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Die Memoiren von Margaret AtwoodDer Report der Margaret A.

Die kanadische Bestseller-Autorin hat die Geschichte ihres Lebens geschrieben. In „Book of Lives“ blickt sie auf Bücher und Männer, Freundinnen und Feindinnen zurück.

Margaret Atwood in ihrer damaligen Wohnung am Hyde Park Gardens, 1983 Foto: John Player/TT/imago

Fast am Ende ihrer Lebenserinnerungen angelangt, schreibt Margaret Atwood: „Früher oder später beschließt der Körper, sich auf ein eigenes Abenteuer zu begeben, ganz gleich, was ich davon halte.“ Und dann fährt sie fort: „Doch bisher sind wir noch gemeinsam unterwegs.“

Das ist keine Kampfansage an den körperlichen Verfall, sondern eine ganz unsentimentale Einschätzung des Stands der Dinge. Atwood hat hautnah miterlebt, was das „eigene Abenteuer“ des Körpers bedeuten kann, seit ihr Mann, der 2019 verstorbene Schriftsteller und Ornithologe Graeme Gibson, an Demenz erkrankte. Die Autorin selbst aber ist mittlerweile 86 Jahre alt und schreibend definitiv noch ganz mit ihrem charakteristischen Schwung unterwegs, wenn der Gestus dieses „Book of Lives“ als exemplarisch für den aktuellen Status quo gelten kann.

Eine Art „Schwellenwesen“ sei sie wohl, schreibt Atwood eingangs, zu Hause in vielen Welten. Dass zu diesen Welten auch kulturelle Praktiken gehören, die eher in den Bereich des Esoterischen oder gar Okkulten einzuordnen sind, ist ein häufig wiederkehrendes Sujet in ihren Memoiren. Dieses Nebenthema überrascht nur auf den ersten Blick, gibt es doch eine starke Unterströmung in Margaret Atwoods Schreiben, deren Energie sich auf die dunklen Flecken menschlicher Existenz richtet und auf unsichtbare Mächte oder Machtstrukturen, von denen Schicksale beeinflusst werden.

Tanzen gegen den Uhrzeigersinn

Dass es sich nicht nur um eine künstlerische Marotte handelt, zeigt sich darin, dass die Autorin bereits in dem Kapitel, das von ihrer Geburt handelt (das Buch beginnt allerdings deutlich früher), ausführlich ihr Geburtshoroskop erläutert. Im weiteren Verlauf der Memoiren finden die Sternzeichenkonstellationen ihr nahestehender Personen regelmäßig Erwähnung, außerdem erfahren wir, dass Atwood sowohl das Aus-der-Hand-Lesen als auch das Legen von Tarotkarten beherrscht, und dass sie „einige Exorzisten von der Sorte ‚Kristall und Räucherwerk‘“ engagierte, nachdem die Exfrau ihres Mannes Selbstmord begangen hatte und die Bekannte, die das Haus der Toten verkaufen sollte, es von einer beklemmenden Düsterkeit befallen fand.

Auch Atwood selbst nahm am Austreibungsritual teil: „Wir tanzten gegen den Uhrzeigersinn, läuteten kleine Glöckchen und legten Salbeizweige in die Küchenschubladen.“ Solche Dinge erzählt sie stets mit einem humoristisch unterfütterten Unterton der Uneigentlichkeit. Aber dass eine Person, die während einer jahrzehntelangen Schriftstellerinnenkarriere eine geradezu unerschöpfliche Fantasie bewiesen hat, in der Lage ist, sich Dinge als real vorzustellen, die andere für pure Einbildung halten, ist eigentlich nur folgerichtig.

Das Buch

Margaret Atwood: „Book of Lives – So etwas wie Memoiren“. Aus dem Englischen von Helmut Krausser und Beatrice Renauer. Berlin Verlag, Berlin 2025. 768 Seiten, 36 Euro

Auf der anderen Seite ist Margaret Atwood ebenso geprägt und inspiriert von der Welt der Wissenschaft – und von intensiven frühkindlichen Naturerfahrungen. Als Tochter eines Entomologen, der viel Feldforschung betrieb, verbrachte sie ihre Kindheit zu einem großen Teil in den kanadischen Wäldern. Der Vater pflegte die Holzhütten, in denen die Familie wohnte, eigenhändig zu bauen, und wenn er zu Forschungszwecken längere Zeit fort sein musste, wachte die unerschrockene Mutter in der Wildnis über die Kinder und vertrieb Bären im Alleingang. Erst als der Nachwuchs in die Schule musste (Atwood hat einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester), wurde der Lebensmittelpunkt der Familie in die Stadt verlegt.

Gewachsenes Selbstbewusstsein

1939 geboren, gehört Margaret Atwood gewissermaßen zur Gründergeneration der kanadischen Literaturszene. Als Flächenstaat riesig, an der Einwohnerzahl gemessen ein Zwerg, stand Kanada in politischer und kultureller Hinsicht lange im Schatten sowohl des britischen Königreichs (auch heute noch ist Charles III. offizielles Staatsoberhaupt des Landes) als auch der Vereinigten Staaten. Der literarische Kanon bestand aus britischen und US-amerikanischen Klassikern.

Erst in den Jahrzehnten, die auf den Zweiten Weltkrieg folgten, wuchs allmählich das Selbstbewusstsein kanadischer Au­to­r:in­nen und ihre öffentliche Wahrnehmung. Aber das geschah keineswegs von selbst. Noch 1961, schreibt Atwood, „wurden in Kanada genau fünf Romane von kanadischen Autoren geschrieben und von Verlagen mit Sitz in Kanada veröffentlicht“.

