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Atlético Madrid in der Champions LeagueDer Sohn ohne Namen

Der kampfstarke Giuliano ist aus dem Team von Atlético Madrid nicht wegzudenken. Sein Vater und Trainer Diego Simeone hat es ihm nicht leicht gemacht.

„Eine Plage für den Gegner“: Auch Trainer-Sprössling Giuliano Simeone hat sich reichlich Respekt verschafft Foto: Juan Barbosa/reuters

Vor dem Stadion von Atlético Madrid gibt es einen Walk of Fame. Für alle Spieler mit mehr als 100 Einsätzen ist dort eine Gedenktafel in den Boden eingelassen. Zu den Geehrten gehört etwa der heutige Trainer, Diego Pablo Simeone, der einst schon für den Klub kickte. Seit dem letzten Wochenende hat nun auch sein Sohn einen Stein, Giuliano. Und damit war an sich wirklich nicht zu rechnen.

Denn wenn es nach dem Vater gegangen wäre, dann hätte der Jüngste seiner drei fußballspielenden Söhne gar nie bei Atlético angefangen. So erzählt er es jedenfalls selbst, und so verbreiten sie es auch im Verein. Danach hatte Diego, seit 2011 im Amt, nichts damit zu tun, dass Giuliano der Klubakademie beitrat. Gratis natürlich, und ohne Vitamin B. Simeone senior hat schließlich eine ganze Trainerkarriere auf dem Ruf aufgebaut, unbestechlich nach Meritokratie zu verfahren. Wenn Atlético am Mittwochabend im Champions-League-Halbfinale auf Arsenal trifft, dann gibt es allseits wenig Zweifel, dass sich Giuliano, 23, seinen Platz auf Rechtsaußen verdient hat. Er ist inzwischen auch argentinischer Nationalspieler mit elf Einsätzen. Und so hat sich auch bei seinem Vater die Paranoia gelegt, die ihn noch bei den ersten Einsätzen des Sohnes verfolgte. „Er hat keinen Namen“, proklamierte Diego da, wie um sich selbst zu überzeugen: „Ein Fußballer wie jeder andere.“

Beobachter von außen hatten mit der Familienbande von Beginn an weniger Probleme. Zu offensichtlich war, wie gut die Energie des Youngsters einer Mannschaft tat, die im Herbst 2024 in die schwerste Lähmung der Ära Simeone verfallen war. Es regten sich damals sogar Kritiker, die infrage stellten, ob nicht selbst die messianische Überfigur des zweiten Madrider Großklubs mal ausgedient habe. Auftritt Giuliano, zunächst als Ersatzspieler, und plötzlich gewann Atlético im Schlussspurt wieder enge Partien. Beförderung Giuliano in die Stammelf, und auf einmal war da ein Klubrekord mit 15 Siegen am Stück und dem ersten Erfolg des Vaters beim FC Barcelona.

Giuliano ist schnell und explosiv, kampfstark und einsatzfreudig, ein prädestinierter Publikumsliebling. Mit manchen Attributen erinnert er fast an – seinen Vater, der allerdings im zentralen Mittelfeld spielte. „Wir ähneln uns sehr in der Intensität“, sagt der Junior über sich und seinen notorisch fußballverrückten Senior. „Der haut richtig rein“, sagte Alavés-Trainer Luis García Plaza über Giuliano: „Der kann 90 Minuten rennen, ohne stehenzubleiben, der ist eine Plage für den Gegner.“

Erzählungen der Strenge

Zu Abstiegskandidat Alavés war Giuliano in der Saison 2023/24 ausgeliehen worden, wie vorher schon zum Zweitligisten Saragossa. Mit starken Leistungen dort zwang er seinen Vater praktisch dazu, ihm einen Kaderplatz zu geben. Giuliano ist das Gegenteil eines verzogenen Sohnes, an dieser Erzählung stricken beide Simeones. „Ich darf nicht bei meinem Vater leben“, erzählte der Junior kürzlich. „Als ich volljährig wurde, sagte er mir: ‚So du bist jetzt 18, verlass’ mein Haus und werd’ ein Mann.‘“

Natürlich gibt es auch andere Momente in der Fußballerfamilie Simeone, die das kickende Weltgeschehen in einer gemeinsamen Whatsapp-Gruppe kommentiert. Der älteste Sohn Giovanni, 30, stürmt für Torino in Italien, der mittlere Gianluca, 27, hat eine Profikarriere in unteren Ligen mittlerweile beendet und arbeitet als Spielerberater. Außerhalb des beruflichen Kontextes sei Diego ein liebender, lustiger Vater, so Giuliano – wenn er nicht schon morgens beim Frühstück manisch mit Besteck, Saftglas und ipad hantiere, um neue taktische Formationen zu entwerfen.

Giuliano wurde in Rom geboren, als Diego dort für Lazio kickte, und begann selbst in der Jugendabteilung von River Plate in Buenos Aires. Als der Vater an Weihnachten 2011 wieder nach Europa zu Atlético ging, weinten beide. Giuliano war neun Jahre alt, logischerweise wurde er zum Fan des Vereins, bei dem sein Vater arbeitete. Und schwor sich, alles dafür zu tun, um auch mal für diesen Klub zu spielen. Das tat er jetzt also schon hundertmal, allerdings nur mit seinem Vornamen auf dem Trikot. Bloß nicht den falschen Eindruck erwecken.

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