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Der Hype um den TaxitellerDas bockt halt

Einst war der Teller mit Gyros, Currywurst, Pommes und Tsatsiki ein beliebtes Imbissessen für Taxifahrer im Ruhrpott. Jetzt geht er viral. Wieso?

Mit Zwiebeln und Tzatziki bitte! Foto: Christoph Reichwein/dpa/picture alliance

In der Styroporbox, die vorn auf der Imbisstheke liegt, badet schon ein Klecks Tsatsiki, als erster Teil des bestellten Taxitellers. Von den drei kreisenden Gyros-Spießen, hinten im Raum, schabt ein schweißglänzender Mann Fleischlappen. Dann zangt er eine Rostbratwurst vom Grill und schiebt sie durch eine Zerteilmaschine. In der Box platziert, lässt er eine Kelle dampfender Currysoße auf den Wurststücken zerlaufen und rappelt eine Portion Pommes dazu. Das Behältnis schiebt er die Theke entlang, zu einer Kollegin, die einen großen Schluck Mayo auf die Mischung kleckst; ein paar feingeschnittene Zwiebeln drapiert sie noch obendrauf, dann ist die Box voll und der Taxiteller fertig.

„Dreimal für Patrick“, ruft sie.

„Jo, hier“, antwortet Patrick.

Der Taxiteller erlebt einen Hype. In den sozialen Netzwerken feiern Meme-Seiten und Influencer den Ruhrpott-Klassiker, in den nach Fett riechenden Imbissen steht das Gericht auf immer mehr Speisekarten. Zuletzt erweiterte sogar ein Lokal in Zürich sein Angebot um den Taxiteller. Genau wie vor ein paar Wochen der Fleischermeister Grill in Porta Westfalica.

Wenn der Bürgermeister kommt

In Porta Westfalica – dem Tor Westfalens, an der Grenze von Nordrhein-Westfalen zu Niedersachsen – ist der Fleischermeister Grill eine Institution. Hier gibt es Ćevapčići, Pita, Pommes und neuerdings eben auch Taxiteller.

Es ist Montagmittag, der Himmel blau, die Luft klar, und im seichten Wind baumelt am unterstelzten Imbiss-Vordach ein Ankündigungsplakat: Der Bürgermeister und der Internationale Außenminister vom Ruhrpott kommen heute zu Besuch.

Der Bürgermeister heißt Ryko. Er ist Comedian und das Gesicht des Taxiteller-Hypes. Die Haare trägt Ryko vorne kurz und hinten lang, dazu eine blauglasige Brille und ein Feinrippunterhemd, darüber eine Trainingsjacke.

Der Internationale Außenminister heißt Jan Schlappen, ist Parkour-Athlet und trägt ebenfalls Vokuhila, dazu an diesem Tag ein Sportshirt mit Currywurst-Aufdruck. Den beiden Ruhrpott-Botschaftern folgen auf Instagram zusammen rund 600.000 Menschen.

Seit einigen Monaten zeigen die beiden ihren Followern, wie sie Taxiteller essen und bewerten. Nun sind sie zum Testessen nach Porta Westfalica gekommen – und damit so weit wie nie über den Taxiteller-Äquator, also die Grenzen des Ruhrgebiets, hinaus.

Das Testessen

Der Hype um den Taxiteller, das aufwändige Testessen: „Grundsätzlich ist das im Kern ja total bescheuert“, sagt Ryko, als er und Schlappen den Imbissinhaber begrüßen. „Aber das bockt halt.“

Mit dieser Einstellung ist er offensichtlich nicht allein, rund 100 Menschen sind für das Testessen zum Fleischermeister Grill gekommen. Altersdurchmischt besetzen sie die eigens für das Event aufgestellten Bierzeltgarnituren und essen Taxiteller, trinken meistens Cola dazu, manchmal Bier. Es ist immerhin ein Wochentag.

Drei Jungs lehnen kauend um einen Stehtisch. Zwei Monate haben sie gesucht, erzählen sie, sich extra freigenommen und jetzt ist er vor ihnen: ihr erster Taxiteller.

„Nicht schlecht“, urteilt der Kleinste nach den ersten Bissen.

„Ahnt ihr die Zwiebeln?“, fragt der Mittelgroße, was der Kleine bejaht und der Große verneint.

„Aber ich habe bisher auch nur Pommes gegessen“, sagt der Große.