In den folgenden Jahren trug sie selbst ihren Teil zur verstärkten Anerkennung einheimischer Literatur bei, unter anderem als mitverantwortliche Herausgeberin in einem unabhängigen Verlag und als Autorin eines Überblickswerks über kanadische Literatur. Für diese Aufgabe war sie mit ihrer Doppelqualifikation als Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin geradezu prädestiniert.

Atwood hatte ihr Studium in Toronto begonnen, ging für den Masterabschluss nach Harvard und hatte später über viele Jahre hinweg immer wieder Lehraufträge an verschiedenen nordamerikanischen Universitäten. Denn obwohl sie bereits als junge Dichterin mit Preisen und öffentlicher Aufmerksamkeit für ihre Lyrik bedacht wurde, sollte es doch recht lange dauern, bis ihr schriftstellerischer Erfolg sich in ausreichend barer Münze auszahlte.

Ikone der Frauenbewegung

Ihre Bekanntheit immerhin nahm sehr spürbar zu, nachdem Atwood sich als Romanautorin etabliert hatte. Bereits mit ihrem ersten Roman „Die essbare Frau“, der 1969 erschien, wurde sie zu einer Art Ikone der sich gerade formierenden Frauenbewegung und ist es im Grunde seither geblieben – ein Umstand, den sie in ihrer Autobiografie eher ein wenig unterbetont behandelt. Denn schließlich gibt es viele Quellen, aus denen sich ihr gesellschaftskritischer, kreativer Geist speist.

Nicht zufällig schrieb sie „Der Report der Magd“ während jener Zeit, als sie in den achtziger Jahren in West-Berlin wohnte und von dort Ausflüge ins sozialistische Ausland unternahm. Der im Roman entworfene totalitäre Gottesstaat Gilead war zu einem großen Teil von diesen als beklemmend erlebten Schnupperbesuchen in der DDR und der Tschechoslowakei inspiriert. Dazu kam die aus den USA mitgebrachte Erfahrung einer im Kern radikal puritanisch geprägten, illiberalen Vorstellung von Geschlechterrollen.

Bereits bevor „Der Report der Magd“ zur Netflix-Serie und die roten Gewänder der „Mägde“ zu Insignien einer weltweiten Protestbewegung wurden, war dieser Roman mit Abstand Atwoods bekanntester und bekommt auch in den Memoiren viel Raum (über die Verfilmung durch Volker Schlöndorff schweigt sie sich allerdings aus).

Männer, die durch ihr Leben ziehen

Gleich dahinter, was die Ausführlichkeit der Darstellung angeht, folgt „Alias Grace“, worin Atwood einen historischen Kriminalfall aus dem Kanada des frühen 19. Jahrhunderts behandelt. Dieser Roman, der ebenfalls als hervorragende Serie verfilmt wurde, ist Anlass für erzähltheoretische und -praktische Überlegungen, die interessanten Einblick in die literarische Werkstatt und Denkweise der Autorin geben.

Von den fast 800 Seiten dieser Autobiografie fallen sonst aber verhältnismäßig wenige in den Themenbereich des „Making of“. Es gilt schließlich vom Leben zu erzählen. Allein die Riege an Männern, die – vor Graeme Gibson – durch das Leben der Autorin zogen, ist beachtlich. Nicht alle werden namentlich genannt, sicher jeweils nach Absprache mit den Gemeinten.

Insgesamt kommen allerdings deutlich mehr Frauen vor, darunter manche (diesmal namentlich genannte), deren Verhältnis zur Autorin nicht von freundschaftlichen Gefühlen geprägt war. Wer sich gut auskennt in der kanadischen Literaturszene, wird solche Gossip-Passagen sicher besonders zu würdigen wissen.

Passagenweise hat diese schwungvoll geschriebene, dabei sehr dickleibige Autobiografie durchaus Längen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als habe Atwood etwas zu ausgiebig Anlauf genommen für ihre Lebenserzählungen; denn das Buch wird nach hinten hin immer interessanter, während die Anfangskapitel sehr zur Detailverliebtheit neigen – allerdings ist es erstaunlich, wie viele Kindheitserinnerungen die Autorin sich bewahrt zu haben scheint.

Prägende Mobbingerfahrungen

Als enorm prägend für ihr Leben beschreibt sie Mobbing-Erfahrungen, die sie in der Grundschule machen musste, und kommt auf dieses Thema mehrfach zurück. Definitiv ist die Verfasserin dieser Memoiren eine Person, die Probleme nicht verdrängt, sondern sich ihnen pragmatisch stellt.

Für zwischenmenschliche Schieflagen in späteren Phasen ihres Lebens führt sie in den Erzähltext als Gesprächspartnerin eine „innere Ratgeberin“ ein, mit der sie einen fiktiven Therapiedialog führt. Diese innere Ratgeberin bringt sie ein ums andere Mal dazu, Kompromisse einzugehen und ihre Erwartungen an andere Menschen der Realität anzupassen.

Vielleicht wird diese vernünftige Einstellung ja auch durch ihre Überzeugung der Autorin gestützt, dass die Stellung der Himmelskörper bei der Geburt eines Menschen ohnehin bereits das meiste vorherbestimmt? Dass aus dem Atwoodschen Horoskop (Skorpion mit Aszendent Zwilling) von Anfang an eine derart fulminante literarische Weltkarriere herauszulesen gewesen wäre, behauptet sie allerdings an keiner Stelle. Und überhaupt sei sie als Skorpion „grundsätzlich skeptisch – auch gegenüber Horoskopen“.

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