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Ausstellung Istanbul-Bild in DruckgrafikDer Turban im Spiegel der Stereotype

Fantasie fürs Unsichtbare: Die Ausstellung „Bosporus Beats“ im Berliner Kupferstichkabinett zeigt künstlerische Blicke auf Istanbul von 1500 und bis 1800.

Die Kuppeln Istanbuls und auf den Häuptern: Melchior Lorck, „Sultan Süleyman I.“, um 1574, Holzschnitt (Ausschnitt) Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz

Rembrandt van Rijn porträtierte 1631 eine Frau mit „orientalischer Haarpracht“ in einer Radierung. Welches Bild kommt einem da in den Sinn? Der Alte Meister Rembrandt legte seinen Figuren häufig orientalisch anmutende Gewänder und Schmuck an, deren filigrane Ornamentik er derart zwischen Licht und Schatten in der Andeutung beließ, dass sich ihre Pracht vielmehr erst in der Fantasie der Be­trach­te­r:in­nen aufbaut.

Rembrandt habe, so heißt es in einem Wandtext zu diesem Bild in der Ausstellung Bosporus Beats im Berliner Kupferstichkabinett, mit seinen „orientalisch wirkenden Figuren sein Wissen um andere Kulturen und seine Weltgewandtheit zum Ausdruck gebracht“. Das war ein bißchen sein Job damals im Amsterdam des Goldenen Zeitalters. Zu seinen Kunden zählten auch die schwerreichen Kaufmänner der Ostindien-Kompanie, die aus Asien Waren und Kunsthandwerk nach Europa brachten. Schillernd flossen ihre „orientalischen Motive“ in Rembrandts Bilder ein, zwischen Dokumentation und Faszination, Exotisierung und Fantasie.

Von eben jenem Schillern der Bilder handelt auch die Ausstellung im Kupferstichkabinett. Sie zeigt Druckgrafiken, die künstlerische Blicke von 1500 bis 1800 auf Istanbul und das Osmanische Reich versammeln. Was vermittelten Künstler von Albrecht Dürer bis zum Berliner Daniel Nicolaus Chodowiecki von diesem muslimisch geprägten Vielvölkerstaat, der seit der Eroberung Konstantinopels 1453 durch Sultan Mehmed II. und der Ersten Wiener Osmanenbelagerung 1529 durch Sultan Süleyman I. sehr nah an Europa herangerückt war?

Die Ausstellung

„Bosporus Beats. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800“. Kupferstichkabinett Berlin, bis 31. Mai

Eines lässt sich schnell feststellen: Die Künstler waren fasziniert von osmanischen Kopfbedeckungen. Helme, Turbane, Hauben in prächtigen Formationen tauchen hier auf. Die spitzen Kappen mit Schleppe der Janitscharen – ein Gerücht will, dass die Leibwachen des Sultans sie für den perfekten Sitz mit Holzspänen füllten – studierte der an den Bosporus Gesandte Pieter Coecke van Aelst in einem siebenteiligen Fries um 1550 besonders.

Chodowieckis Chauvinismus

Chodowiecki wiederum legte manch Herren einer osmanischen Gesandtschaft in Berlin den Turban als schlappen Lappen auf das Haupt, das Gesicht mit Hakennase karikiert. Liest man bei van Aelsts vielleicht noch Respekt heraus, herrscht bei Chodowiecki 1764 eher Chauvinismus.

Eine von vielen prächtigen Kopfbedeckungen in der Schau: Antonio del Pollaiuolo (zugeschrieben), „Der Großtürke Mehmed II“, um 1470/75 Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett/Jörg P. Anders

Geradezu fantastisch ist ein Helm für Süleyman I.: eine Papst-Krone, aus der Edelsteine sprießen, dazu ein Stirnpanzer mit metallenen Spitzen. Das wundersame Produkt aus christlichem Ornat, orientaler Ornamentik und Kriegsgerät sollte Süleyman auch als Kalif, als muslimisches Oberhaupt darstellen. Der anonyme Künstler fertigte den Holzschnitt zwischen 1540 und 1550 als vielfach reproduzierbares Werbebild an. Den Helm hat es wohl wirklich gegeben, venezianische Kunsthandwerker wollten ihn an die Osmanen verkaufen, offenbar erfolglos.

Und dann gibt es noch die perlenbesetzten Kappen der Frauen auf den Porträts Melchior Lorcks. Der Grafiker, der von 1555 bis 1559 am Bosporus lebte und auf kräftigen Holzschnitten das Istanbul Süleymans I. dokumentierte (schiebt sich da nicht mal die große Moschee des Architekten Sinan ins Bild?) schmückt damit die Gattinnen des Sultans. Gesehen hat er die Frauen aus dem Harem vermutlich nie, seine Darstellungen entstammen der Fantasie. In der Form erinnern sie aber an klassische mitteleuropäische Renaissanceporträts.

Manch exotisierte Vorstellung vom Fremden vermengt sich hier mit dem Bekannten. Und das hat einen erhellenden Effekt in dieser konzentrierten Ausstellung: Immer wieder befragt man sich, was auf den Bildern Fantasie, Stereotyp oder Dokument ist. Rembrandts eingangs erwähntes Frauenbildnis übrigens zeigt seine Mutter als alte Dame mit weichen, breiten Gesichtszügen. Hätte man etwas anderes erwartet?

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