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Die Organisatorin Burry Tunkara will das Weltsozialforum 2026 auf eine „neue Ebene heben“. Die Anliegen afrikanischer Bewegungen gehörten auf die globale Bühne
Foto: Globaler Zusammenschluss im Kampf um Land, Wasser und Saatgut – West Afrika
Interview Leila van Rinsum
taz: Frau Tunkara, vor 25 Jahren wurde das Weltsozialforum ins Leben gerufen, um antikapitalistische Stimmen zusammenzubringen und eine Plattform für Basisbewegungen zu bieten. Sie organisieren das Treffen in diesem Jahr – ist dieses Format 2026 noch relevant?
Burry Tunkara: Diesmal ist Afrika an der Reihe. Der Globale Zusammenschluss im Kampf um Land, Wasser und Saatgut – West Afrika richtet es in Benin aus. Wir sind eine soziale Bewegung, die Menschen vertritt – insbesondere Frauen, Jugendliche und benachteiligte Bäuer*innen –, um sicherzustellen, dass ihre Stimmen Gehör finden. Das Weltsozialforum ist eine große Chance, unsere Anliegen und Probleme auf die globale Bühne zu bringen.
taz: Was bedeutet das Weltsozialforum für Sie selbst?
Tunkara: Ich verfolge das Forum seit 2023. Als es 2024 in Nepal stattfand, war ich eine der Rednerinnen bei der Eröffnungszeremonie – und die einzige Afrikanerin. Auch unter den Teilnehmenden konnte ich die anwesenden Afrikaner*innen zählen. Um afrikanischen Basisorganisationen und sozialen Bewegungen voll und ganz gerecht zu werden, begannen wir beim globalen Zusammenschluss daher, uns dafür einzusetzen, dass das Weltsozialforum in Afrika stattfindet, um unsere Erfahrungen und die Herausforderungen gleichberechtigt mit der Welt zu teilen.
taz: In der Vergangenheit haben einige Bewegungen, Aktivist*innen und Intellektuelle kritisiert, das Weltsozialforum sei von NGOs übernommen worden und richte sich nach einer kapitalistischen Agenda.
Tunkara: Wenn das Forum zerstört wird und es keine Alternative gibt, dann ist es den Kritikern gelungen, einen Raum zu zerstören, in dem schutzbedürftige Menschen sich treffen und über ihre Probleme sprechen konnten. Als afrikanische Organisatoren des Weltsozialforums sehen wir eine Chance, es auf eine neue Ebene zu heben. Wir sagen: Das Weltsozialforum 2026 wird das sein, das wir vor 25 Jahren kannten. Wenn uns gesagt wird, die Ideologie müsse geändert werden, um Kapitalismus oder Imperialismus zu fördern, sagen wir Nein.
taz: Worum geht es beim diesjährigen Forum?
Tunkara: Es liegt an uns allen, standhaft zu bleiben und es als Raum für Dialog, für das Zuhören, für soziale Entwicklung, für Zusammenarbeit und den Aufbau von Bündnissen für eine Zukunft mit einer gerechten und gleichberechtigten Gesellschaft zu bewahren. Wir haben auch mit afrikanischen Organisationen und Bewegungen gesprochen, die das Forum zuvor boykottiert hatten, um sie dieses Jahr wieder mit ins Boot zu holen – wie zum Beispiel La Via Campesina, die Stimme der Kleinbauern weltweit.
taz: Wie stellen Sie sicher, dass schutzbedürftige oder direkt betroffene Menschen Zugang zu diesem Raum haben?
Tunkara: Das ist eine sehr wichtige Frage, denn meistens werden Landrechte in einem behaglichen Rahmen diskutiert, ohne dass die Menschen vor Ort dabei sind. Der Globale Zusammenschluss verfolgt einen anderen Ansatz: Wir beziehen Menschen ein, deren Stimmen unterdrückt und deren Aktivismus kriminalisiert wurden. Wir haben zehn Jahre Erfahrung darin, sie auf die globale Bühne zu bringen und vor Ort Bewusstsein zu schaffen.
taz: Wie schaffen Sie Bewusstsein?
Tunkara: Im Juli haben wir drei Karawanen aus Bussen organisiert: Eine kommt aus Zentralafrika, die beiden anderen aus Westafrika. Sie ziehen durch mehrere Länder und enden schließlich beim Weltsozialforum in Cotonou. Unterwegs halten wir in Gemeinden, um mit den Menschen über ihre Rechte zu sprechen, aber auch, um ihnen zuzuhören. Wir haben lokale Regierungen, Stammesführer und Gemeindevorsteher zum Dialog eingeladen. Nicht jede Frau, Jugendgruppe oder Organisation hat die Möglichkeit, an einer weit entfernten Veranstaltung teilzunehmen, doch mit den Karawanen bringen wir die 17. Ausgabe des Weltsozialforums zu ihnen.
taz: Wie arbeitet der Globale Zusammenschluss, wenn nicht gerade das Weltsozialforum stattfindet?
Tunkara: Wir konzentrieren uns auf den Kampf der Bäuer*innen und Gemeinden um Land, Saatgut und Wasser. Wir vereinen mehr als 300 Organisationen, die sich für soziale und wirtschaftliche Rechte einsetzen und dafür, wie wir die Klimakrise am besten abmildern können, indem wir die lokale Widerstandsfähigkeit stärken. Zu diesem Zweck ist es unser Hauptziel, Einfluss auf die Politik zu nehmen, insbesondere in Bezug auf Landfragen. Wir sensibilisieren die Öffentlichkeit, indem wir Karawanen organisieren.
taz: Wie können Sie Einfluss auf die Politik nehmen?
