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taz Salon über Kieler Olympia-Bewerbung„Es braucht kein Großereignis, um Infrastruktur auszubauen“

Im April stimmt Kiel darüber ab, ob es sich an der deutschen Olympia-Bewerbung beteiligt. Björn Thoroe (Linke) schaut gern Olympia, aber ist dagegen.

Könnte wieder genutzt werden, müsste wohl aber auch erst saniert werden: Olympiahafen Kiel-Schilksee Foto: Markus Scholz
André Zuschlag

Interview von

André Zuschlag

taz: Herr Thoroe, in Kiel steht von Olympia 1972 eigentlich noch alles, was man für eine erneute Austragung benötigt – warum sind Sie trotzdem gegen eine Bewerbung?

Björn Thoroe: Die Annahme ist nicht ganz richtig: Die bestehende Infrastruktur von 1972 ist ja ziemlich in die Jahre gekommen, da wurde lange Zeit wenig gemacht. Ob es nun um die Vaasahalle und die Bootshalle geht oder um die Hafenanlage – viel Geld müsste in die Sanierung der bestehenden Infrastruktur fließen. Vor allem aber kommt hinzu: Man müsste dann in Kiel ein neues Olympisches Dorf bauen. Das kostet also weiteres Geld und es wird weitere Flächen versiegeln, weshalb auch Umweltverbände eine Olympia-Bewerbung kritisch sehen.

taz: Die Erinnerung an 1972 ist in Kiel heute noch sehr positiv geprägt, etwa was den Ausbau moderner Infrastruktur angeht …

Thoroe: … also auch was man damals für modern hielt: die Autobahn …

taz: … gut, aber heute wären die Prioritäten anders, die doch für einen neuerlichen Schub für die Kieler Infrastruktur sorgen könnten.

Thoroe: Wir müssen von dem Glauben wegkommen, dass es ein Großereignis braucht, um die Infrastruktur auszubauen. Investitionen braucht Kiel unbedingt, nur wenn wir das Geld für die Durchführung Olympischer Spiele ausgeben, fehlt es uns an anderer Stelle: in Schulen, im Breitensport, im bezahlbaren Wohnraum. Genau dorthin würde ja kein Geld fließen, falls Olympia wieder in Kiel stattfände.

Bild: Philipp Krüger
Im Interview: Björn Thoroe

41, sitzt für die Linke im Kieler Stadtrat und war von 2009 bis 2012 Landtagsabgeordneter.

taz: Im Olympischen Dorf gäbe es nach den Spielen neuen Wohnraum.

Thoroe: Mir fehlt die Fantasie, dass es sich dann um bezahlbaren Wohnraum handeln würde. Und auch im bestehenden Wohnraum würden ja die Mieten nochmals deutlich steigen, weil der Aufwertungsdruck dann voll durchschlägt.

taz: Immerhin: Vom Bund und vom Land würde Kiel sicher Unterstützung für die Olympischen Spiele bekommen.

Thoroe: Also erstens sind das auch Steuergelder. Und zweitens: Das ist ja noch nicht gesichert. Kein Mensch weiß bislang, wie viel am Ende an Kiel hängen bleiben würde. Wir reden insgesamt von einem dreistelligen Millionenbetrag, den die Spiele in Kiel kosten würden. Zum Vergleich: Das ist die Größenordnung des Eigenanteils der Stadt Kiel am Bau der ersten Stadtbahnlinie, und über die wird hier kontrovers diskutiert. Also wie hoch auch immer der Kieler Anteil davon sein würde – er würde an anderer Stelle fehlen.

taz Salon vor dem Olympia-Bürgerentscheid

„Höher, schneller, Kieler?“ – Dienstag, 10. 3., 19 Uhr, Hansa48, Kiel. Eintritt frei, Anmeldung über taz.de/salon.

taz: Wenn Kiel sich nicht bewirbt, findet es eben woanders statt. Damit wäre doch insgesamt wenig geholfen, oder?

Thoroe: Es gibt ja immer weniger Städte, die sich vorstellen können, eine Olympia-Bewerbung abzuschicken. Die vielen Vorgaben und Regeln des korrupten Internationalen Olympischen Komitees (IOC) machen eine Bewerbung immer unattraktiver; die Bevölkerung profitiert immer weniger von den Spielen, wenn man sich etwa die hohen Eintrittspreise ansieht. Da wäre es also nicht unbedeutend, wenn sich Kiel beim Bürgerentscheid am 19. April gegen Olympia aussprechen würde.

taz: Aber ob es nun um Kritik am IOC geht oder um die Umweltkosten solcher Großveranstaltungen, im Zweifel wird sich immer eine Diktatur finden, die mit Olympia das eigene Image aufpolieren wird.

Thoroe: Das Argument, dass wir uns bewerben sollten, damit Olympia nicht in einer reichen Diktatur stattfindet, überzeugt mich nicht. Da sollten wir uns dann doch eher darum bemühen, eine Großveranstaltung wie Olympia, das heute in erster Linie für finanzielle Gewinnmaximierung steht, zu ändern.

taz: Aber haben Sie die letzten Olympischen Spiele vor zwei Jahren in Paris schon auch mit Freude verfolgt?

Thoroe: Das ist eine gemeine Frage. Ich liebe Sport, habe mir das also auch gerne angesehen. Aber ich gehe auch gern zum THW Kiel oder zu den Holstein Women, das reicht mir grundsätzlich.

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