Der Preis für Veränderung: Als koste die Gegenwart nichts

Im Wahlkampf wird ständig betont, wie teuer Veränderung sei, vor allem beim Klimaschutz. Aber im Leben kostet alles, auch gerade in diesem Moment.

Ein Flugzeug wirft eine rote Substanz vom Himmel

Nicht billig: Löscharbeiten nach Waldbränden im Bundesstaat Washington im Juli Foto: David Ryder/Reuters

Was das alles kostet. Wer das alles bezahlen soll. Teuer wird das, sehr, sehr teuer. Und das kann doch niemand wollen, oder? Dass das Leben noch mehr kostet als ohnehin schon. Der Wocheneinkauf. Der Sportverein. Die Kleidung. Die Klassenfahrt. Die Krise. Das Auto. Das Benzin. Die Medikamente. Der Urlaub. Die Versicherung. Der Kredit. Und der Umweltschutz, besonders der Umweltschutz. Es kostet.

In Deutschland spricht man nicht gern über Geld, außer, man kann es versprechen. Auf den letzten Wahlkampfmetern muss es um Entlastungen von Belastungen gehen, Umfragewerte runter, Versprechungen rauf. Jour­na­lis­t:in­nen fragen, wer das alles bezahlen soll und Regierende betonen, was Veränderung alles kostet, und dabei müssen sie so tun, als koste die Gegenwart gar nichts. Jetzt sind wir schließlich bei null, mindestens, und bei null ist man doch gern.

Null ist eingespielt, heimelig, mittig, gemütlich, unionig, grokoig, und ja, das Leben kostet, aber bei einem Leben auf null kommt da wieder was rein, wo woanders was weggenommen wurde, so gleicht sich alles aus und Ausgeglichenheit ist Stabilität und Stabilität ist Sicherheit und Sicherheit ist doch was Schönes, mit der null kriegen Sie Sicherheit gratis dazu, buy one, get one free. Veränderung hingegen, die kostet. Mehr Ausgaben als Einnahmen, rote Zahlen, rot wie der Kommunismus, rot wie Gefahr. Veränderung kriegen Sie nicht geschenkt. Dieser Klimaschutz, der kostet!

Das Leben geht nicht ohne Kosten. Eine Liste mit zwei Spalten, links die Einnahmen (wenige Zeilen), rechts die Ausgaben (mehr Zeilen). Zahlen sind lästig bis belastend bis beängstigend. Aber wer zahlt, ist eine wichtige Frage. Schon sehr lange. Manche Kosten lassen sich nicht in Ziffern übersetzen. Heben Sie Ihren kaputten Körper und ihre müde Seele nach 40 Jahren Arbeit ohne Wahlrecht hoch. Dann übersetzen Sie das in eine Zahl. Hier etwas quetschen, da etwas feilen, was nicht passt, wird passend gemacht.

Wählen Sie Ihr Zahlungsmittel

Im Folgenden finden Sie einige zu verrechnende Positionen: 1 Die obersten 10 Prozent der deutschen Bevölkerung besitzen 67 Prozent des Gesamtvermögens. 2 Die Überlastung des Gesundheitssystems. 3a Brennende Wälder. 3b Brennende Meere (wissen Sie noch, als neulich das Meer brannte?). 4 Die verpasste (ups) Entnazifizierung. 5 Die „Verzicht ist immer doof“-Lüge. 6 Die „We love status quo“-Politik. 7 Die „Nach uns die Sintflut“-Haltung. 8 Das Belächeln der Klimakrise. 9 Das Belächeln jugendlicher Wut. 10 Die Abwesenheit von Hoffnung.

Wie soll man das verrechnen? Was kostet das, wirklich? Und: Wer bezahlt das, womit? Nicht später, sondern schon gestern, vorgestern, jetzt. Wählen Sie Ihr Zahlungsmittel: bar oder mit Karte, Sofortüberweisung oder Ratenzahlung. Wählen Sie Ihre Währung: Euro oder Lebensjahre. Sammeln Sie Punkte? Unterm Strich wird das teuer, sehr. Das kann doch niemand wollen. Im Folgenden noch eine zu verrechnende Position: 1 Das gute Leben, für alle. Man kann fragen, was das kostet und wer bezahlen soll. Und: Was wäre das wert?

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Redakteurin der taz am wochenende. Schreibt alle 14 Tage die Kolumne poetical correctness für taz2.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de