Tunkara: In Benin gab es zum Beispiel einen großen Landraub. Wir kamen mit unserer Karawane und konnten den Gouverneur und die lokalen Ortsvorsteher einbeziehen, sodass das Land von den Kapitalisten wieder an die Gemeinschaft zurückübertragen wurde. Die Karawanen haben auch viele benachteiligte Gruppen dabei unterstützt, sich rechtlich zu organisieren. Zum Beispiel haben wir Frauen aus 15 westafrikanischen Ländern zusammengebracht, die im informellen Sektor arbeiten, um Erfahrungen und Wissen auszutauschen. Wir haben eine Plattform aufgebaut, auf der wir uns vernetzen und gegenseitig unterstützen.
Vom 4.-8. August findet in Cotonou, Benin, das 17. Weltsozialforum statt. Es kehrt damit nach mehr als 10 Jahren wieder nach Afrika zurück. Die Organisator*innen erwarten 50.000 Teilnehmende, vor allem aus sozialen Bewegungen, NGOs und Gewerkschaften.
Beginnend mit Dekolonisierung und Souveränität, gibt es 15 Themenfelder. Dazu gehören Klima- und Geschlechtergerechtigkeit, Bildung, Gesundheit oder der Kampf gegen die kapitalistische Globalisierung.
Im Januar 2001 organisierten Aktivist*innen das erste Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre als Gegenevent zum Weltwirtschaftsforum von Davos. Unter dem Motto „Eine andere Welt ist möglich“ diskutierten Teilnehmende über Alternativen zu Kapitalismus und Imperialismus.
taz: Was genau fordern Sie?
Tunkara: Afrika wird als Rohstoffquelle betrachtet. Und Regierungen sind in einer Situation gefangen, in der sie jede wirtschaftliche Gelegenheit annehmen, auch wenn sie nicht nachhaltig ist. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Wir übernehmen internationale Strategien, die uns Kraft und unserer Würde berauben. Was für euch im Globalen Norden nach Entwicklung klingt, klingt in Afrika nach einem Problem. Die Deutschen setzen auf Industrialisierung, wir hingegen auf Landwirtschaft und Ernährungssouveränität. Wir wollen Selbstbestimmung über unsere Politik, über unser Land. Wir wollen Respekt und Souveränität für unsere Gemeinschaften und Nationen.
taz: Wie sehen Sie die Agenda der Vereinten Nationen für globale nachhaltige Entwicklung? Und wie verhält sich das Weltsozialforum dazu?
Tunkara: Wenn die Uno den Begriff Entwicklung verwendet, bedeutet das nicht, dass wir – unsere Gemeinschaften, unsere sozialen Bewegungen – Teil dieser Agenda sind. Wenn wir als afrikanische Gemeinschaften, als Frauen von Entwicklung sprechen, meinen wir damit die Förderung der Souveränität über unser Land und unsere Nationen. Das Weltsozialforum stellt, wie der Name schon sagt, soziale Bewegungen aus aller Welt in den Mittelpunkt, sei es in Afrika, Asien oder Europa. Wir sind der Meinung, dass das Weltsozialforum für uns der bessere Ort ist, um unsere Anliegen zu äußern.
taz: Findet dieser Ansatz bei afrikanischen Führungskräften Anklang? Gibt es einen Wandel, eine Abkehr vom autoritären Systemen?
Tunkara: Regierungsmodelle werden oft durch eine eng gefasste Brille betrachtet, die die unmittelbaren materiellen Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung außer Acht lässt. Die internationale Berichterstattung konzentriert sich häufig ausschließlich auf politische Instabilität und übersieht dabei bedeutende strukturelle Veränderungen vor Ort.
Foto: privat
Burry Tunkara ist Menschenrechtsaktivistin aus Gambia. Sie ist Mitglied des „Global Convergence on the Struggle for Land, Water, and Peasant Seeds of West Africa“ und in dieser Funktion Organisatorin des 17. Weltsozialforums in Cotonou, Benin. Sie ist außerdem Vorsitzende von ADDAD Gambia, einer Organisation für die Arbeitsrechte und den Schutz von Hausangestellten.
taz: Wo zum Beispiel?
Tunkara: Die Übergangsregierung in Mali hat den lokalen Gemeinschaften aktiv ihre Landrechte zurückgegeben, indem sie eine Bodenreform verabschiedet hat, die die Einbeziehung aller – einschließlich Frauen und Jugendlicher – fördert. In ähnlicher Weise stellt die Verstaatlichung von Industrien in Burkina Faso eine direkte Herausforderung für ein internationales System dar, das es vorzieht, dass Afrika lediglich ein Lieferant billiger Rohstoffe bleibt. Wahre Souveränität bedeutet, die wirtschaftliche Sicherheit unserer Bevölkerung vor ausländische Handelsinteressen zu stellen.
taz: „Eine andere Welt ist möglich“ – so lautete der Slogan des Weltsozialforums. Glauben Sie daran?
Tunkara: Ja. Eine andere Welt ist möglich, wenn sich die Menschen ihrer Rechte bewusst sind. Eine andere Welt ist möglich, wenn die internationale Gemeinschaft versteht, dass wir alle gleich sind. Eine andere Welt ist möglich, wenn wir zusammenkommen und wenn wir in der Lage sind, sowohl die Politik als auch die Handelsregeln so zu gestalten, dass sie uns nicht unterdrücken, sondern uns allen zugutekommen.
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