Darauf der Mittelgroße: „Die Zwiebel liegt ein bisschen im Weg im Maul, finde ich.“

„Erhebliches Wachstumspotenzial“

Der Lieferdienst Lieferando hat in Nordrhein-Westfalen, der Hochburg des Taxitellers, von 2024 auf 2025 einen 200-prozentigen Anstieg an Bestellungen verzeichnet. Den zweitdeutlichsten Anstieg misst er in Niedersachsen, mit 167 Prozent. Außerdem sieht Lieferando ein „erhebliches Wachstumspotenzial“ für den Taxiteller, wegen seiner Variabilität. Es gibt ihn klassisch mit Gyros und Currywurst, aber auch mit Schaschlik, Schnitzel oder immer häufiger vegetarischen und veganen Zutaten.

„Ich hab nich gefrühstückt extra“, sagt Ryko, als der Imbisschef zwei volle Teller vor den Comedian und den Parkour-Athleten stellt. „Dat sieht auch einfach schön aus“, ergänzt Schlappen. „Könnteste auffe Fashionweek schicken.“

14:08 Uhr, der erste Biss. Fachkundig gabeln sie ein Stück Wurst auf, dann Gyros, obendrauf Pommes und Zwiebeln, ehe die Mischung einen großzügigen Wisch durch die Soßenvielfalt später in ihren Mündern landet. „Porta, ihr könnt es!“, ruft Schlappen, kaum hat er runtergeschluckt. Beim Thekenteam bricht Jubel aus.

Um 14:25 Uhr haben Ryko und Schlappen aufgegessen. Zur Punktevergabe treten sie vor die Imbiss-Tür. Beide geben neun von zehn Punkten – Luft nach oben ist ja immer.

Keine Feier des toten Tieres

Es bleibt die Frage: Wieso ist ausgerechnet ein Teller voll Fleisch und Kalorien in einer Zeit zunehmend vegan-vegetarischer Angebote und Longevity-Ratgebern im Trend?

Eine Feier toten Tiers ist es wohl nicht, denn auch Videos veganer Rezepte des Taxitellers drehen in den sozialen Netzen weite Kreise.

Ryko hat drei andere Ideen. Erstens, dass es eine Rückbesinnung auf die gute alte Imbisskultur ist, auf einfache Gerichte, keine Bowls mit zig Topping-Entscheidungen. Der Taxiteller: ein simples „Ja“. Zweitens sieht er auch sich selbst als Beschleuniger, als Influencer, der seinen Followern etwas zeigt, was diese nachmachen. Und drittens ist der Teller witzig.

Der Legende nach ist der Taxiteller das Produkt einer Notlage. Einst sei ein Taxifahrer kurz vor Ladenschluss in einen Imbiss getreten, um einen anständigen Gyrosteller zu verspeisen. Weil der Gyrosspieß aber schon fast niedergeschabt war, musste der Imbissbetreiber improvisieren – und legte eine Portion Currywurst dazu.

Ryko kennt das Gericht seit seiner Kindheit. Zum einen sei es „der Himmel auf Erden“ und nicht weniger als ein „kulinarisches Wunder“, zum anderen ein „Wegbegleiter“, den es nach dem Fußballtraining als Belohnung gab. Für die Leute aus seiner Gegend sei der Taxiteller ohnehin eine „natürliche Sache“.

Auch an anderen Orten, wie zum Beispiel in Porta Westfalica, könnte der Taxiteller bald zur natürlichen Sache werden, vermutet Ryko, und der Hype damit enden. „So ein, zwei Monate gebe ich dem aber noch.“ Um einen veganen Taxiteller zu probieren, sollte die Zeit noch reichen – das hat Ryko nämlich auch bald vor.

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2 Kommentare

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  • Von Fast Food erwarten die meisten Menschen in der Regel nicht, dass es gesund ist und vegan ernährt sich auch kaum jemand, also spricht die Ernährungsweise des Großteils der Bevölkerung doch absolut nicht gegen den Taxiteller als Trend

  • Ich glaub es ist eine Art "Anti Trend" was dahinter steckt. Das ist das Gegenteil von Gesund und Nachhaltig und genau deshalb stehen die Leute darauf. Ein kleiner Mittelfinger dem Zeitgeist gegenüber.



    Als möchtergern Rebell mit zu viel Schiss wirklich zu rebelieren, verstehe ich das voll.

    Ich glaub so einer dieser absichtlich ungesunden Imbisse wie im Ausland, wo sie z.b. Bounty Riegel als Nachtisch frittieren, könnte zur Zeit auch sehr gut ankommen.