Deutsche Olympiabewerbung: Olympia wird für Kiel ein Selbstläufer
Ziemlich günstig soll es werden, falls in Kiel wieder Olympia stattfindet, sagt die Politik. Im April stimmt die Bevölkerung über eine Bewerbung ab.
Vier deutsche Städte oder Regionen bewerben sich für die Austragung der Olympischen Spiele. Bei drei Varianten könnte Kiel als Ort für die Wassersportevents mit dabei sein. Politik und Wirtschaft sind deshalb schon, ganz olympisch, „Feuer und Flamme“. Eine gleichnamige GmbH, gegründet von der Kieler Handelskammer und dem Yachtclub, und eine Werbekampagne der Stadt sollen gute Stimmung für den Bürger:innen-Entscheid machen. Am 19. April kann Kiel „Jo“ oder „Nee“ zu Olympia sagen.
„Toll“ lautete das meistgebrauchte Wort des Kieler Noch-Oberbürgermeisters Ulf Kämpfer bei einer Pressekonferenz am Donnerstag zum Auftakt der Werbekampagne. Für den SPD-Politiker ist es bereits die dritte Olympiabewerbung: Kiel trat 2015 gemeinsam mit Hamburg an, die Bewerbung scheiterte am Nein der Hamburger Bevölkerung.
2021 dann entschied sich das Olympische Komitee gegen die Kombi aus der Region Rhein-Ruhr mit Kiel. Jetzt geht es um die Spiele 2036, 2040 oder 2044. Berlin, Hamburg, München und erneut Rhein-Ruhr gehen ins Rennen. Einzig Berlin setzt auf Warnemünde als Wassersportort, die übrigen Regionen tendieren zu Kiel, Hamburg hat sich bereits zu Schleswig-Holstein bekannt.
„Diesmal habe ich ein gutes Gefühl“, sagte Kämpfer. Für ihn wäre es ein Abschiedserfolg: Im April übernimmt sein Nachfolger Samet Yilmaz (Grüne) den Chefposten im Rathaus, Kämpfer konzentriert sich dann als SPD-Spitzenkandidat auf die Landtagswahl 2027.
1936, 1972 – und nun 2036?
Bereits zweimal war Kiel schon olympischer Austragungsort, in ganz besonderen Jahren: 1936 feierte der NS-Staat sich auf der Weltbühne selbst, 1972 starben 17 Menschen beim Terroranschlag auf das israelische Team in München. Aus Kieler Sicht waren die Spiele aber ein voller Erfolg: „,Do it like Kiel' ist seit 1972 ein geflügeltes Wort in der Seglerszene“, sagte Dirk Ramhorst, Regattachef der Kieler Woche und Olympia-Befürworter.
Für die aktuelle Bewerbung sieht er viele „gute Argumente“, vor allem eines: „Sportlich zeigen wir jedes Jahr, dass wir es können.“ Denn die Kieler Woche gilt als eines der größten Segelevents der Welt, es treten in verschiedenen Wettbewerben rund 4.500 Segler:innen an, berichtete Ramhorst. Bei Olympia ist die Zahl auf 380 Teilnehmende begrenzt.
Der Landtag hat sich schon einstimmig für die Bewerbung entschieden: „Wir alle wollen Olympia nach Kiel holen“, sagte Innenministerin Magdalena Finke (CDU) bei der Pressekonferenz. Wichtig sei, dass sich „die Spiele dem Gastgeber anpassen, nicht der Gastgeber den Spielen“. Schleswig-Holsteins „Bodenständigkeit“ solle zum Ausdruck kommen, Neubauten solle es nur geben, wenn sie hinterher weitergenutzt werden.
Unter anderem solle das Olympische Dorf nach einem Umbau zu sozialem Wohnraum werden, den die Stadt ohnehin brauche: „Es handelt sich um einen Sowieso-Invest, das wir gern unterstützten“, sagte Finke. Rund 35 Millionen Euro stehen für die Bauten im Raum. Die Summe ist aber unsicher: Würde Hamburg der Hauptaustragungsort, könnten weitere Sportarten ihre Wettbewerbe in Kiel abhalten – es bräuchte dann mehr Bauten.
Kosten seien „geradzu ein Schnapper“
Bereits geplant seien Investitionen in die sportliche Infrastruktur im Ortsteil Schilksee, da sie für die Kieler Woche gebraucht würden. Darunter sind Instandsetzungsarbeiten, die Kämpfer auf 10 bis 15 Millionen Euro bezifferte, und der Bau einer Bootshalle für weitere zehn Millionen. Fördermittel von Land und Bund seien bereits zugesagt, auch unabhängig von Olympia. Insgesamt würden sich die Kosten in Grenzen halten, der Effekt sei aber groß: „Das ist geradezu ein Schnapper“, fand Kämpfer.
Nicht nur Kiel, sondern auch das Umland könnten von den Spielen profitieren, betonten Knud Hansen, Präsident der Industrie- und Handelskammer, und Barbara Ostmeier, Präsidentin des Landessportvereins. Während die Wirtschaft auf den finanziellen „Booster“ setzt, sprach Ostmeier von der Werbung für den Sport und den Anschub für die kleinen Vereine, die Heimat der Talente von morgen seien.
Die Hauptsorge der Befürworter:innen der dritten Kieler Spiele: eine zu geringe Beteiligung an der Abstimmung, die unter dem Motto „Jo zu Olympia“ steht. Eine nennenswerte NOlympia-Bewegung gebe es in Kiel nicht, so Kämpfer. Tatsächlich ist die Stadt durch die jährliche Kieler Woche an Großereignisse gewöhnt. Dennoch gibt es Menschen, die Teilnahme Kiels an den Spielen kritisch sehen.
Dazu zählen im Stadtparlament die Abgeordneten von Linken und Der Partei. Linken-Politiker Björn Thoroe kritisiert die Investionen in Großereignisse und bezweifelt, dass sich das Olympische Dorf ohne große Kosten in bezahlbare Wohnungen verwandeln lässt. Bei einem taz-Salon am 10. März in Kiel tauschen sich Gegner:innen und Befürworter:innen der Bewerbung aus.
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