: Der Hummer muss weg
INVASION Schwedens Regierung hat die Kontrolle verloren: über den US-Hummerin Europa – und einen Kulturkampf unter Wasser, auf den die AfD neidisch wäre
Von Martin Kaul
Die Geschichtsschreibung botanischer und animaler Ansiedlungen könnte so einfach betulich weitererzählt werden, wären da nicht Schweden, die EU-Kommission und der amerikanische Hummer, der seine Grenzen nicht kennt. Aber weil das so ist, hat nun in Schweden ein Kulturkampf um den Hummer seinen Ausgang genommen, der sich wie das Umweltprogramm der AfD liest. Es geht um die Invasion des US-Lobsters, um dessen ungezügelte Vermehrung und die Krankheiten, die er einschleppt. Und natürlich geht es vor allem: um den Schutz des europäischen Hummers. Die Einsicht: Wo ein Tier erscheint, das vorher noch nicht da war, folgen schnell Verdrängung, Konkurrenz und Tod. Denn die schwedische Regierung, so berichtet der britische Guardian, hat an den Küsten des Landes in den letzten Jahren ganze 30 amerikanische Hummer gezählt, die eigentlich rund um Maine an der amerikanischen Ostküste beheimatet sein sollten. Und wie das mit Meeren so ist: Niemand weiß, ob am Meeresgrund schon eine Armada amerikanischer Lobster begonnen hat, die europäischen Artgenossen zu „verdrängen“. Diese sind schließlich kleiner und im Überlebenskampf womöglich unterlegen.
Um nun also, denn dazu gibt es ja dieses Europa, die Frage ein für alle Mal zu klären, hat die schwedische Regierung am Freitag vergangener Woche die EU-Kommission gebeten, den Fremdhummer als invasive Tierart zu brandmarken und den Import lebendiger Amerika-Hummer in die EU zu verbieten: Der Hummer muss weg.
Denn hinter den vereinzelten Funden der nicht besonders verbreitungsfreudigen Tiere vermuten die Schweden Methode: Schlepper quasi, die die lebendigen Hummer aus den USA mitbringen, um sie in Europas Gewässern anzusiedeln. In Einzelfällen, heißt es aus Schwedens Umweltministerium, seien schon Hummer gefunden worden, die die Plastikbändchen amerikanischer Exportfirmen getragen hätten.
Diese Unterstellung macht wiederum die US-Hummerexporteure nervös. Sie könnte ein europäisches Importverbot lebendiger Lobster teuer zu stehen kommen. Weil Gourmets rund um die Welt den Hummer lieber frisch verzehren, wird die Delikatesse – einstmals Essen der Armen – gemeinhin nur lebendig transportiert. Und so laufen sich in den USA bereits die ersten Anwälte und Wissenschaftler warm, um zu beweisen: dass der amerikanische Hummer keine Krankheiten verbreitet. Und dass 30 noch keine echte Invasion bedeutet.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen