gute Zahlen der Immobilienwirtschaft: Keep calm, vermiete weiter

Die Wirtschaft stürzt ab, den großen Vermietern geht es prächtig. Doch Mietvereine warnen vor massiven Problemen.

Menschen genießen frische Luft im Gleisdreieckpark

Coronaleben im Berliner Gleisdreieckpark Foto: Sebastian Wells/OSTKREUZ

Manche Sätze sind derzeit aus der Wirtschaft selten zu hören, etwa dieser: „Wir gehen heute davon aus, dass Corona keine spürbaren materiellen Auswirkungen auf das Unternehmen haben wird.“ Das sagte ein Sprecher von Deutschlands größtem Vermieter, der Deutsche Wohnen, der taz.

Am Mittwoch veröffentlichte das Unternehmen mit 164.300 Wohn- und Gewerbeeinheiten hierzulande als letzte der großen Wohnungsgesellschaften seine Zahlen für das erste Quartal. Überall sieht das Bild gleich aus: „Keine materiellen Auswirkungen auf das Geschäftsmodell durch die Corona-Pandemie“, schrieb etwa Vonovia vergangene Woche, die zweitgrößte private Gesellschaft in Deutschland. Die LEG als drittgrößte sah am Montag ihre Zahlen für 2020 ebenfalls nicht tangiert. Die Entwicklung durch Corona sei zwar schwer abzuschätzen. „Grundsätzlich sind die zu erwartenden negativen Auswirkungen jedoch, insbesondere im Vergleich zu anderen Branchen, als eher gering einzuschätzen“, schrieb das Unternehmen.

Auch der Rest der Branche ist noch optimistisch. Der Bundesverband der Freien Immobilien- und Wohnungsunternehmen vertritt den Mittelstand und sagt in Person des Bundesgeschäftsführers Christian Bruch der taz: Im Wesentlichen laufe es bisher ähnlich wie bei den Großen. „Wir sehen aber auch sehr deutlich, dass sich das angesichts der Zahl der Kurzarbeitsanträge schnell ändern kann“, ergänzt er. Der Verband Haus und Grund vertritt die Kleinvermieter und hat Anfang Mai bei den Mieter*innen seiner Mitglieder nachgefragt: Nur 6,5 Prozent gaben an, wegen der Krise ihre Miete nicht mehr zahlen zu können – ein normaler Wert.

Der Bundestag hat ein Gesetz erlassen, nach dem Mieter*in­nen, die wegen der Krise bis Ende Juni ihre Miete nicht zahlen können, das bis Juni 2022 in Raten abstottern können – und wegen Mietschulden nicht gekündigt werden dürfen. Doch fragt man bei Verbänden und Mietvereinen an, ist die Regelung bisher offenbar kaum in Anspruch genommen worden. Ob der Bund sie per Rechtsverordnung verlängert, ist unklar.

Zahlungsprobleme steigen „immens“

Der Grund für die ausnahmsweise mal positiven Wirtschaftsnews ist simpel: Noch haben die Mieter*innen Rücklagen, viele sind gerade mal einen Monat in Kurzarbeit, der Arbeitsmarkt ist noch relativ stabil. Aber das könnte sich bald ändern. Der Deutsche Mieterbund sagt, dass im April noch wenige Mitglieder von Zahlungsschwierigkeiten berichteten. Aber das ändere sich gerade. „Wir gehen davon aus, dass der Beratungsbedarf wegen Zahlungsproblemen aufgrund der Corona-Pandemie in den nächsten Wochen immens steigen wird“, schreibt eine Sprecherin. Vor allem Ballungszentren mit hohen Mieten könne es schnell treffen. Dort also, wo viele Haushalte bereits 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen ausgeben und kaum Spielräume haben.

Bei Gewerbeimmobilien ist die Lage bereits jetzt dramatisch: Im Schnitt können 20 Prozent der Mieter*innen nicht mehr zahlen, oft kleine Läden, die keine Reserven haben. Die großen Vermieter geben an, sie würden ihren Mieter*innen in der Krise entgegenkommen. Die Deutsche Wohnen etwa hat die Dividende je Aktie für 2019 um 10 Prozent gekürzt. Damit erhalten die Aktionäre 30 Millionen Euro weniger Ausschüttung, was das Unternehmen als „umfassenden Hilfsfonds“ bezeichnet. Der soll von Corona betroffenen Gewerbe- und Wohnungsmietern zugutekommen.

Gleichzeitig hat das Unternehmen allein im ersten Quartal 2020 rund 140 Millionen Euro Gewinn gemacht. Und zwar obwohl die meisten seiner Objekte in Berlin stehen – wo seit Februar ein Mieten­deckel gilt.

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