Der Ethikrat: Die Kratzer der anderen

Darf man andere darauf hinweisen, dass ihre Probleme in die Sparte First World Problem gehören? Der Ethikrat hat Einwände.

Ein schneebedecktes Wipptier

Der Ratsvorsitzende klappte einen Regenschirm auf und nahm auf einem raupenähnlichen Wipptier Platz Foto: Arno Burgi/dpa

Kürzlich ging ich im Regen mit den Kindern auf den Spielplatz, als ich auf den Ethikrat traf. Der Ethikrat, das sind drei ältere Herren von geringer Größe, die mich gelegentlich aufsuchen, um mir Hinweise in Sachen praktischer Ethik geben. Zu meiner Überraschung waren sie in Begleitung eines Kleinkindes, das weitgehend in Schal, Mütze und Schneeanzug verborgen war.

Es warf Matsch auf den Mantel des Ratsvorsitzenden, der so tat, als bemerke er es nicht. „Oh, Sie sind heute in Begleitung“, sagte ich. „Wir unterstützen einen Doktoranden, der trotz familiärer Verpflichtungen seine Arbeit beenden muss“, antwortete der Ratsvorsitzende. „Ist das nicht anstrengend?“, fragte ich.

Eines der beiden anderen Ratsmitglieder, die in der Regel schweigen, öffnete seine Tasche und holte eine kleine Urkunde heraus. Ich ging näher heran: „Der Ethikrat ist als familien­freundliche Einrichtung zertifiziert“ stand darauf. Das erinnerte mich unangenehm an die LeserInnenbriefe, die ich bekommen hatte nach einem Text, in dem ich die Klagen von Familien über unzumutbare Belastungen kritisierte.

Einer der Kritikpunkte war gewesen, dass die GrundschülerInnen sehr plötzlich und ohne ausreichende Vorbereitung eine Maske tragen müssten, und ich hatte argumentiert, dass einem Schlimmeres passieren könne. Eigentlich bekomme ich nie LeserInnenbriefe, aber diesmal kamen einige. Sie waren wenig wohlwollend und warfen mir Empathielosigkeit vor, und während ich daran dachte, sah ich aus den Augenwinkeln, wie das Doktorandenkind mit einer Schippe auf das jüngere meiner Kinder einschlug.

Ein First World Problem

„Darf ich Sie trotz Ihrer Betreuungsaufgaben etwas fragen?“, wandte ich mich an den Ethikrat. „Natürlich“, sagte der Vorsitzende, klappte einen Regenschirm auf und nahm auf einem raupenähnlichen Wipptier Platz. „Es ist anstrengend, mit zwei Kindern zu Hause zu sitzen, aber es scheint mir deutlich bitterer, mit Corona auf der Intensivstation zu liegen“, sagte ich. „Wieso sollte es nicht adäquat sein, die eigenen Sorgen und auch die der anderen in ein Verhältnis zu setzen?“. Der Ethikratvorsitzende sah an mir vorüber zur Wippe, von der mein jüngeres Kind gerade das zeternde Doktorandenkind schubste.

Aber es war nicht der Moment, sich darum zu kümmern, es war der Moment, eine philosophische Bestätigung dafür zu erhalten, dass es eine Unterscheidung zwischen First World Problems und tatsächlichen Problemen geben durfte.

Den Begriff „First World Problems“ hatte ich vor nicht allzu langer Zeit zum ersten Mal bei einem Kollegen gehört und benutze ihn gern, weil er so kompakt ist und so wirkt, als sei er in den Debattierklubs dieser fortschrittlich schlauen US-Unis zu Hause. Mit etwas Glück konnte ich den Rat damit beeindrucken.

„Eine kluge Erzieherin hat einmal zu mir gesagt: Kinder, die man tröstet, wenn sie hinfallen, statt ihnen zu sagen: ‚Ist doch nicht so schlimm‘, beruhigen sich viel schneller“, sagte ich in Richtung Ethikrat. „Das leuchtet mir ein, aber trotzdem: Erwachsene sollten doch gelegentlich in der Lage sein, zu sehen, dass sie da nur einen Kratzer haben und ihr Nachbar immerhin einen Schädelbasisbruch.“

Zwei der Ethikratmitglieder verscheuchten die Kinder von der Wippe, um sie selbst auszuprobieren. Immerhin wandte sich der Ratsvorsitzende mir zu. „Glauben Sie, die Situation der anderen beurteilen zu können?“, fragte er. „Nein“, sagte ich. „Aber ich kann auch die der Waffenhändler, Giftgasherstellerinnen und Autorennenteilnehmer nicht beurteilen. Ich kann ja nicht mal meine eigene beurteilen“.

Der Ratsvorsitzende wandte sich ab; ich hätte es wissen können, er war kein Freund von Polemik, zumindest nicht meiner. „Das endet doch in dieser bequemen Gleichgültigkeit, wo niemand niemandem etwas Kritisches sagt, zumindest nicht jenseits irgendwelcher anonymen Internetforen“, rief ich dem Rücken des Vorsitzenden hinterher. Er ging in Richtung des Spielhauses, aus dem Kindergeschrei zu hören war. Dort wurde es still und ich hätte viel darum gegeben, dabei zu sein, aber ich wagte nicht, zu stören.

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